Allround-Talent Abwasser – Die Braunschweiger Rieselfelder

Abwasser fristet ein Schattendasein im Abfluss. Zu Unrecht: Braunschweigs Abwasser landet in der Kläranalage Steinhof und leistet dort einiges.

Übel. Wirklich übel riecht es, als ich das Betriebsgelände der Kläranlage Steinhof betrete. Es ist ein feuchter Tag. Meine blauen Gummistiefel sind schon ganz schmutzig von der Erde, die von dem Regen matschig geworden ist. Auf der Klinke des Eingangstores liegt Feuchtigkeit. Ich fasse sie mit spitzen Fingern an. Es ist Regenwasser – natürlich. Aber dort, wo das gesamte Abwasser der Stadt Braunschweig zusammenläuft, dort kann ich die gedanklich aufkommende Frage nicht abschütteln, ob das auf der Klinke und auf meinen Schuhen denn wirklich nur Regenwasser ist. 
122 Liter Wasser verbrauchen die BraunschweigerInnen jeden Tag im Durchschnitt. Und dieses Abwasser endet in einem kleinen Ort am Rande Braunschweigs. In Steinhof. Dort fließt es geradewegs weiter – innerhalb der Zuständigkeit des Abwasserverbandes Braunschweig. 

„Wenn man in Braunschweig auf die Toilette geht, kann man davon ein Jahr später das Licht einschalten“

Die Rieselfelder sind öffentlich zugänglich – sofern sich alle Menschen an die Regeln halten. (Foto: Charlotte Krebs)

Begeistert. Das ist Jörg Walther, wenn er von seiner Arbeit im Rieselfeld spricht. Er arbeitet bei der Stadtentwässerung Braunschweig. Die betreibt die Rieselfelder des Abwasserverbandes. „Betrieb Gewässer“ steht auf seiner Visitenkarte. Immer mal wieder klingelt das Telefon. Dann wird das Wassermanagement besprochen. Das Wasser kann Walther auf abwasserrelevante Nährstoffe untersuchen – und viele andere Kennzahlen. Strenge Regelungen gibt es, die die Wasserqualität bestimmen. Und unabhängige Institute, die diese überprüfen. Ein Prüfbericht des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz ist angekommen. Die Werte sind um Längen erfüllt. Eine saubere Arbeit. Doch bis aus dem Abwasser wieder Klarwasser wird, das in die nächsten natürlichen Gewässer geleitet werden kann, braucht es einige Zeit – und einige Arbeitsschritte.

Das Abwasser-Prinzip:

1. Das Abwasser aus Braunschweig gelangt innerhalb weniger Stunden ins Klärwerk Steinhof und wird dort biologisch und mechanisch gereinigt. Nur ein Mal wird es gepumpt und fließt sonst durch Verdrängung oder durch ein Gefälle zur nächsten Reinigungsstation. Einen Tag verbringt das Abwasser in der Kläranlage. Im Reinigungsprozess fällt Klärschlamm an. Dieser ist besonders nährstoffreich und wird unter anderem auf landwirtschaftlich genutzten Flächen als Dünger verwendet. (Foto: Charlotte Krebs)

2. Zwei Wege kann das Abwasser nun einschlagen: Verrieselung oder Verregnung. In der Vegetationszeit von Februar bis November wird das geklärte Wasser zum Großteil auf den Flächen des Abwasserverbandes verregnet. Der Nährstoffgehalt des Wassers ist an den Bedarf der LandwirtInnen angepasst und kann so wieder als Dünger wirken. Mais und Roggen, die dort vor allem angebaut werden, gelangen in die Biogasanlage, woraufhin im Blockheizkraftwerk Strom und Wärme erzeugt werden kann: Licht aus der Toilettenspülung. (Foto: Abwasserverband Braunschweig)

3. Der andere Teil des geklärten Wassers wird in den Rieselfeldern verrieselt. Über Zuläufe gelangt das Wasser in sogenannte Becken, die wie natürliche Gewässer anmuten. Das Wasser fließt kaskadenartig durch die Teiche: Ein Oberflächensystem. An anderen Stellen versickert das Wasser jedoch auch und wird während einer Bodenpassage gefiltert. Sieben bis zehn Tage lang. (Foto: Charlotte Krebs)

4. Dem nährstoffreichen Schmutzwasser wurden während des Klärprozesses die Nährstoffe entzogen. Über den Aue-Oker-Kanal wird das Klarwasser dann in die Oker geleitet. (Foto: Charlotte Krebs)

Noch im 19. Jahrhundert wird das Abwasser aus Braunschweig gar nicht geklärt, sondern direkt in die Oker geleitet. Doch aus dem Fluss wird gleichzeitig Trinkwasser gewonnen. Ende des 19. Jahrhunderts bauen die BraunschweigerInnen erste Teile der Kanalisation, um das Abwasser Richtung Steinhof zu leiten. Dort wird das Schmutzwasser erstmals auf den Wiesen des dortigen Gutshofes verrieselt. Die Bodenschichten filtrieren das Wasser, bevor es in Gewässer oder das Grundwasser gelangt. Doch im 20. Jahrhundert werden die Rieselfelder zu klein, um das anfallende Abwasser der immer größer werdenden Stadt Braunschweig zu reinigen. Um die Oker nicht weiter zu verschmutzen, wird das Wasser nun auch auf den landwirtschaftlichen Flächen verregnet. So werden die Pflanzen durch das nährstoffreiche Abwasser bewässert und gleichzeitig gedüngt. Und heute? Heute steht auf dem Gelände ein Klärwerk, das die Abwässer zunächst klärt, bevor sie in die Rieselfelder oder auf die landwirtschaftlichen Felder gelangen.

Ökologische Vielfalt auf dem Betriebsgelände

Das Braunschweiger Abwassermodell sei besonders, so Jörg Walther. Das Abwasser werde in ganz Deutschland fast ausschließlich in Kläranlagen gereinigt, aber die sogenannte naturräumliche Abwasserreinigung durch die Rieselfelder in Braunschweig sei deutschlandweit einzigartig. „Am Tag fällt nicht immer gleich viel Abwasser an. Stattdessen gibt es Tagesspitzen, beispielsweise wenn der Tag beginnt und viele Menschen duschen“, erklärt Walther. Durch die Rieselfelder fließt aber immer ähnlich viel geklärtes Abwasser in die Oker. So wird die empfindliche Gewässerökologie der Oker nicht durch wechselnde Ströme aus dem Gleichgewicht gebracht.
Engen Kontakt pflegt Walther mit der Avifaunistischen Arbeitsgruppe des NABU Niedersachsen, kurz AviSON. Schon von Weitem erkennt er die Ornithologinnen und Ornithologen, die am Rand der Becken mit einem Fernglas stehen. „Ornis“ nennt er sie fast liebevoll.

Die Rieselfelder haben damit gleich einen doppelten Nutzen. Als Zwischenschritt der Abwasserreinigung gehören sie zum Betriebsgelände der Kläranlage. Und doch sind sie Feuchtbiotop und damit Lebensraum für viele Tierarten, denn das Gebiet wird kontinuierlich bewässert und besitzt so immer feuchte Lebensräume für verschiedene Vogelarten. „Wir versuchen den Betrieb so zu organisieren, um möglichst viel für den Natur- und Umweltschutz tun zu können“, so Walther. Vielfältig ist die Landschaft durch den Rieselbetrieb: Zuläufe und Gräben. Große Teiche und kleine Tümpel.  
„Die Rieselfelder dienen in erster Linie der Abwasserreinigung, aber davon profitieren natürlich auch andere. So haben wir einen Mix an Interessen hier“, erzählt Walther. Teile der Rieselfelder werden auch landwirtschaftlich verpachtet – mit Regelungen zum Naturschutz. So dürfen beispielsweise die Flächen nicht das ganze Jahr bearbeitet werden und kommen seltene Vogelarten vor, können Einschränkungen gelten. Die Rieselfelder sind außerdem Jagdgebiet. Nach einer Treibjagd sind die Tiere viel scheuer, beobachten die NaturschützerInnen. Und auch unter ihnen herrscht nicht immer Einigkeit. „Die Arbeitsgruppen für Heckenvögel wollen natürlich eine ganz andere landschaftliche Gestaltung als diejenigen für die Wasservögel. Da muss man auch Kompromisse finden“, so Walther.
Mit einem Ornithologen hat Walther oft Kontakt. Bernd Hermenau beringt Limikolen für die Vogelwarte Helgoland, ein Institut für Vogelforschung. Limikolen sind Watvögel, die die Schlammflächen als Lebensraum beanspruchen. 567 Limikolen hat er in den Rieselfeldern und den angrenzenden Okerauen bereits gefangen – die meisten davon sind Zwergschnepfen. „Naturschutz funktioniert nicht nur durch konkrete Maßnahmen, sondern auch durch Kontrolle. Indem wir seltene Vogelarten beobachten und zählen, leisten wir ebenfalls einen wichtigen Beitrag“, so Hermenau. Durch die Beringung lassen sich – auch über Deutschland hinaus – Brutgebiete und Zugwege der Limikolen nachvollziehen, denn diese sind bisher gar nicht umfassend bekannt. Ort und Datum der Beringung sind in einer Datei hinterlegt – unter einer Zahlenfolge, die die Limikolen dann als Ring um das Bein tragen. Manchmal fängt Hermenau Limikolen, die er bereits beringt hat – ein Kontrollfang. Kann er nun Ort und Datum der Beringung mit dem neuen Fang vergleichen, liefert das neue Informationen: Rastdauer, Alter, Überlebensrate.

Doch so wie heute sahen die Rieselfelder nicht immer aus. Mit einer Änderung des Wasserbetriebs verändert sich auch die Landschaft. Und mit ihr die Tierwelt. Noch im 20. Jahrhundert sind vor allem Limikolen heimisch. Braunschweiger Wattenmeer werden die Rieselfelder auch genannt. Mit dem Bau der Kläranlage entstehen seit 1980 mehr Becken, die regelmäßig voll mit Wasser gefüllt sind. Entenvögel profitieren davon. Schon bald kommen auch Fische in dem Wasser vor. Und mit ihnen auch fischfressende Arten – wie Fischadler und Graureiher. 

In den Rieselfeldern ist zu jeder Jahreszeit viel los. Mal bunter, mal leiser:

Für die Menschen aus der Region ist es ein Naherholungsgebiet. Breite Wege laden Radfahrende und SpaziergängerInnen ein. Und die Braunschweiger Rieselfelder zeigen, wie der Eingriff des Menschen einen Lebensraum für viele Tierarten schaffen kann. Das heißt? Abwasser ist mehr als Schmutzwasser! Es ist eine wertvolle Ressource.
Und ja, ich bin mir sicher: Es war wirklich nur Regenwasser.

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