Arbeit mit dem Tod

Wenn wir an Ausbildungsberufe denken, fallen uns Berufe wie Bürokaufmann/-frau, Einzelhandelskaufmann/-frau, FloristIn, DekorateurIn oder TischlerIn ein. Doch es gibt eine Ausbildung, die etwa 27 Berufszweige miteinander vereint und damit sicher zu den anspruchsvollsten Ausbildungen zählt. Die Rede ist von der Ausbildung zur Bestattungsfachkraft.

„Man darf sich keine Fehler erlauben, es muss alles hundert Prozent gerade laufen, sonst lässt sich das nicht reparieren.“ Dieser Satz bietet nur einen kleinen Vorgeschmack darauf, warum der Beruf des Bestatters einer der anspruchsvollsten Ausbildungsberufe ist. Lars ist nur einer von vielen, der sich zur Bestattungsfachkraft ausbilden lässt.  

„Ih, wie kannst du nur? Hast du schon mal eine Leiche gesehen?“ Das sind die häufigsten Fragen, die Malek, ein anderer Auszubildender, zu hören bekommt. Er ist Auszubildender im dritten Lehrjahr und in weniger als einem Jahr ausgebildete Bestattungsfachkraft. „Ja klar habe ich schonmal Leichen gesehen, ich bin ja Bestatter. Aber die Leute fragen das immer, einfach weil sie nicht wissen, was `Bestatter` ist. Ich glaube, das wissen sehr viele nicht.“  Dabei ist der Tod eine alltägliche Sache und es muss und wird immer Leute geben, die diesen Beruf erlernen müssen, denn „gestorben wird immer. Unsere Arbeit wird immer gebraucht.“ Andreas Günter, Gründer eines Bestattungsunternehmens in Braunschweig, bringt es mit diesem Satz präzise auf den Punkt. Es muss sich ein neues Bewusstsein für diesen Ausbildungsberuf entwickeln, denn es steckt weit mehr hinter dem Bild des „verknöcherten, alten Totengräbers“, welches sich präsent in den Köpfen der Gesellschaft hält.

„Es ist ein wahnsinnig breit aufgestelltes Berufsfeld und die Anforderungen an die Auszubildenden sind schon sehr hoch.“, sagt Andreas Günter.

Es fängt bei der Arbeit mit dem Verstorbenen an. Um den Toten hygienisch zu versorgen und aufzubereiten, braucht es medizinische Grundkenntnisse darüber, wie sich der Körper nach dem Tod verändert. Bevor der Verstorbene eingebettet werden kann, muss der Bestatter seine handwerklichen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Die Sargschalen werden mit Griffen versehen und der Innenraum mit Decke und Kissen ausgestattet, gepolstert und verziert. „Wieso man das braucht? Na damit der Verstorbene weich gebettet ist und nicht in der rohen Holzkiste liegt. Man macht es nicht, weil man es muss, sondern weil man es möchte.“, so Philipp, Mitarbeiter im Betrieb seines Vaters Andreas Günter. Er spricht von Pietät und einem respektvollen Umgang, da man nie aus dem Auge verlieren darf, dass man es mit Menschen und nicht mit Waren zu tun hat.

Der Bestatter muss sich auch um die Hinterbliebenen kümmern. Mit viel emotionalem Einfühlungsvermögen, Organisationstalent und einem kühlen Kopf, setzt er sich mit den Wünschen und Anliegen auseinander und ist ein Ansprechpartner in der schweren Zeit. „Was sie empfinden ist Hass, Wut und Verzweiflung und wir sind da, um sie zu begleiten.“, sagt Malek.

Neben all den emotionalen Gesprächen gilt es jedoch auch eine Trauerfeier zu planen und umzusetzen. Dafür braucht es einen gut geführten Terminkalender, dekoratives Verständnis und ein Auge fürs Detail. Blumen, Lichter und Tücher werden dem Anlass gerecht und aufeinander abgestimmt arrangiert, um eine möglichst angenehme Atmosphäre zu schaffen. Nicht zu selten spiegeln sie eine persönliche Leidenschaft des Verstorbenen wieder.

Auch bei der „Arbeit“, die ein Verstorbener hinterlässt, greift das Bestattungsunternehmen den Hinterbliebenen unter die Arme. Nicole Kochendorf ist die Bürokraft im Unternehmen Günter und erklärt: „Ein Mensch hat ja auch ganz viel Papierkram. Krankenkasse, Rente und viele andere Sachen müssen abgemeldet werden.“ Da wird der Bestatter auch schnell mal zum Büroangestellten hinter Schreibtisch und Computer.

Zu guter Letzt, ist der Beruf nichts für Angsthasen. Damit sind nicht die gemeint, die den Tod fürchten, sondern diejenigen, die sich vor Verantwortung drücken, denn Fehler sind unentschuldbar und nicht zu revidieren. Das, was bleibt, ist die Erinnerung an den Abschied eines geliebten Menschen.

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