Armwrestling-Weltmeister im Interview

Die eineiigen Zwillinge Jan und Fabian Täger (35) vom VfL Wolfsburg holten 2019 beide WM-Titel im Armwrestling für Deutschland. Im Finale des Links- und Rechtskampfes kam es zum Gefecht zwischen den Brüdern. Erfahrt im Campus38-Interview alles zur unglaublichen Karriere der „Dangerous Twins“ in der eher unbekannten Sportart.

Jan und Fabian – Sie sind seit der Weltmeisterschaft 2019 in Polen amtierende Weltmeister im Armwrestling und somit die wohl stärksten Zwillinge der Welt. Jan ist Weltmeister mit dem linken Arm und Fabian mit dem rechten. Sowas ist einmalig, haben Sie jemals mit so einem Erfolg gerechnet?

Fabi: Damit gerechnet, jein. Wir waren schon öfter ganz oben an der Weltspitze mit dabei und die letzten acht Jahre immer unter den Top-10. Dass wir als Zwillinge jedoch im selben Jahr Weltmeister werden mit unseren „Favoriten-Armen“, kam natürlich auch für uns überraschend! Davon kann man normalerweise nur träumen.

Fabian Sie mussten am Tag des ersten Finales im Linkskampf gegen Ihren Zwilling kämpfen. Wie fühlte sich das an, gegen den eigenen Bruder zu kämpfen und zu verlieren?

Fabian: In erster Linie war ich überglücklich überhaupt so weit gekommen zu sein den Tag. Denn wir wissen vom Training, dass mein linker Arm der schwächere ist. Ich habe es ihm aber vollkommen gegönnt. Sicher ist es anders, wenn dein Gegner dein Zwillingsbruder ist! Vor allem im Finale geht´s um die Wurst! Aber wir sind es gewohnt gegeneinander zu kämpfen aus dem Training und auch von anderen Turnieren.

Sie sind ja am nächsten Tag wiederum im Rechtskampf Weltmeister geworden. Diesmal verlor Ihr Zwilling Jan. Sie sprechen von „Favoriten-Armen“ und dass der linke der schwächere ist. Ist der linke dann trainiert wie der von Popeye und der rechte nicht, oder wie kann man sich das vorstellen?

Fabian (lacht): Nein, man trainiert selbstverständlich immer beide Arme gleich viel! Also es ist nicht so, dass ich mit rechts Hulk bin und mit dem linken gar nichts auf die Reihe bekomme. Aber so wie andere mit rechts oder links schreiben, schießen oder auch andere Tätigkeiten besser können, gibt es dieses Phänomen eben auch beim Armwrestling. Jan ist links stärker und ich rechts. Das hat sich in der WM wieder sehr gut gezeigt.

Und wie sind Sie beide zum Armwrestling gekommen? Es gehört nicht unbedingt zum Volkssport. Ist Ihnen abends in der Kneipe aufgefallen, dass Sie auch den breiteren Männern den Arm wegdrücken?

Fabian: Das stimmt, es ist eine Randsportart und vielen tatsächlich noch unbekannt. Man kennt das Armdrücken von Partys. Tatsächlich war es so, dass wir überraschenderweise gefühlt zu 99 % gewonnen haben, auch gegen die vermeintlich Stärkeren und Schwereren.

Jan: Damals war es nur zum Spaß, da kannten wir Armwrestling auch noch gar nicht. Heute wissen wir, dass es eine professionelle Sportart ist, mit genormtem Wettkampftisch und Schiedsrichtern. Es unterscheidet sich klar vom klassischen Armdrücken als „Kneipenvergnügen“, wie wir immer so schön sagen. Es braucht nicht nur Kraft, sondern auch Schnelligkeit, mentale Stärke und Köpfchen im Kampf.

Inwiefern ist auch Schnelligkeit und Köpfchen gefragt?

Jan: Der schnelle Start ist unheimlich wichtig, der ist ausschlaggebend! Wenn das „Ready Go“ vom Schiri kommt, musst du mehr als bereit sein.  Und im Armwrestling geht es auch ganz viel um Taktik, du musst den Gegner einschätzen können und dich wahnsinnig konzentrieren.

Armwrestling

Armwrestling (engl. für Armringen) ist eine professionelle Kraftsportart, die sich vom herkömmlichen Armdrücken ableitete. Eine gute Technik und Schnelligkeit sind besonders wichtig. Anders als beim Armdrücken wird im Stehen an einem 1,04 Meter hohen Tisch gekämpft. Die freie Hand umklammert einen Haltegriff. Der Ellenbogen des kämpfenden Armes wird im Ellenbogenpolster positioniert.

Wie läuft denn so ein Kampf im Armwrestling generell ab? 

Fabian: Zuerst wird man vom Schiedsrichter positioniert und ausgerichtet. Die Handgelenke werden geradegestellt, die Schultern parallel zum Tisch. Wenn für den Schiri alles passt, kommt das alles entscheidende Startzeichen „Ready Go“. Beim Go geht’s sofort los.

Und wenn Sie dann voll in Fahrt sind, wie lange geht dann das Gefecht?

Fabian: Zwischen einer halben Sekunde und sieben Minuten.

Eine halbe Sekunde lang? So schnell kann ja keiner gucken!

Jan: Doch, so schnell kann es gehen. Wenn der Gegner vergisst die Vorspannung zu machen oder nicht fokussiert ist, dann Zack! Vorbei.

Was genau bedeutet Vorspannung machen?

Fabian: Wenn die Hände zusammen sind, merkst du deinem Gegner an, wenn er bereits vor dem „Ready Go“ Kraft aufbaut.

Jan: Manche bauen aber auch bewusst keine Vorspannung auf, das ist für mich persönlich absolut unangenehm. Die explodieren förmlich nach dem Startschuss!

Ist der Kampf allgemein unangenehm? Den schreienden Gesichtern zufolge, müssen das höllische Schmerzen sein?

Jan: Das ist nur das Adrenalin! Schmerzen hat man in dem Moment nicht, die kommen dann meistens hinterher. Aber der Kampf selbst fühlt sich an wie im Film, man spürt nichts und hört auch nichts. Alles geht so schnell!

Fabian (lacht): Da kannst du auch noch so heftig von den Teamkollegen angeschrien werden, das hörst du nicht!

Und Sie sagen, man hat nach dem Kampf Schmerzen?

Fabian (lacht): Klar, man ist auf gut Deutsch voll im Arsch! Es ist ja nicht nur der Arm, sondern die Anspannung des ganzen Körpers. Manchmal hat man zwei Wochen was von einem Turnier. Muskelkater, Schmerzen in den Gelenken und was nicht noch alles!

Jan: Wir haben auch schon gesehen, dass sich eine Teilnehmerin den Arm gebrochen hat. Das ist dann schon heftig!

Aua! Interessant, dass es eine Teilnehmerin war. Hier denke ich persönlich an muskulöse, harte Männer. Gibt es denn viele Frauen, die sich für Armwrestling begeistern?

Jan: Absolut, ja! Es gibt selbstverständlich auch einige Frauen, wenn auch der Anteil hier noch geringer ist. In Osteuropa, zum Beispiel in Kasachstan, gibt es viele Armwrestlerinnen – aber auch in Deutschland. Frauen kämpfen in zwei verschiedenen Gewichtsklassen, einmal bis 65 Kilogramm und darüber.

Und welche grundsätzlichen Regeln gibt es, die beachtet werden müssen? Um eventuell auch solche Unfälle zu vermeiden?

Fabian: Vermieden werden können solche Unfälle nur, wenn man auf den richtigen Stand achtet, nicht durch Regeln. Grundsätzlich darf nicht zu früh gestartet werden, man muss den gesamten Kampf über den Haltegriff berühren und der Ellenbogen darf das Polster nicht verlassen, auch nicht nur minimal angehoben werden. Sonst gibt es ein Foul!

Sie beide kommen vom VFL Wolfsburg. Verdienen Sie durch das Armwrestling Ihren Lebensunterhalt?

Jan: Nein, wir haben beide einen Vollzeitjob. Ich arbeite als Windkanal-Techniker und Fabian als Service-Techniker für Gasmotoren. Armwrestling ist also ein Hobby, kein Beruf. Wir bekommen Startgebühren vom Verein und einmal im Jahr einen Zuschuss für die Europameisterschaft oder Weltmeisterschaft

Profisportler und Vollzeitjob. Wie schafft man das?

Jan: Für Weltmeisterschaften nehmen wir uns frei, teilweise bekommen wir von unseren Arbeitgebern Sonderurlaub. Klar ist es oft auch anstrengend, alles unter einen Hut zu bekommen! Vor anstehenden Turnieren trainiert man gut und gerne vier Mal die Woche, verliert an Gewicht und hat keine Zeit für irgendwelche anderen Dinge.

Fabian: Durch den Sport kommt man aber gut herum! Wir waren schon in Thailand, Kasachstan, Bulgarien, Brasilien und ich könnte wahrscheinlich noch 25 andere Länder aufzählen. Wir verbinden die Turniere dann oft mit 1-2 Wochen Urlaub dort und erholen uns.

Der Deutsche Armwrestling Verband orientiert sich am Code der Nationalen Anti-Doping Agentur Deutschland (NADA). Mit dem Doping-Kontroll-System und Maßnahmen zur Prävention, setzt sich die NADA für „saubere Leistung, Fairness und Chancengleichheit im Sport“ ein.

Turnier und Reise zu verbinden ist doch praktisch. Und wie sieht das typische Armwrestling-Training aus? Eine Menge Spinat essen reicht da wohl nicht aus?

Jan (lacht): Nein, das reicht leider nicht! Allgemeines Krafttraining, um den ganzen Körper zu trainieren und dann gibt es spezielle Armwrestling-Übungen, um die Fingerkraft, Griffkraft und die Handgelenke zu stärken. Und ganz viel Tischtraining! Am besten mit den verschiedensten Gegnern!

Thema Doping?

Jan: Damit haben wir nichts am Hut! Wir werden regelmäßig getestet von der NADA und das ist auch gut so. Meiner Meinung nach werden noch viel zu wenig Proben genommen im Kraftsport. Das ist ausbaufähig!

Fabian: Das stimmt, es gibt immer schwarze Schafe. Bei der Europameisterschaft 2015 bin ich zwei Wochen nach dem Kampf vom vierten auf den dritten Platz gerutscht, weil jemand gedopt hatte.

Glück für Sie, Fabian! Mit Sicherheit aber ein anderes Gefühl?

Fabian: Ja schon, darüber kann man sich dann nicht wirklich freuen. Dass es trotz Anti-Doping-Maßnahmen überhaupt noch immer vorkommt, verstehe ich einfach nicht!

2018 haben Sie in der Fernsehshow „Ninja Warrior Germany“ mitgemacht und waren fast schon eine Attraktion. Das war bestimmt mal eine ganze andere Erfahrung?

Jan (lacht): Zuerst war das eine Schnapsidee unserer Freunde, die haben uns heimlich angemeldet. Weil wir immer eine große Klappe hatten, so nach dem Motto: „Das schaffen wir locker auch!“. Die Show jedoch war sofort interessiert an unserer Story und so waren wir dann mit von der Partie.

Fabian: Wir sind aber immer offen für sowas! Es war eine echt coole Erfahrung und hat auch viel Spaß gemacht.

So kam Armwrestling nach Deutschland

1986 wurde der Kultstreifen „Over the top“ mit Sylvester Stallone gedreht. Die WM der Armwrestler in Las Vegas sollte eine fundamentale Rolle im Film spielen und so veranstaltete der Amerikanische Armwrestlingverband und die Filmgesellschaft eine inoffizielle Deutsche Meisterschaft in München. AlsTrophäe winkte die Qualifizierung für die WM in Las Vegas. Der ehemalige Bundesliga-Gewichtheber Günther Heiss war so beeindruckt von dem Flair der Veranstaltung, bei der schwitzende, starke Armdrücker stundenlang kämpften und beschloss, diese Sportart professionell in Deutschland einzuführen.

Noch etwas Persönliches. Sind Sie denn auch als Zwillingsbrüder stark verbunden, ein Herz und eine Seele?

Fabian: In den meisten Fällen schon!

Jan (lacht): Aber es kommt auch öfter mal zum Streit. Dann schlagen wir uns die Köpfe ein! Nein, Spaß. Wir verbringen schon sehr viel Zeit zusammen, wohnen in einem riesigen Haus, machen gemeinsam Sport und fahren in den Urlaub. Wir haben auch den gleichen Freundeskreis, was ja bei Zwillingen oft der Fall ist.

Das kann ich als Zwilling nur bestätigen! 

Fabian: Hinzu kommen unsere Hobbies wie schnelle Autos, Motorräder, Mountainbike fahren und Angeln.

Jan: Das heißt, wenn wir nicht für den Sport unterwegs sind, dann sind wir draußen. Gerne auch mal mit dem Metalldetektor!

Da haben Sie trotz Pandemie, so ganz ohne Training und Wettkämpfe, noch genug Beschäftigung! Wie wird es denn zukünftig weitergehen?

Fabian (lacht): Nein, bei uns kommt absolut keine Langeweile auf! Wir haben sowieso einen eigenen Fitnessraum und Haus und Hof halten uns zusätzlich auf Trab. Wenn die Wettkämpfe wieder losgehen, werden wir natürlich alles daran geben unsere WM-Titel zu verteidigen!

Jan: Genau! Und vielleicht konnten wir sogar einige junge Leute für das Armwrestling begeistern…

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg weiterhin. Bleiben Sie stark!

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