Bin ich süchtig?

Völlig legale Suchtmittel bestimmen unseren Alltag und machen uns abhängig: Alkohol, Nikotin und Koffein sind in der Gesellschaft anerkannt. Marlena Meyer macht den Selbsttest: Bin ich eigentlich süchtig?

Bei Drogen denkt man zuerst an Psychedelika wie LSD, Amphetamine wie Crystal oder MDMA oder auch an die immerwährende Legalisierungsdebatte um Cannabis. Man assoziiert diese Drogen mit etwas Verbotenem und Gefährlichem. Und warum? Weil die Gesellschaft es uns so indoktriniert. Dabei sind es vielmehr die legalen Drogen, die uns zur Sucht verführen. Oft ist uns gar nicht bewusst, dass wir jeden Tag Drogen konsumieren – „Genussmittel“ wie Nikotin, Koffein und Alkohol. Typische Alltagsgegenstände, die von der Gesellschaft akzeptiert sind und die wir kaum infrage stellen. Legale Drogen, die uns auf legalem Wege süchtig machen. Aber wo fängt die Sucht an und bin ich vielleicht am Ende selbst süchtig?

Ein Überblick: Die meisten Todesopfer durch Drogen fordert die Zigarette mit etwa 110.000 Menschen jährlich. Durch Alkohol sterben jährlich rund 74.000 Menschen – noch weitaus mehr kämpfen mit den Folgeschäden von Alkohol. Eine vergleichsweise geringe Zahl verstarb an illegalen Drogen – laut der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler 2016 nur etwa 1.333 Menschen. Da fragt man sich, wieso jene Suchtmittel legal sind, die viel mehr Opfer fordern, als andere illegale Drogen, die den offiziellen Zahlen nach geringere Folgewirkungen zu zeigen scheinen.

In der Werbung zeigen sich Kaffee, Sekt und Vodka nur von ihren guten verführerischen Seiten. Auch wenn die offizielle Werbung für Zigaretten mittlerweile verboten ist, sind all diese Alltagsdrogen in jedem Supermarkt zu sehen und bis auf gewisse Altersbeschränkungen frei verkäuflich. Und sind wir mal ehrlich, wo stellen diese Grenzen heutzutage noch Hindernisse dar? Unter Jugendlichen wie Studierenden gilt rauchen oder trinken als cool beziehungsweise normal. Eine große Gefahr besteht darin, dass besonders Jugendliche gar nicht genau wissen, was Stoffe wie Alkohol, Nikotin und Koffein überhaupt bewirken.

Ohne Muntermacher Koffein geht meist nichts

Koffein ist eins der alltäglichsten Suchtmittel – da es in Kaffee, Cola oder Tee vorhanden ist, gehört es für viele zu den Grundnahrungsmitteln: Im Durchschnitt trinken die Deutschen mehr Kaffee als Wasser. Morgens ein Kaffee oder Tee, mittags folgen Energy Drinks – ohne Muntermacher Koffein geht zumeist nichts. Das Gegenteil tritt aber ein, wenn die Wirkung nachlässt: Nervosität, Herzrasen, Konzentrationsschwäche. Da sich der Körper an die Substanz gewöhnt, neigt man dazu, die Dosis zu erhöhen. Schneller als gedacht entsteht so eine Sucht, auch Coffeinismus genannt, die auf lange Zeit Krankheiten wie Herzrhythmusstörungen mit sich bringen kann. Bei meinem nahezu täglichen Koffeinkonsum ist eine, wenn auch nur leichte, Abhängigkeit wohl kaum abzustreiten.

Im Vergleich zu anderen legalen Suchtmitteln ist Koffein allerdings noch relativ harmlos. Die Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsums haben deutlich größere Ausmaße. Gerade Studierende kennen das: Trifft man sich mit Freunden, ist meistens Alkohol mit im Spiel. Gelegenheiten zum Trinken hat man immer und die Stimmung wird durch Alkohol meist auch verbessert. Trinkt man sehr häufig, wird auch hier eine Toleranz aufgebaut und man muss immer mehr konsumieren, um die gleiche Wirkung zu erzielen. In einer Abhängigkeit steht der Körper also unter Dauereinfluss eines Giftes, das sich über den Blutkreislauf auf die Organe überträgt und diese stark schädigen kann. Dazu kommt es zu starken und andauernden psychischen Auswirkungen, wie den Verlust von Kontrolle über den Konsum und über das eigene Verhalten. Also gut, dass mein Alkoholkonsum unregelmäßig und in Maßen ist und der Kater nach einer Partynacht die einzige, aber auch abschreckende Auswirkung ist.

Die tödlichste Droge Nikotin ist in Zigaretten zu finden, die nebenbei noch zahlreiche andere schädliche Stoffe enthalten. Trotzdem ist Rauchen weit verbreitet: Zirka jeder vierte Erwachsene greift täglich zur Zigarette. Und von ihnen unterliegt so gut wie jeder der Sucht. Ich selbst zähle mich als eine Partyraucherin. Aber ein Verlangen danach? Eher nicht. Im Alltag bin ich nur als Passivraucherin unterwegs, auch nicht so gut. Aber ich kenne nunmal viele langjährige Raucher. Einige davon haben versucht aufzuhören, nur wenige haben es geschafft. Die Sucht ist zu groß – rauchen für die meisten ein Ritual: Die Zigarette nach dem Essen, beim Zeitüberbrücken, bei Stress, nach dem Sex, wenn der Drang zu groß wird. Immer wieder kommt der automatische Griff zur Zigarette, der die Raucher entspannt und ihrem Stress entgegenwirkt. Bleibt die Gelegenheit zum Rauchen aus, merkt man ihnen oft sofort die aufkommende Nervosität, schlechte Laune und Unruhe als Entzugserscheinungen an.

Nur weil Substanzen legal sind, heißt das also noch lange nicht, dass sie unbedenklich sind. Geht es um Abhängigkeit, winkt man schnell mit einem „Ach, ich doch nicht“ ab. Oft ist einem die Gefahr dieser Substanzen nicht bewusst und man merkt nicht, wie sich eine Sucht entwickelt – schließlich beginnt diese ganz unmerklich etwa mit ständig wiederkehrenden Ritualen, an die man sich so stark gewöhnt, bis man sich ein Abweichen kaum noch vorstellen mag. Süchte beginnen also auch im Kopf. Daher sollte man sich sein eigenes Konsumverhalten stets genau vor Augen führen und sich fragen: „Bin ich eigentlich süchtig?“

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