Bloß weg vom Dorf

Die Jungen fliehen vom Land: Ausbildung, Studium, Berufseinstieg, die grenzenlosen Möglichkeiten der Stadt oder die reine Neugier – die Gründe sind vielfältig. Doch manche wollen auch bleiben. Was sie an ihrer (Wahl-)Heimat besonders schätzen, berichten sie hier.

Grüne Felder, soweit das Auge reicht. Nur ein schmaler, geschotterter Weg führt durch diese Weiten. Ein schwarzes Auto folgt ihm. Bis zu dem einzigen Bauernhof, der weit und breit zu sehen ist. Ein aufgewecktes „Moin!“ schallt aus der sich öffnenden Tür, als der Wagen auf dem Hof zum Stehen kommt. „Ich bin Oke“, schmunzelt der junge Mann etwas verlegen, als er seine Hand zur Begrüßung entgegenstreckt. „Ich muss mir mal eben ein frisches Oberteil anziehen“, spricht er und verschwindet kurz, um sich einen neuen Pullover anzuziehen und den Hals von den Kritzeleien seiner Freunde zu befreien. Kleiner Versuch, die Spuren des Vorabends zu entfernen. Nur leicht schimmern seine blauen Augen durch die müden Lider hervor. Doch sein Blick und der verschwommene Eintrittsstempel auf dem Handrücken verraten ihn. In den Wintermonaten treffen sich Studenten und Angestellte der landwirtschaftlichen Branche jeden zweiten Donnerstag in Rendsburg zum Feiern. „Dort ist es einfach eng, laut und witzig“, beschreibt der 22-Jährige die Fete mit ungefähr zweihundert Gleichgesinnten und streift sich durch das rotblonde Haar. „Teilweise kommen die Leute in Arbeitsklamotten. Dementsprechend riecht es dort auch“, fährt er fort, als er mit der Führung über den Hof beginnt. Auch hier ist der Geruch der Landluft ein treuer Begleiter. Ein Mix aus Kuhstall und frisch gemähtem Gras. 90 Hektar Ackerbau, Milchkühe und Mastvieh, Pferde, eine Biogasanlage und eine Solarhalle. Der Ferienhof Brodersen in Hattstedt ist wenige Kilometer vom schleswig-holsteinischen Husum und der Nordseeküste entfernt. Neben dem landwirtschaftlichen Betrieb umfasst er drei Ferienwohnungen. Städter als auch Dörfler verbringen ihren Urlaub auf dem Hof im Landkreis Nordfriesland.

Nur selten kamen seine drei Schwestern und er mit den Eltern los. Das sei aber gar nicht schlimm gewesen. „Man hat sich eben auf die Sommerferien mit den Gästen gefreut. Das waren sechs Wochen Urlaub.“ Er streckt seine Hand aus, streichelt ein Kalb. Sein Blick fällt auf das Haus seiner Großeltern. „Es gibt nichts Besseres“, äußert sich Oke lächelnd über die Situation, dass sie direkt nebenan wohnen. Er verstehe sich sehr gut mit ihnen. Über das Verhältnis zu seinem Vater konnte er das nicht immer sagen. „Zurzeit bin ich das schwarze Schaf“, beschreibt er seine Entscheidung, den Hof aktuell nicht übernehmen zu wollen. Bleibt Oke dabei, geht der Hof verloren. Inzwischen habe Okes Vater die Entscheidung akzeptiert. Leicht sei es aber nicht gewesen. Oke hat seine Lehre als Landwirt zwar abgeschlossen, wird ab Sommer aber als Disponent in einem ansässigen Lohnunternehmen arbeiten. Von befreundeten Landwirten weiß er aber auch, dass dort der Hof des Vaters übernommen wird. Die Frage, warum, wird nicht gestellt. „Man wird einfach hineingeboren“.

Ein Großteil der Deutschen bleibt dem Geburtsort oder der Heimatregion treu. Die feste Verwurzelung vermittelt das Gefühl von Geborgenheit. Vertraute Kontakte und Freundschaften, die schon von Kindesbeinen an bestehen. Ein sicheres Leben in einem sicheren Umfeld. Häufig werden dafür sogar lange Strecken zur Arbeitsstelle in Kauf genommen. Auch über die Entfernung zum Arzt und dem nächsten Supermarkt wird hinweggesehen. Ganz zu schweigen von der Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Doch besonders für junge Menschen bedeuten strukturschwache Regionen Einschränkungen im Alltag, in der Bildung, im Job und hinsichtlich der Selbstverwirklichung. Häufig muss sich also entschieden werden: Pendeln oder der Umzug in die Großstadt.

Die 25-jährige Nina entscheidet sich vor rund einem Jahr für den Umzug nach Berlin. „Es gibt hier sehr viele Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen“, schwärmt sie mit leuchtenden Augen über ihre Entscheidung. Aufgewachsen ist sie ebenfalls auf dem Land. In einem Dorf in der Nähe von Cuxhaven. Durch ihr Studium in Hamburg konnte sie bereits Großstadtluft schnuppern. München und New York bildeten in dieser Zeit Zwischenstationen für Praktika. Für ein Volontariat bei einer Zeitung zieht sie zurück in die Heimat. Danach hält sie nichts mehr dort.

Als sie sich nun im letzten Jahr für den Neuanfang entscheidet, schreibt sie lediglich eine Bewerbung. Berlin sei die einzige deutsche Stadt gewesen, die sie noch gereizt hatte. Innerhalb eines Monats folgten das Vorstellungsgespräch, die Zusage und der Umzug. „Und seitdem wohne ich hier“, lächelt sie zufrieden und zieht ihren blonden Dutt nach. Nachdenklich wird sie, als sie sich an die erste Zeit in Berlin erinnert. „Es gab Nächte, in denen ich erstmal alles verarbeiten musste. Ist das hier wirklich etwas für mich oder gehöre ich nicht doch auf das Land?“. Der raue Ton, starke Persönlichkeiten, ein ganz anderes Tempo. „Da muss man sich dran gewöhnen“, ergänzt sie mit einem Schmunzeln. Sie zieht ein Bein an ihren Körper und umklammert dieses mit ihren Armen. „Aber ich glaube, dass das letzte Jahr eines der Jahre war, in dem ich wirklich erwachsen geworden bin“. Sie sei mutiger geworden, selbstbewusster. Vieles nehme sie nicht mehr so persönlich. Das Funkeln in ihren blauen Augen kehrt zurück. Sie schaut aus ihrem Küchenfenster. Der Blick fällt über ihren Balkon direkt auf den Fernsehturm. Ihre Straße bildet die Grenze zwischen den Stadtteilen Prenzlauer Berg und Mitte. Ein Wohnblock reiht sich direkt an den nächsten. Der eine ist höher, der andere bunter als der andere. Bäume zieren den Straßenrand. Und mit einem lauen Windzug zieht eine friedliche Atmosphäre durch die Gegend. „Ich mag das etwas Ruhigere hier“. Doch nur wenige Straßen weiter tobt das Großstadtleben: Menschenmassen strömen umher. Fahrräder und Autos lassen sich kaum zählen. Ob in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder in einem der urbanen Viertel – verschiedenste Kulturen und Sprachen beherrschen das Treiben, verwandeln die Hauptstadt zu einem Eldorado der Vielfalt. Außerhalb des Stadtzentrums zu wohnen, kam für Nina aber nicht in Frage. „Ich dachte mir: Wenn du Großstadt machst, dann machst du es richtig“.

Und Nina ist nicht die Einzige, die Großstadt macht: Berlin boomt, verzeichnet zwischen 2012 und 2017 ein jährliches Plus von jeweils 1,4 Prozent. Das entspricht ungefähr 47.500 Einwohnern. Menschen aus dem Ausland und jüngere Bevölkerung aus dem Inland drängen in die Hauptstadt. Unzählige Ausbildungsstätten und Hochschulen, eine vielversprechende Arbeitsmarktsituation, verschiedenste Event- und Freizeitmöglichkeiten und die Chance auf Selbstverwirklichung begründen die Anziehungskraft der Stadt. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung prognostiziert bis 2035 einen weiteren Einwohnerzuwachs von elf Prozent. Über vierzig Prozent der Anwohner seien dann unter 35 Jahren.

„Lever fiev vör twalv, as keen vör een – lieber fünf vor zwölf, als keinen nach eins“, scherzt Oke über den Vorabend, als er in der Küche Platz nimmt. Er wechselt ein paar Worte mit seiner Mutter. Und das im tiefsten Plattdeutsch. Zuhause wird nur Plattdeutsch gesprochen. „Die Alten reden Platt, die Jungen reden Platt. Da bleibt einem nicht viel übrig“. Sein Blick wandert auf den Tisch. Eine Postkarte, auf der ein Meer aus lila Krokussen zu sehen ist. Im Vordergrund lächelt Oke im schicken Anzug in die Kamera. Die farbig passende Krawatte inklusive. Auf seiner Schärpe die Aufschrift Krokusblütenkönig 2018. Alljährlich findet die Krönung im März statt. Seit vergangenem Jahr sind auch männliche Bewerber zugelassen. Okes Bewerbung entstammt ursprünglich einem Spaß mit Freunden. Sie war nicht ernst gemeint. „Und dann kam der Tag, an dem ich tatsächlich gewählt wurde“, erinnert er sich. Innerhalb weniger Stunden war der Hof mit über hundert Freunden und Nachbarn gefüllt. Die Krönung musste ja gefeiert werden. „Das Beste ist einfach die Gemeinschaft.“ Es sei stets wie eine große Familie. Besonders die Freiheiten genieße er sehr. „Es ist das Größte für uns, einfach das zu machen, worauf du Lust hast.“ Dass es trotzdem junge Leute in die Städte zieht, versteht er. „Vielleicht fühlt man sich hier eingeengt, obwohl man die große Freiheit hat.“ Man müsse die Mentalität, das Dörfliche verstehen. Man müsse damit klarkommen, dass es kaum anonym hergeht. Dass viel geredet und viel verbreitet wird.

Während Berlin den Weg Richtung Vier-Millionen-Stadt einschlägt, wird für Okes Heimat vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ein anderes Bild vorausgesagt: Der Landkreis Nordfriesland verzeichnet bis 2035 knapp sieben Prozent weniger Einwohner. Auch hier zieht es vor allem die jüngere Bevölkerung in die Städte. Nachwuchs- und Fachkräftemangel werden prognostiziert. Geschäfte werden dann möglicherweise mangels Nachfrage aufgegeben oder verlagert. Schleswig-Holstein ist in puncto Demografie Schlusslicht in Deutschland.

Auch Nina stammt aus der Provinz. Im Moment ist Berlin perfekt für Nina. Sowohl mit Blick auf den Job, als auch auf ihre eigene Entwicklung. „Ich bin nach Berlin gezogen, weil ich einfach wachsen wollte. Weil ich nicht gesehen habe, dass ich das auf dem Dorf noch gekonnt hätte.“ Nachteile habe Berlin für sie nicht. Man müsse nur mit dieser Stadt umgehen können und ausreichend Geduld mitbringen. „Die Zeit rennt hier sehr.“ Viele Dinge passieren gleichzeitig. Kein Tag sei wie ein anderer. Ihr goldbrauner Teint erklärt sich, als sie von ihrem kürzlichen Thailand-Urlaub erzählt. „Elf Monate bin ich nun hier und ich hatte erst jetzt das Gefühl, dass ich nach Hause komme. Das muss man halt erstmal durchziehen.“

Bei einem Cappuccino in ihrem Lieblingscafé erzählt sie von ihrem ersten Spaziergang durch ihre Nachbarschaft. „Ich habe geweint, vor Freude.“ Hier hat sie alles, was sie braucht. Das Café entdeckt sie gleich bei einem ihrer Erkundungsgänge. „Wenn ich schön definieren müsste, würde ich diesen Ort beschreiben.“ Ein zusammengewürfeltes Inventar, hauptsächlich Vintage-Möbel. Bänke, die mit orangenem Leder überzogen sind. Kaum Dekoration. Nur ein paar Margeritenzweige in einer durchsichtigen Vase zieren den Tisch. Eine Bedienung, die mit leichtem Akzent Deutsch spricht. Und alles so unbeschwert. Wie man sich Berlin eben so vorstellt. Nina strahlt, während sie erzählt. Ein Strahlen, das fast schon ansteckend wirkt und den Umzug in die Großstadt ganz unkompliziert dastehen lässt. Die Frage, ob sie hier glücklich ist, erübrigt sich. Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedet sie sich. Fast schon hüpfend vor Freude macht sie sich auf den Weg zu ihrer Yogastunde.

Husum. Nach der Führung über den Hof geht es in die nur wenige Fahrminuten entfernte Hafenstadt am Meer. Bunte Häuser, ein lauer Wind und ein tiefes „Moin Oke!“ sind eine warme norddeutsche Begrüßung. „Dass es jetzt so extrem ist, hätte ich nicht gedacht“, lacht er über das beispielhafte Treffen eines Bekannten. Jeder kennt sich. „Wenn du auf dem Dorf jemanden triffst, musst du eben mit ihm reden.“ Insgesamt fühle er sich hier sehr wohl. Husum biete alles, was man zum Leben braucht. So auch das Fischbrötchen, das bei dem Aufenthalt an der Küste nicht fehlen darf und Okes erste feste Mahlzeit an diesem Tag ist. Auf die Frage, ob er glücklich sei, antwortet er ohne zu zögern: „Definitiv. Mit drei Ausrufezeichen“.

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