Buchbinderei – ein (fast) vergessenes Handwerk

Der Beruf der Buchbinderei ist sehr vielfältig. Zu den Aufgaben gehören unter anderem das Binden und Reparieren von Büchern sowie die Gestaltung der Einbände. Nach wie vor ist dieses Handwerk ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft. Dennoch gerät der Beruf zunehmend in Vergessenheit.

Ohne Buchbindereien gäbe es vermutlich keine Bücher, wie wir sie seit jeher kennen. Egal ob eine Einzelanfertigung oder eine hohe Auflage an Büchern in Buchhandlungen: Der letzte Schritt bei der Herstellung eines Buches ist immer das Binden. Doch Buchbinden ist nicht gleich Buchbinden. Dieser jahrhundertealte Beruf bietet einen großen kreativen Freiraum und vor allem Abwechslung. Es werden Reparaturen vorgenommen und Bücher restauriert, aber auch Kassetten und Mappen gebunden. Diese Aufgaben machen jedoch nur einen kleinen Teil der gesammten Aufgaben aus. Der Fantasie werden hier keine Grenzen gesetzt und so können Kundenwünsche individuell erfüllt werden.

Die Buchbinderei Zerbst in Braunschweig erfüllt genau solche Wünsche. Hier werden aus den verschiedensten Materialien Bücher gebunden. Angefangen bei einem Geschirrhandtuch für ein Kochbuch, über Stoffe, einer alten Lederjacke bis hin zu einem Schleier, um dem Hochzeitsalbum eine persönliche Note zu verleihen. Auch Aufträge der Braunschweiger Universität werden hier bearbeitet. Dabei werden alte und abgegriffene Bücher aus der Universitätsbibliothek neu gebunden. Die Buchbinderei bedient somit eine große Zielgruppe. Sowohl Studierende, die Arbeiten für ihr Studium drucken und binden lassen, als auch Ärzte, die Fachzeitschriften binden lassen wollen, gehören zur Kundschaft der Buchbinderei Zerbst. Die KundInnen kommen dabei nicht nur aus Braunschweig, sondern aus der ganzen Region.

Bei all den unterschiedlichen Aufträgen kommt es immer wieder vor, dass sich die Arbeit kompliziert und aufwendig gestaltet. Der Beruf fordert Kreativität, um den Kundenwünschen gerecht zu werden. Gerade diese Abwechslung und die ständig neuen Aufgaben begeistern die junge Inhaberin der Buchbinderei Zerbst Mercedes Hoppe am meisten. „Ich denke, am Ende des Tages kriegen wir das immer ganz gut hin und die Kunden gehen hier zufrieden raus. Und das ist das, was es eigentlich ganz schön macht“.

Seit 2014 arbeitet die Braunschweigerin nun als Buchbinderin. Schon kurz nachdem sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat, übernahm sie 2018 die Werkstatt. Ihre damalige Chefin Ulrike Busch-Heck ist heute ihre Mitarbeiterin.    
In den Jahren, in denen Hoppe nun als Buchbinderein tätig ist, hat sie keine weiteren Veränderungen in diesem Beruf erlebt. Doch ihr ist klar, dass sich in der Vergangenheit einiges verändert hat. Zum Beispiel gibt es im Vergleich zu früher deutlich weniger Aufträge von Instituten für die Buchbinderei. Allerdings ist Hoppe eher überrascht, dass gerade viele jüngere Leute und Pärchen zu ihnen kommen, um alte Kinderbücher reparieren zu lassen. Die Buchbindermeisterin Zerbst Ulrike Busch-Heck erinnert sich, man habe der Buchbinderei früher dazu geraten, sich bei den KundInnen eher auf große Unternehmen und Institutionen zu konzentrieren und weniger auf Reparaturen und Restaurierungen für PrivatkundInnen. Doch diesen Rat haben sie damals nicht befolgt. Wie sich heute zeigt war das, laut Busch-Heck, die richtige Entscheidung gewesen. So arbeitet das Unternehmen vor allem an individuellen Kundenwünschen.

 

Die Buchbinderei im Wandel

Die Buchbinderei zählt zu einem der ältesten Handwerksberufen und wurde schon in den frühen Jahrhunderten nach Christus ausgeübt. In Klöstern wurden die von Mönchen abgeschriebenen Bücher und Schriften gebunden und Buchdeckel edel verziert. Wie bei vielen Handwerksberufen wurde auch diese Arbeit hauptsächlich von Männern ausgeführt. Ausnahmen gab es nur selten. So zum Beispiel, wenn der Buchbindermeister und Inhaber der Werkstatt plötzlich verstarb und es keinen Nachfolger gab. In solch einem Fall war es der Witwe des Buchbindermeisters erlaubt, das Unternehmen weiterzuführen.
Abhängig vom Bildungsgrad der Bevölkerung folgten Buchbinder ihren Kunden zunehmend in die Städte, in denen sich die Schulen und Universitäten befanden. So steigerte sich von Zeit zu Zeit die Anzahl der Buchbinder in den Städten, denn sie waren unerlässlich für die lesende Bevölkerung. Diese bekam von den Druckereien nur lose Papierbögen und mussten somit erst noch Buchbinder beauftragen, um endlich ein Exemplar in den Händen halten zu können. Diese Methode änderte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, als im Zuge der industriellen Revolution in Verlagen die Massenproduktion von Büchern startete.

Mit der zunehmenden Industrialisierung entwickelte sich eine zweite Form der Buchbinderei. Neben der traditionellen, gibt es auch die industrielle Buchbinderei. Dabei ist vor allem technisches Interesse und Wissen wichtig, da ein Großteil der Arbeit von Maschinen erledigt wird. Denn hier ist sorgfältiges und präzises Arbeiten notwendig, da schon eine kleine Unachtsamkeit ausreicht, damit sich ein kleiner Fehler auf unzählige Exemplare vervielfältigt.  
Die Buchbinderei Blume in Salzgitter hat sich auf die industrielle Buchbinderei spezialisiert. Der Schwerpunkt liegt beim Zuschneiden, Zusammentragen, Falzen und Binden von Büchern, Prospekten oder Broschüren. Auch Kalender werden hier gefalzt und geklebt. Dabei wird eine höhere Auflage bearbeitet. Einzelanfertigungen und Reparaturen sind dagegen eher selten. Gegründet wurde der Betrieb 1958. Schon damals wurde mit Hilfe von Maschinen gearbeitet. Über die Jahre wuchs die Fläche auf zwischenzeitlich 300 Quadratmetern, was den Einsatz weiterer Maschinen erlaubt. Inhaber der Buchbinderei ist Christian Blume, der das Unternehmen nun in zweiter Generation führt. Im Video erzählt der Buchbindermeister von seinem Beruf.

Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran. Die Technik übernimmt mehr und mehr Aufgaben, die zuvor noch von Menschen verrichtet wurden. Viele Handwerksberufe kriegen das zu spüren. So auch die Buchbinderei. Aufgrund der schlechten Zukunftsaussichten für diesen Beruf fehlt es an Nachfolgern. Demzufolge sinkt die Zahl der Buchbinderbetrieben in Deutschland schon seit vielen Jahren. Zum Vergleich: Vor dem Ersten Weltkrieg gab es allein in Braunschweig 69 Betriebe, heute existieren lediglich noch zwei Buchbindereien. Ein großes Problem für das Handwerk ist, dass zwischenzeitlich viele Druckereien einen Teil ihrer Aufträge selbst binden. Zusammen mit dem technischen Fortschritt führt das dazu, dass die Arbeit von BuchbinderInnen geradezu überflüssig wird. E-Books, Online-Kataloge oder -Broschüren: all das muss nicht gebunden werden, weshalb Aufträge wegfallen. Beschleunigt dies nun auch von der Corona-Pandemie. Aufgrund der Krise wurden innerhalb kurzer Zeit noch mehr Kataloge, Broschüren und weitere Informationsmaterialien in digitaler Form versendet. Was wieder zu einem starken Verlust von Aufträgen führt. So auch bei der Buchbinderei Blume: „Das hat in den letzten Jahren massiv zugenommen mit der Digitalisierung. Und ich denke mal, das hat seinen Höhepunkt jetzt schon erreicht.

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