Den Döner gibt es auch ohne scharf

Die politische Eiszeit zwischen Deutschland und der Türkei stellt drei Millionen türkischstämmige Deutsche zwischen zwei verhärtete Fronten – Nurhak Beyik ist einer von ihnen.

Im alltäglichen Leben fühle ich mich neuerdings dazu gedrängt zu beweisen, dass ich die deutsche Kultur respektiere und in Teilen sogar lebe. „Nurhak, du bist doch nicht wie die anderen Türken, trink mit uns doch ein Bier und probiere Braunkohl!“, heißt es oft bei Feten im Restaurant meines Vaters. Eigentlich kein Problem, würde mein Gegenüber nur nicht erwarten, dass ich das muss, weil ich sonst „wie die anderen“ bin. Denn zu den anderen gehöre ich trotzdem, genauso wie ich an den Tisch mit Braunkohl und Bier gehöre, wenn ich denn Lust dazu habe.

Die politischen Auseinandersetzungen schaffen ein großes mediales und öffentliches Interesse und in Zeiten von Social Media ist jeder in der Lage, seine Meinung zum Thema kundzugeben – Facebook: ein Sprachrohr für die Wut und der banale Glaube, anonym zu sein. Menschen beider Nationen, Menschen, die sich persönlich nicht kennen, beschimpfen sich und transferieren die von der Politik entfesselte Fehde in ihre Wohnzimmer. Kommentare wie „Geh zurück in dein Land, Türke!“ und „Ihr Deutschen seid alle Nazis!“ sind leicht zu schreiben, doch schwer zu verdauen und jeder ist in der Lage, sie zu sehen. Diese Meinungen gießen oft Öl ins Feuer und stärken das Gefühl, dass Zuhause etwas nicht richtig läuft. Denn das Kräftemessen auf dem virtuellen Spielplatz mündet oft in Ausgrenzung und Abschottung in der realen Welt.

Dialog statt Duell

Man kann die Fehler bei den Politikern suchen oder bei den Medien, die mit kuriosen Umfragen oder Diskussionsrunden den Konflikt anheizen. Doch man kann sie auch bei sich selbst suchen und die politischen Ansichten seiner Mitmenschen ignorieren und sich trotz Meinungsverschiedenheiten mit Toleranz und Respekt begegnen. Die Entstehung einer irreversiblen, interkulturellen Kluft kann nur so verhindert werden. Jeder muss seinen Beitrag dazu leisten, denn Deutschland ist unsere gemeinsame Heimat, auch wenn einige Menschen dies manchmal zu vergessen scheinen.

„Ein Döner mit Hähnchen bitte!“, sagt ein deutsch aussehender Junge vor einigen Tagen in meinem türkischen Stammrestaurant. „Mit alles?“, entgegnet der türkische Verkäufer. „Ohne scharf!“, sagt der Junge und beide fangen an zu lächeln, führen anschließend eine stinknormale Konversation und wirken glücklich. Ein, wenn auch etwas banales, Beispiel, dass das Miteinander zwischen beiden Kulturen funktionieren kann, wenn man möchte.

Vergessenes wurde schon einmal erlernt

Als mein Großvater in den 1960er Jahren als Gastarbeiter aus Anatolien nach Peine kam, stand für ihn nach wenigen Monaten fest: Er hatte sich in dieses Land verliebt. Jedes Mal, wenn wir ihn besuchten, erzählte er stundenlang, wie er in Deutschland Fuß gefasst hatte. Meine Großmutter schimpfte immer: „Lass die Kinder in Ruhe mit deinen Geschichten, du erzählst immer dasselbe!“ Wir wollten jedoch nie, dass er aufhört und drängten ihn dazu, weiterzuerzählen. Bis zu seinem Tod sagte er immer wieder: „Deutschland hat einem Fremden wie mir Chancen und Freunde geboten und das für einen Preis, der für mich hätte nicht selbstverständlicher sein können – Ehrlichkeit, Fleiß und dieselbe Offenheit gegenüber einer fremden Kultur, wie die, die mir für meine erwiesen wurde.“

Jahre später scheinen die Brücken der deutsch-türkischen Freundschaft, die die Großeltern und Eltern beider Nationen über Jahrzehnte und mit Hingabe aufgebaut haben, nicht mehr zu existieren. Vielleicht haben wir vergessen, was wir voneinander gelernt haben, das bedeutet aber auch, dass wir es wieder erlernen können. Vielleicht ist aber einfach noch niemand auf die Idee gekommen, dass ein Nebel politischer Turbulenzen die Brücken seit geraumer Zeit nur versteckt.

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