Depressionen durch Social Media – Ist mein Leben nichts wert?

Die Jagd nach Likes und Anerkennung in den sozialen Medien bestimmt den Alltag vieler junger Leute. Hierbei geht schnell der Sinn für die Realität verloren. Studien zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Depressionen und sozialen Medien gibt. Ist es möglich, allein durch soziale Medien an Depressionen zu erkranken?

Ein Gefühl der Wertlosigkeit, Niedergeschlagenheit, keine Energie, sich zu alltäglichen Dingen aufzuraffen – Depressionen gelten als „Volkskrankheit“ und zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe seines Lebens an einer Depression zu erkranken, liegt bei etwa 15 bis 20 Prozent. Fast jeder Fünfte hat einmal im Leben mit einer Depression zu kämpfen, Frauen häufiger als Männer. Vor allem betroffen sind die jüngeren Altersgruppen. Im Alter von 18 bis 29 Jahren treten besonders häufig depressive Symptomatiken auf, auch hier öfter bei Frauen. Laut einer Studie des Statistischen Bundesamts leiden immer mehr Kinder und Jugendliche an Depressionen. Im Jahr 2017 wurden circa 5.790 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren aufgrund einer Depression im Krankenhaus behandelt, womit die Fallzahl in der Altersgruppe deutlich zulegt. Aber auch bei den 15- bis 24-Jährigen ist eine Zunahme deutlich zu beobachten. Die Zahl der PatientInnen ist hier siebenmal so hoch wie um die Jahrhundertwende.

Die Tatsache, dass immer mehr junge Menschen betroffen sind und die Fallzahlen immer stärker zunehmen, könnte mit der vorangeschrittenen Digitalisierung und der damit verbundenen Nutzung von sozialen Netzwerken zusammenhängen. Das Handy ist jederzeit griffbereit, um sich das Leben anderer anzuschauen und mit dem eigenen zu vergleichen. Oft mit dem Ergebnis, dass das Leben anderer viel interessanter und schöner ist. Vermehrt kann dann nicht mehr zwischen der virtuellen Realität und dem realen Leben unterschieden werden, auch wenn einem selbst bewusst ist, dass sich auf Social Media jeder von seiner besten Seite zeigt. Fakt ist: Social Media kann unglücklich machen, wie eine Umfrage von Kaspersky verdeutlicht. Viele würden sich nach der Nutzung von Social Media schlechter fühlen, weil sie Aktivitäten von Freunden sehen, zu denen sie nicht eingeladen wurden oder veröffentlichte Fotos von sich selbst, welche privat bleiben sollten. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, sie hätten das Gefühl, dass andere ein besseres Leben führen. Ist es allerdings möglich, dass sich aus der Unzufriedenheit, die durch Social Media zustande kommt, depressive Erkrankungen entwickeln können?

Studien zeigen Zusammenhänge 

Eine Studie aus den USA, die von dem „National Institute for Mental Health“ finanziert wurde, hat ergeben, dass eine starke Verbindung zwischen einer erhöhten Social-Media-Nutzung und Depressionen festzustellen ist. Je mehr Zeit die StudienteilnehmerInnen mit sozialen Medien verbrachten, desto höher waren die einzelnen Depressionswerte. Was bei dieser Studie offen bleibt ist die Frage, ob durch einen unkontrollierten Konsum von depressive Symptome aufgetreten sind, oder ob diejenigen mit einer Depression vermehrt die unterschiedlichen Plattformen nutzen.

In Deutschland hat sich ein Team der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Phillip Ozimek mit dem Thema Depressionen und Social Media beschäftigt. Für die Beantwortung der Frage, ob Social Media depressive Tendenzen hervorrufen kann, wurden eine experimentelle und zwei Fragebogenstudien durchgeführt. Die experimentelle Studie ergab, dass die Probanden ein schlechteres Selbstwertgefühl aufwiesen, nachdem sie in sozialen Netzwerken mit positiven und vorteilhaften Informationen anderer Leute konfrontiert wurden. Diese kurzfristige Auswirkung eines geringen Selbstwertgefühls könne schon als potenzielle Gefahrenquelle gesehen werden, da ein geringes Selbstwertgefühl stark mit depressiven Symptomen zusammenhängen kann. Mithilfe der Fragebogenstudien wurde die langfristige Perspektive untersucht, wobei 800 Personen zu ihrem Selbstwertgefühl, depressiven Symptomen und dem Nutzerverhalten befragt wurden. Das Ergebnis: Vor allem bei einer passiven Nutzung und dem Bedürfnis, sich und seine Fähigkeiten mit denen anderer zu vergleichen, kann ein Zusammenhang zu depressiven Symptomen festgestellt werden.

Nicht nur in der Forschung rückt das Thema Depressionen und Social Media immer weiter in den Vordergrund, auch Psychologie-Student Lennart Osburg, der sich zurzeit im Master an der Universität Kassel befindet, hat sich im Rahmen seines Bachelor-Studiums intensiv mit der Thematik befasst. In seiner Bachelorarbeit hatte er immer wieder Berührungspunkte mit Zusammenhängen zwischen Depressionen und Social Media. Über diese Berührungspunkte, und was ihm im Studium gefehlt hat, berichtet er im Interview.

 Allein Social Media kann nicht der Auslöser sein

Dr. Andreas Becker-Isensee, leitender Psychologe der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Göttingen, schließt sich den Aussagen der bereits erläuterten Studien an, dass allein durch Social Media keine Depression ausgelöst werden kann. Der Grund: Es gäbe drei Arten von Faktoren, die im Zusammenspiel eine Depression ausmachen könnten. Dazu zählen die prädisponierenden-, auslösenden- und aufrechterhaltenden FaktorenZu den prädisponierenden Faktoren zählen Umstände, welche bereits gegeben sind, wie zum Beispiel die Genetik oder auch Persönlichkeitsmerkmale. Social Media könne dabei nur als ein auslösender Faktor betrachtet werden, das unter bestimmten Voraussetzungen eine Depression anstoßen würde. Trotzdem sehe Becker-Isensee eine Gefahr für die mentale Gesundheit vieler Kinder und Jugendlicher, vor allem in der fragmentierten isolierten Kommunikation in sozialen Netzwerken. Man könne die Kommunikation beenden, wann es einem selbst passt und sich den Mitmenschen entziehen. Diese Entwicklungen würden sich auch in Zukunft weiter auf die mentale Gesundheit auswirken und seien nicht zu unterschätzen. Dabei sei vor allem bei den älteren PatientenInnen ein Zusammenhang mit Social Media nicht außer Acht zu lassen. Bei einigen spiele die Dating-App Tinder öfter eine Rolle, unter welcher viele von ihnen gelitten hätten. Die Funktionsweise und Mentalität der verschiedenen Dating-Apps, wie die oberflächliche Denkweise oder auch die Schnelllebigkeit, biete diesen PatientenInnen nicht das, was sie sich erhofft haben, sondern bewirken eher das Gegenteil, so Becker-Isensee.

Inwiefern eine Depression mit dem Konsum von Social Media zusammenhängt, ist also nicht immer eindeutig zu beantworten. Allein durch Social Media zu erkranken ist unwahrscheinlich, aber unter bestimmten Voraussetzungen kann es ein auslösender Faktor sein und zu einer Gefahr für die mentale Gesundheit werden.

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