Der Hass ist die Botschaft

Sie verbreiten ihr Gift in sozialen Medien wie Facebook – eine sachliche Diskussion ist ihnen egal. Die Rede ist von Hetzern im Internet. Doch wie kann man den Störenfrieden entgegentreten?

Stefan ist Wutbürger. Das erkennt man zum Beispiel an seinem Namen, den er sich auf Facebook gegeben hat: Stefan Wutbürger. Diesem Namen macht er alle Ehre: „Das brauchen wir! 2 im Kalben hochqualifizierte Kopftuchträgerinnen mit ihren 5 […] Gören im Gepäck! Sie wären besser bombardiert worden – egal von wem!“, hämmert er in die Facebook-Kommentarspalten der Hamburger Morgenpost. Sein geistiger Erguss erstreckt sich noch über neun weitere Zeilen. Doch wir wollen Stefan an dieser Stelle nicht zu viel Raum geben und fragen uns lieber, gegen wen sich sein Hass eigentlich richtet.

Es ist Familie Saleh aus Afghanistan: 2014 kommt Mutter Nazanine mit ihrer Schwiegermutter und ihren fünf Kindern nach Hamburg, nachdem der Ehemann von den Taliban erschossen wird. Die achtjährige Sinat möchte später Ärztin werden und freut sich, dass sie in der Schule schnell Freunde findet. Es darf bezweifelt werden, dass Stefan den Artikel bis hierhin überhaupt gelesen hat. Campus38 hätte ihn gerne dazu befragt. Doch sein Profil ist gelöscht.

Der Tumblr-Blog „Perlen aus Freital“ hat einen Screenshot des Kommentars und den Link zu seinem Profil veröffentlicht. Der Blog hat es sich zur Aufgabe gemacht, Internethetzer mit Klarnamen und Profilfotos an den Pranger zu stellen. Menschen haben schon ihren Job verloren, weil die Betreiber, falls verfügbar, auch E-Mail-Adressen der Arbeitgeber online stellen. Bei Stefan, der offensichtlich ein Pseudonym verwendete, kann schon ein gelöschtes Profil ein Erfolg sein.

Gaskammern und Herbststürme über dem Mittelmeer

Es ist erschreckend, wenn man sich durch die Screenshots und Profile auf dem Blog klickt. Man liest von „Gaskammern“, andere freuen sich auf „Herbststürme über dem Mittelmeer“. Dass oben genannte Beispiele keine Einzelfälle sind, zeigte vor zwei Jahren der Digitalverband Bitkom auf. Demnach haben knapp die Hälfte der Internetnutzer schon Hasskommentare im Internet gelesen, elf Prozent sehen sich als Opfer von Hate Speech.

 

Wie kann ich mich gegen eine Online-Beleidigung wehren? Ist die freie Meinungsäußerung noch geschützt? Campus38 hat mit einer Medienrechtsanwältin gesprochen.

So erscheint es als logische Konsequenz, dass der damalige Justizminister Heiko Maas (SPD) die Initiative ergriffen hat und die Betreiber von sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und YouTube stärker in die Verantwortung nehmen wollte. Am 1. Oktober 2017 ist das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) in Kraft getreten. Doch der Weg bis dahin ist holprig. Auf den ursprünglichen Gesetzesvorschlag prasselt so viel Kritik ein, dass man fast sagen kann, dass das NetzDG selber zur Zielscheibe des Hasses geworden ist: Es ist die Rede von einem „Kollateralschaden für die Meinungsfreiheit“, Kritiker sprechen von einem „Ende der Anonymität“ im Internet und einem „Präzedenzfall für Zensur“. Sie befürchten, dass auch legale Beiträge von den Netzwerken gelöscht werden könnten, um hohe Bußgeldzahlungen zu umgehen. Staatliche Aufgaben der Rechtsdurchsetzung würden an Privatunternehmen übertragen werden, heißt es in einer Erklärung von Netzaktivisten, Journalisten, Juristen und Wirtschaftsverbänden.

Kurz und verständlich: Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz

  • Soziale Netzwerke (mit mindestens zwei Millionen Nutzern in Deutschland) werden verpflichtet, offensichtlich strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach Eingang der Beschwerde zu löschen oder zu sperren.
  • Für nicht eindeutige Fälle ist eine Frist von sieben Tagen vorgesehen.
  • Wichtig: Dafür müsst ihr die Beiträge selbstverständlich melden!
  • Bei systematischen Verstößen drohen Strafen von bis zu 50 Millionen Euro.

Hier geht es zum vollständigen Gesetzestext.

Auch Facebook lehnt im Juni den Gesetzesvorschlag in einem Beitrag des NDR-Fernsehens ab, da es nicht zu mehr Transparenz führe und das Unternehmen in eine Richterrolle gedrängt werde. Doch nach einigen Nachbesserungen hat das Gesetz jetzt Bestand. Campus38 hat bei Facebook nachgefragt: „Wir teilen das Ziel der Bundesregierung, Hassrede zu bekämpfen. Bei der Entfernung illegaler Inhalte haben wir bereits erhebliche Fortschritte erzielt“, sagt ein Facebook-Sprecher. „Die Umsetzung des NetzDG ist komplex. Wir haben viel Zeit und Ressourcen investiert, um dem NetzDG zu entsprechen und arbeiten hart daran, die richtigen Prozesse für die verschiedenen Bestimmungen aufzusetzen, die ab dem 1. Oktober 2017 beziehungsweise Januar 2018 gelten.“

Troll dich!

Wie man Hass im Internet eindämmen kann, zeigt eine Webseite des norwegischen öffentlichen Rundfunks NRKbeta. Um auf der Webseite kommentieren zu dürfen, muss man vorher drei Fragen zu dem Artikel beantworten. Trolle schreckt das ab. Trolle sind Menschen, die Diskussionen auf andere Ebenen ziehen. Häufig nehmen Sie mehrere Identitäten an und lenken vom eigentlichen Thema ab, um andere zu stören, die zivilisiert diskutieren wollen. 

Für eine bessere Diskussionskultur tritt auch die Facebookgruppe #ichbinhier ein. Fast 37.000 Mitglieder versuchen jeden Tag destruktive Kommentare unter Artikeln von Nachrichtenseiten zu entkräften.

Anna Böcker, Redakteurin bei der TAZ, kennt die Gruppe #ichbinhier. „Ja, finden wir super“, antwortet sie auf eine Anfrage von Campus38. „Bei uns auf der Seite ist die Gruppe selten aktiv, aber es würde helfen, wenn sie es mehr täten. Viele unserer User verhalten sich aber ähnlich, ohne es unter dem Hashtag zu machen.“ Gemessen am Bedarf werde bei taz.de noch viel zu wenig Zeit und Personal in die Moderation der Kommentarspalten gesteckt. Ignorieren, löschen oder einmischen und falschen Fakten die richtigen entgegensetzen? Was ist die richtige Taktik gegen Hasskommentare? „Es ist wohl nicht möglich zu sagen, eine Taktik wäre die richtige. Wir wenden alle genannten an, je nach Möglichkeit und Fall.“

Der Journalismus im Fadenkreuz

Gerade Journalisten und Medien sind für viele Menschen zu Feindbildern geworden. Der Begriff „Lügenpresse“ ist da wahrscheinlich noch eine der harmloseren Beleidigungen. Die Quellen, aus denen sich Informationen ziehen lassen, sind dank des Internets unglaublich vielfältig. Konstruktiver Kritik sollten sich Journalisten stellen. Doch wenn Kritik in Hass und Gewalt umschlägt, ist eine Grenze erreicht. Eine Studie des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung ergab, dass zwei Drittel der befragten Journalisten einen Anstieg hasserfüllter Reaktionen gegen sich und Kollegen wahrnehmen. Psychische Belastungen können die Folgen sein. „Publizieren wird zur Mutprobe“, verrät schon der Titel der Studie. 

Die Fernsehjournalistinnen Dunja Hayali und Anja Reschke, die nach ihrer kritischen Berichterstattung über Pegida und die AfD einen Shitstorm aus Beleidigungen, Hass und Gewaltandrohungen über sich ergehen lassen mussten, verstecken sich nicht vor der Öffentlichkeit und zeigen damit eine Möglichkeit auf, wie man mit der gestiegenen Belastung umgehen kann. In einem Interview mit dem Tagesspiegel plädieren sie dafür, dass Facebook stärker in die Verantwortung genommen werden soll. 

Personell aufgestockt hat Facebook schon. Wie Heise onlineberichtet, hat das Unternehmen in Erfurt ein Team von 500 Mitarbeitern installiert, das illegale Inhalte überprüfen und entfernen soll. Damit reagiert Facebook wohl auch auf die Anforderung im neuen NetzDG, dass Beschwerden unverzüglich zur Kenntnis genommen und geprüft werden sollen.

Die Löschkriterien Facebooks sorgen teils für Irritationen. Campus38 fragt Studierende: Welcher Kommentar wird wohl von der Plattform genommen?

Klar ist: Eine Beleidigung ist immer eine Beleidigung. Ganz egal, ob sie mündlich ausgerpochen oder in einem sozialen Netzwerk geteilt wird. Setzt man sie richtig ein, wird sich der Beleidigte immer schlecht fühlen. Allerdings nimmt der Hass im Internet Ausmaße an, die nicht zu tolerieren sind. Es ist viel einfacher jemanden anzugreifen, wenn man ihm dabei nicht in die Augen sehen muss oder ihn vielleicht gar nicht kennt. Dann fliegen die Finger über die Tastatur und ehe man sich versieht, ist man auch schon mit dem Finger auf der Maus ausgerutscht. Die Beleidigung und der Hass entfalten eine ganz andere Wirkung, wenn man bedenkt, welche und wie viele Personenkreise jetzt eingebunden sind. 

In einer Gesellschaft voller Hass mag wohl kaum jemand leben. Die oben genannten Beispiele gehen einen Schritt in die richtige Richtung. Hin zu einem friedlicheren Internet und zu einer besseren Gesellschaft.

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