Der Medienstudent – ein ungeklärtes Phänomen

„Irgendwas mit Medien“ scheint in Deutschland ein beliebter Studiengang zu sein. Nicht so beliebt sind die Reaktionen der Mitmenschen, wenn man sich für einen Medienstudiengang entschieden hat. Eine Kolumne von Gülcin Ahmed.

Ich sitze in meinem kleinen gemütlichen Zimmer bei meinen Eltern zuhause und spüre, wie mich vier Augenpaare anstarren. „Und was kann man sich darunter vorstellen?“ In den interessierten Gesichtern meiner Freunde sehe ich viele Fragezeichen. In meinem Kopf habe ich jedoch keine Antworten parat. „Möchtet ihr das wirklich wissen“, würde ich am liebsten fragen. Doch es kommt nur ein „Wenn ich das erkläre, sitzen wir noch bis morgen hier“ dabei raus.

Ich, 20, studiere Medienkommunikation, oder wie manch anderer es beschreiben würde: Irgendwasmit Medien. Ich, 20, möchte bei genau diesen Fragen im Erdboden versinken: „Was ist das? Wie sehen deine Fächer denn aus? Was lernst du überhaupt? Was kannst du damit anfangen? Kann man damit genug Geld verdienen?“ Auch meine Eltern können sich nichts unter meiner Studienwahl vorstellen. Klassische Studiengänge wie Medizin oder Jura hätten ihnen deutlich besser gefallen.

Doch ich habe mich gegen einen Studiengang mit hoher Reputation entschieden. Stattdessen habe ich die Medien gewählt. Und auch ich habe mir vor Beginn des Studiums die Frage gestellt, was ich mit diesem Studium genau erreichen möchte. Dabei erinnere ich mich an ein Gespräch mit einer Berufsberaterin. „Was möchtest du denn nach der Schule machen“, war ihre erste Frage. Ich, 18, wusste, dass ich studieren möchte. Ich, 18, wusste, dass ich irgendwas mit Medien studieren wollte. In ihrem breiten Gesicht war ein Schmunzeln zu erkennen. Meine Antwort hatte sie wohl schon öfter hören müssen. Mit ihrer Brille auf der Nase musterte sie mich mit einem strengen Blick. Ich konnte einen leisen Seufzer hören und beobachten, wie sie etwas in ihr Notizheft schrieb. „Was stellst du dir denn unter Medien vor?“ Sie wirkte auf einmal fast schon genervt. Ich hatte keine Antwort auf diese Frage. Ich hatte nicht darüber nachgedacht. Ich merkte in dem Moment, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. Ich merkte auch, wie ich auf dem ungemütlichen Stuhl nervös an meinen Fingern herumspielte. Man könnte jetzt meinen, dass ich mich vor dem Gespräch hätte besser informieren sollen. Ich hatte anscheinend Besseres zu tun. „Wenn du etwas mit Medien studieren willst, musst du wissen, was du dir darunter vorstellst und in welche Richtung du gehen möchtest.“

Irgendwas mit Medien“ ist nicht konkret genug

Ob Studiengänge wie zum Beispiel Medienmanagement, Medienkommunikation, Medienwissenschaft oder auch Mediendesign – wie vielen anderen war auch mir nicht bewusst, dass mehrere unterschiedliche medienbezogene Studiengänge existieren. Ich, 18, habe mich in Zukunft für solche Gespräche vorbereitet. Ich, 20, habe erst im Studium erfahren, was ich wirklich studiere. Doch warum scheint niemand zu wissen, was man unter medienbezogenen Studiengängen versteht? Schließlich existieren allein in Deutschland rund 870 medienbezogene Studiengänge, die man an mehr als 230 Universitäten, Fachhochschulen und Akademien studieren kann. Besonders ältere Generationen tun sich mit dem Begriff des Mediums schwer. Warum Oma nicht verstehen kann, was du studierst? Ganz einfach – Medienstudiengänge gab es zu ihrer Zeit noch nicht. Das Studium im Bereich der Medien scheint eine neu entflammte Liebe für Studieninteressierte zu sein. Die Beliebtheit ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Warum? „Irgendwas mit Medien“ bedeutet nicht gleich „irgendwas mit Medien“. Es steckt viel mehr dahinter, als manch einer glauben mag.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Studiengang Medienkommunikation. Im Laufe des Studiums lernt man zum einen den Journalismus kennen. Man beschäftigt sich mit PR, Kommunikation oder Mediengeschichte und arbeitet auf der anderen Seite in der Lehrredaktion praxisnah mit Medien wie TV, Audio oder Print. Medienkommunikation bietet viele Perspektiven und stellt einen Querschnitt unter den vielen Medienstudiengängen dar. Daher ist es kein ausschließlich kreatives Studium wie im Mediendesign und auch kein Studium, welches sich wie im Medienmanagement vordergründig an der Wirtschaft und dem Profit orientiert. Es ist vielfältig und bietet die Möglichkeit, in verschiedenen Berufsfeldern lernen und arbeiten zu können. Die Tatsache, dass ich mich vorerst nicht spezialisieren muss und theoretisch sowie praktisch in dem Studium arbeite, war der ausschlaggebende Grund, warum ich mich für Medienkommunikation entschieden habe.

„Was kann man sich darunter vorstellen?“ Auch wenn ich diese Frage jetzt beantworten könnte, versuche ich sie zu umgehen. Warum? Ganz einfach: Es ist weitaus leichter auf die Frage „Was studierst du genau?“ mit „Irgendwas mit Medien“ zu antworten. Meist wird danach gar nicht weitergefragt. Nenne ich jedoch meinen Studiengang, muss ich diesen auch erklären. Ich, 20, möchte nicht immer erklären, was man sich unter meinem Studiengang vorstellen kann. Ich, 20, vertrete mit dieser Aussage fast alle Medienstudierenden.

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