Die endlose Suche

Junge Erwachsene bezeichnen sich immer häufiger als beziehungsunfähig. Ein Trend oder ein ernsthaftes Problem? Zwei Beziehungsexperten erklären, was wirklich dahinter steckt.

Der erste flüchtige Blick, das erste Treffen, der erste Kuss. Ein Gefühl von tausend Schmetterlingen im Bauch. Die Gedanken kreisen nur noch um die eine Person. Vollkommen verliebt. Es ist ein wunderbares Gefühl. Doch wie geht es nun weiter? Beziehung: ja oder nein? Die Antwort lautet dann oft von einer Seite, nicht beziehungsfähig zu sein und dem anderen nicht das bieten zu können, was derjenige verdient hätte. Kurz gesagt: sich alles offen halten, keine Bindung und damit keine Beziehung eingehen.

Immer mehr junge Erwachsene sammeln diese schmerzliche Erfahrung, dass der Gegenüber einen Rückzieher macht und sich gegen eine feste Beziehung entscheidet, obwohl zuvor alles so rosarot aussah. „Generation Beziehungsunfähig“ – so scheint es zumindest. Der Anfang 2016 erschienene, gleichnamige Bestseller von Michael Nast traf mit diesem Thema den Nerv der Zeit. Innerhalb kürzester Zeit gewann das Buch eine unüberschaubare Leserschaft, welche sich mit dem Inhalt identifizieren konnte. Der Titel: eingängig, kurz und knackig. Doch stimmt er auch? Nast ist der Meinung, die jungen Erwachsenen sind zunehmend mit sich selbst beschäftigt. Er spricht dabei von Selbstoptimierungsprozessen und dem Streben nach Perfektion, welche zur Beziehungsunfähigkeit führen.

Doch was ist überhaupt Beziehungsunfähigkeit? „Beziehungsunfähigkeit ist ein Schlagwort und im schlimmsten Fall auch ein Glaubenssatz“, erklärt Flirtcoach und Persönlichkeitstrainer Horst Wenzel. Oftmals sei es einfach eine Ausrede und damit ein Trend zu losen Partnerschaften. Paarberater, Single-Coach und Autor Eric Hegmann äußert dazu: „Bindungsangst halte ich für den passenderen Begriff als Beziehungsunfähigkeit“. Den Menschen fällt es also immer schwerer, sich zu binden und sich somit für eine Person und für eine Beziehung zu entscheiden.

Die Generation Y

Die jungen Erwachsenen von denen Nast, Wenzel und Hegmann sprechen, sind die Generation Y. Laut der Trendstudie „Generation Y – Das Selbstverständnis der Manager von morgen“ des Zukunftsinstituts, sind das die Anfang 20- bis Mitte 30-Jährigen. Beeinflusst durch die Globalisierung, Technologisierung und dem demografischen Wandel bezeichnet man sie auch als „Millennials“, Jahrtausender oder als „Digital Natives“, digitale Ureinwohner. Wie der Name bereits verrät, sind die Digital Natives mit den digitalen Medien aufgewachsen und dadurch sehr medienaffin. Auch die Themen Selbstverwirklichung und Individualismus tauchen an dieser Stelle wieder auf. Die Studie fand heraus, dass die Unabhängigkeit und damit ein selbstbestimmtes Leben das erstrebenswerteste Ziel der Generation Y ist, dicht gefolgt vom Spaß am Leben.

Diese Entwicklung hin zur Selbstoptimierung lässt sich an der Bedürfnispyramide des Psychologen Abraham Maslow erklären. Maslow geht davon aus, dass das Verhalten der Menschen von den verschiedenen Bedürfnissen geleitet wird. Die Bedürfnisse sind dabei hierarchisch strukturiert nach grundlegenden körperlichen Bedürfnissen als Basis und dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung als Spitze der Pyramide. Erst wenn die grundlegenden Bedürfnisse wie physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse, Zugehörigkeits- und Liebesbedürfnisse sowie Wertschätzungs- und Geltungsbedürfnisse befriedigt worden sind, strebt der Mensch die Selbstverwirklichung an. Durch die heutzutage stärker gewährleistete Befriedigung dieser grundlegenden Bedürfnisse möchten sich die Menschen also immer mehr selbstverwirklichen. Und das in unterschiedlichen Bereichen des Lebens, wie zum Beispiel in ihrem Beruf, mit ihren Hobbys und natürlich auch in ihrer Partnerschaft.

Um herauszufinden, warum gerade die jungen Erwachsenen beziehungsunfähig sein sollen, muss ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden. „Die emotionale Verkabelung ist rund 40.000 Jahre alt“, erklärt Horst Wenzel. „Das ist somit nichts, was von heute auf morgen gewachsen ist.“ Beziehungen gab es also schon immer und wird es auch immer geben. Es sei also ein Urtrieb, der in den Menschen stecke. Die Beziehungen seien somit auch nicht besser oder schlechter als damals, sie würden nur anders interpretiert werden. Diese Meinung teilt auch Eric Hegmann. Die Menschen würden die gleichen Dinge in einer Partnerschaft suchen wie vor 20 Jahren. Auch die Phasen blieben gleich: die Annäherung, das Werben, die Verhandlung, die Entscheidung. Das Flirtverhalten selbst hat sich somit nicht verändert, sondern die Herangehensweise. Als man noch auf die Straße gehen musste, um jemanden kennenlernen zu können, war das gepflegte Äußere ein Muss. Heute sitzt man nach einer durchzechten Partynacht auf dem Sofa und unterhält sich virtuell mit neuen Bekanntschaften. Die dabei perfekt inszenierten Fotos lassen nicht tiefer blicken und zeigen nur die Schokoladenseiten der Personen. Ob dann hinter den Fotos wirklich der süße Surferboy oder die hübsche Weltenbummlerin steckt, bleibt anfangs reine Spekulation.

Wie bereits in den vorherigen Generationen gelten für die Generation Y also die gleichen Werte und Ansichten in den Bereichen Partnerschaft und Liebe. Gewandelt haben sich jedoch zukünftige Vorstellungen wie das Thema der Familiengründung. Während die Selbstverwirklichung und der Spaß im Leben eine wichtige Rolle spielen, rückt der Wunsch, eine Familie zu gründen, in weitere Ferne. Die Forsa-Studie „Eltern – Die Zukunft der Familie“ fand heraus, dass sich der Kinderwunsch nach hinten verschiebt. Je älter die Befragten seien, umso stärker verschiebe sich auch der Zeitraum. Die Befragten gaben an, dass eine feste Partnerschaft eine sehr wichtige Voraussetzung dafür ist, um die Familienplanung zu realisieren. Doch dieser eine passende Mensch muss natürlich erst einmal gefunden werden.

Modernes Dating im digitalen Zeitalter

Die jungen Erwachsenen wollen dabei nicht lange auf den Moment des Kennenlernens warten und werden deshalb schnell selbst aktiv: Online-Dating heißt die Lösung. Geschuldet durch die Digitalisierung findet Dating vermehrt online als offline statt, denn das 21. Jahrhundert ist geprägt durch digitale Medien. Über Computer und Smartphones sind alle ständig miteinander vernetzt. Für fast jede Alltagshandlung gibt es mittlerweile eine App, die das Leben vereinfachen soll. Daher natürlich auch für die Liebe: Tinder, Lovoo und Co. Mittlerweile gibt es unzählige Apps, welche bei der Suche nach der großen Liebe behilflich sein sollen. Eine der beliebtesten Apps ist dabei Tinder. Mit einfachen Wischbewegungen entscheiden die Nutzer, ob die Bilder der vorgeschlagenen Person gefallen oder nicht. Geben sich die beiden Personen ein „Like“, kommt es zu einem „Match“ und sie haben die Chance, miteinander zu chatten. Also eine falsche Handbewegung und die Chance ist vertan.

Sophie, 21, Studentin, lernte ihren aktuellen Partner über Tinder kennen. Sie erzählt: „Ich würde es schöner finden, wenn wir eine Story hätten und uns zum Beispiel im Einkaufsladen kennengelernt hätten. Aber es fällt einem online viel leichter, als wenn man im echten Leben jemanden ansprechen müsste.“ Es gibt somit beim Online-Dating weniger Hemmungen und Ängste vor Abweisungen. Das eigene Ego pushen, einen schnellen Flirt gewinnen: Dating wird bequemer und anonymer.

Die Portale weisen jedoch auch Schattenseiten auf. „Die suggerierte größere Auswahl an Partnern, die es durch das Online-Dating gibt, führt dazu, dass die Menschen länger brauchen, um sich miteinander zu committen“, erklärt Horst Wenzel. Des Weiteren sorge das gesteuerte Angebot beim Online-Dating zu einer Suche nach dem perfekten Partner. Deshalb werden durch das Online-Dating Kontakte bei kleinsten Mängeln schnell als unpassend abgewählt, ohne der Person und damit dem Kennenlernen eine Chance zu geben. Sophie sagt dazu: „Man denkt immer, man findet noch etwas Besseres.“

Und genau diese perfekte Vorstellung vom Leben vermitteln uns beispielsweise Blogger auf Instagram. Sie zeigen der Welt den perfekten Lifestyle, die schönsten Orte, das gesündeste Essen und natürlich auch das beste Beziehungsleben. Überall findet man im Internet Bilder von glücklichen Paaren. Es fällt schwer, sich diesen Bildern zu entziehen. „Ganz klar, dass man sich bewusst oder unbewusst mit diesen Paaren vergleicht“, so Hegmann. Wenzel macht jedoch deutlich, dass es sich dabei um digital erstellte Scheinbilder handelt. Die Menschen eifern somit anderen vermeintlich perfekten Menschen und deren Beziehungen nach und vergessen sich möglicherweise selbst. „Es gibt nicht den perfekten Partner. Es wird immer ein unperfektes perfektes Gegenstück sein“, verdeutlicht Flirtcoach Wenzel.

Beziehungsunfähig: ja oder nein?

Dating-Apps wie Tinder können uns durch die große Auswahl an potenziellen Partnern also irritieren und dazu führen, dass sich die Menschen schlechter entscheiden können. Diese Entscheidungsunfähigkeit kann dann wieder dazu führen, dass die Menschen anfangen, sich als beziehungsunfähig darzustellen. Auf der anderen Seite helfen sie jedoch auch dabei, schnell und unkompliziert Kontakte zu knüpfen.

Beziehungen scheitern somit heutzutage aus verschiedenen Gründen. Zum einen, weil oft keine Kompromisse mehr eingegangen werden und zum anderen, weil es durch Social Media neue Streitthemen gibt. Anderen Beziehungen wird nachgeeifert und Chatverläufe der/des Partnerin/Partners werden durchsucht. Paare müssen somit anfangen, an ihren Beziehungen zu arbeiten, den anderen mit seinen Fehlern zu akzeptieren und zu lieben. Generell müssen sich die Menschen bewusst werden, dass es nicht die eine perfekte Person gibt, sondern dass es eine Vielzahl von Menschen auf der Welt gibt, die besser oder schlechter zu einem passen. Deshalb sollten sich die Menschen bei der Partnersuche mehr in die Augen schauen und weniger hinter dem Smartphone verstecken. Rein nach dem Motto: weniger Wischen, mehr Daten.

Laut Eric Hegmann betreffen zudem Gründe für die sogenannte Beziehungsunfähigkeit wie die Bindungshaltung, Persönlichkeitsstörungen oder mangelnde Beziehungskompetenz keine ganze Generation. Beziehungsunfähigkeit ist ein Trend, den sich junge Erwachsene eher einreden, um sich alles offen zu halten und auch eigene Fehler zu revidieren. „So wie man das Flirten lernen kann, kann man auch das Lieben und das Beziehungsleben lernen. Jeder Mensch ist beziehungsfähig, wenn er will.“

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