Die Helden in der Flüchtlingskrise

„Wir schaffen das!“, sagte Angela Merkel, kurz bevor die Entscheidung am Abend des 4. Septembers 2015 fiel, einige hunderte Flüchtlinge in Deutschland zu empfangen. Doch angekommen in Deutschland, bleibt kaum Zeit, um das Erlebte und Gesehene zu verarbeiten. Die treibende Kraft in dieser Krise stellten die IntegrationslotsenInnen dar.

Ein Behördenbesuch jagt den nächsten und ohne entsprechende Unterstützung, geht man im Berg der Unterlagen verloren. Genau aus diesem Grund gewinnen IntegrationslotsenInnen immer mehr an Relevanz. Sie vermitteln zwischen Geflüchteten und den Behörden. Sie erleichtern das Ankommen und das Leben in der neuen Heimat. Für viele Flüchtlinge sind sie ein wichtiger Bestandteil des Integrationsprozesses und trotzdem wissen vergleichsweise wenige BürgerInnen von ihrer Existenz. Wie LotsenInnen, auf einem stürmischen Schiff, kennen sie sich genau mit allen möglichen Hürden und Hindernissen aus und wissen sie zuverlässig zu bewältigen, um an ihr Ziel zu gelangen. Nur ist das Ziel bei der Integrationslotsentätigkeit nicht etwa ein Ort, sondern eine erfolgreich geglückte Integration.

Selbst für viele von uns, die in Deutschland geboren und/oder aufgewachsen sind, kann das Ausfüllen von Unterlagen und Behördendokumenten zu einer echten Herausforderung werden. Wenn man sich dann vorstellt, notgedrungen aus seiner Heimat zu fliehen, Zuflucht in einem völlig fremden Land, mit einer fremden Kultur und einer fremden Sprache zu finden und dort in einem Wirrwarr von wichtigen, jedoch äußerst unverständlichen Papieren verloren zu gehen, ist der Grad der Herausforderung noch einmal ganz anders.

Nicht jeder Geflüchtete hat das Privileg, in dem Land, in welchem er Zuflucht gefunden hat, Familie oder sonstige Bekannte aufzufinden, die ihm bei dem Integrationsprozess begleiten und unterstützen. Genau aus diesem Grund gibt es IntegrationslotsenInnen. Doch über das bloße Ausfüllen von Papieren hinaus, erfüllen sie noch viele weitere Aufgaben. Sie begleiten die Geflüchteten bedarfsweise bei Arztbesuchen, Behördenterminen und generell bei allen Angelegenheiten, bei denen sie sich alleine unsicher fühlen und auf die Hilfe eines Deutschsprachigen angewiesen sind.

Auch für den 22-jährigen Adnan A. waren die IntegrationslotsenInnen vor vier Jahren bei seiner Ankunft aus Syrien in Deutschland ein echter Segen. Er beschreibt, wie sie ihm bei seiner Suche nach einem Schulplatz, bei dem Ausfüllen von zahlreichen Anträgen und sogar bei der Suche nach seiner jetzigen Wohnung eine riesen Unterstützung waren. Mittlerweile hat er sich in Deutschland gut eingelebt und besucht eine Berufsschule, an der er voraussichtlich 2020 seinen Realschulabschluss absolvieren wird.  Mit den IntegrationslotsenInnen, die ihm damals bei allem unterstützt haben, hegt er immer noch ein sehr gutes, nahezu familiäres, Verhältnis.

Für viele IntegrationslotsenInnen ist ihre Tätigkeit mehr als nur ein Nebenjob. Einige von ihnen bieten sogar ständige Erreichbarkeit an, um in Notfällen immer aushelfen zu können Daran erkennt man sehr gut, wie die Grenzen zwischen Ehrenamt und Privatleben verschwimmen können. Wer sich dafür entscheidet, Integrationslotse oder -lotsin zu werden, entscheidet sich auch dazu, viel Verantwortung für seine Mitmenschen zu übernehmen.

Trotz der großen Hilfe und Unterstützung, die die Lotsen den Geflüchteten anbieten, wissen sie ganz genau, dass Integration nie einseitig sein kann. Integration ist ein Wechselspiel, ein Geben und Nehmen. Es geht nicht nur darum, die Geflüchteten an das Land anzupassen, sondern auch das Land an die Geflüchteten. Deshalb werden von einigen IntegrationslotsenInnen auch beispielsweise Kulturabende veranstaltet, welche beiden Parteien die Möglichkeit bietet, dass jeweils unbekannte Andere kennenzulernen und im Idealfall Vorurteile abzubauen.

Die Flüchtlingskrise 2015 hat viele unerwartete Entscheidungen und Wendungen mit sich gebracht. Zeit um viel zu überlegen oder zu diskutieren, gab es nicht. Es musste dringend und auf der Stelle etwas getan werden, denn es ging um Menschenleben und um humanitäre Hilfe. Die Entscheidung, die Bundeskanzlerin Merkel im September 2015 traf, kam für viele Bürger unerwartet. Meinungen spalteten sich und es wurde viel debattiert. Doch wie auch immer man zu dieser Entscheidung stand, Fakt war: Anhand dieses Beispiels erkennt man sehr gut, wie die Grenzen zwischen Ehrenamt und Privatleben verschwimmen können. Viele Menschen waren genötigt, ihre Heimat zu verlassen und in Deutschland Schutz zu suchen. Und in genau dieser Zeit waren IntegrationslotsenInnen so gefragt wie noch nie zuvor. Denn Behörden, Ämter, Schulen, der Staat und die Bürger selbst, waren überfordert und brauchten dringend Mittler, die die Lage beruhigen.

IntegrationslotsenInnen leisten Großes in unserer Gesellschaft, und was sie leisten, ist gerade heutzutage unverzichtbar. Aus genau diesem Grund, sollten dringend mehr Menschen von ihrer Existenz wissen und sie für ihr Ehrenamt schätzen. Denn sie haben in einer Zeit, in der Deutschland auf jede Hilfe angewiesen war, einen enorm wertvollen Beitrag geleistet. Sie haben Menschen, die Unvorstellbares gesehen und erlebt haben, selbstlos eine helfende Hand gereicht.

Abschließen möchte ich mit den Worten von Voltaire: „Human ist der Mensch, für den der Anblick fremden Unglücks unerträglich ist und der sich sozusagen gezwungen sieht, dem Unglücklichen zu helfen.“

 

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