Die Verlierer des Mega-Sommers

Der Hitzesommer 2018 – für einige das Highlight schlechthin, für andere bedeutet es den Kampf um die Existenz. Wie verändert die Dürre unsere Lebensmittelversorgung über den Winter?

Leere Supermarktregale in Deutschland? Noch vor einigen Monaten waren Versorgungsengpässe in Deutschland fast unvorstellbar. Während der langanhaltenden Dürre 2018 machten aber immer wieder Schlagzeilen in den Nachrichten die Runde: großflächige Ernteausfälle, Viehbetriebe müssen Notschlachten oder Dürrehilfe in Millionenhöhe für die Landwirtschaft. Wie geht es den Viehbetrieben, Obst- und Gemüsebauern, ImkerInnen und LandwirtInnen jetzt über den Winter?

Anhaltender Sonnenschein und extrem hohe Temperaturen bei ausbleibenden Niederschlägen, so kann man den Sommer 2018 kurz und knapp beschreiben. Während Eisdielen, Schwimmbäder und UrlauberInnen innerhalb Deutschlands sich über die langanhaltende Sommerhitze freuten, quälten sich landwirtschaftliche Betriebe vor allem in der Mitte, im Norden und im Osten des Landes mit katastrophaler Dürre.

Die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) erklärte die diesjährige Trockenheit zu einem „Ereignis von nationalem Ausmaß“. Der Bund beteiligte sich an den Hilfsprogrammen der Länder, um landwirtschaftliche Unternehmen zu unterstützen. Die staatliche Dürrehilfe beträgt 340 Millionen Euro. „Uns helfen die Dürrehilfen überhaupt nicht“, berichtet ein Ackerbauleiter in Mecklenburg-Vorpommern. „Man muss als Betrieb fast zahlungsunfähig sein, damit man Dürrehilfe überhaupt bekommen kann.“

Nur im Jahr 1911 war es trockener

Der Sommer 2018 brachte mit rund 130 Liter pro Quadratmeter (l/m²) nur 54 Prozent seines Solls von 239 l/m². Trockener war nur der Sommer 1911 mit 124 l/m², sagt der Deutsche Wetterdienst. Einige starke Regenfälle traten in diesem Jahr Anfang Juni örtlich auf. Ansonsten herrschte verbreitet große Trockenheit. Die Folgen wurden im August spürbar: Wiesen waren völlig verdorrt, Blätter fielen von den Bäumen und kleine Flüsse vertrockneten. Die nördlicheren Bundesländer, wie Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, wie auch Brandenburg und Sachsen-Anhalt, waren und sind am stärksten betroffen.

Doch gibt es regional sehr große Unterschiede: Die Bodenart entscheidet über den Wasserhaushalt der Pflanzen bei Trockenheit. Beispielweise war der Maisaufwuchs auf sandigen Böden in diesem Jahr kümmerlich und führte zu einer frühzeitigen Reifung. Hingegen war der Maisertrag auf Marschböden gut, da mehr Wasser in ihm auf längere Zeit gespeichert werden kann.

Wie verändern sich die Preise durch die Dürre für die VerbraucherInnen auf den Wochenmärkten über den Winter? Campus 38 befragte HändlerInnen von drei verschiedenen Wochenmärkten in Niedersachsen.

Nach der jahrelangen Milchkrise entsteht infolge der Dürrekrise eine neue Dimension für viele Viehbetriebe. Bis jetzt ist die Lage noch unklar. Die Situation ist angespannt, viele Betriebe wollen sich gegenüber Campus38 nur anonym äußern. Ein Landwirt aus Schleswig-Holstein erklärt: „Durch die Dürre konnten wir nur 50 Prozent des eigenen Futters für den Winter erwirtschaften. Das Gras ist nicht nachgewachsen, sodass wir häufiger die Weiden wechseln mussten. Als im Juli noch immer kein Regen fiel, haben wir angefangen, das Winterfutter zu verfüttern. Damit die Tiere nicht im Winter verhungern, mussten wir notgedrungen für 12.000 Euro Futter aus Mecklenburg-Vorpommern kaufen.“ Andere Viehbetriebe, die vor allem aufgrund der Milchkrise nicht das nötige Kleingeld haben, um Futter zukaufen, mussten ihre Tiere verkaufen. Das Futter ist knapp und dementsprechend überteuert.

Das Futter wird knapp


Ökologische Betriebe dürfen nun aufgrund des Futtermangels Raufutter verfüttern, das aus konventioneller Erzeugung stammt. Dies ist die erste Nothilfe-Maßnahme für Öko-Futter seit der Einrichtung des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) 2001. Das Raufutter darf bis zum 30. Mai 2019 eingesetzt werden. Landwirte müssen dies dennoch kenntlich machen. Ein Bioland-Betrieb in Niedersachsen verhält sich bedeckt. „Bis jetzt können wir noch keine genauen Angaben machen, wie gut wir durch den Winter kommen. Wir hoffen, dass wir bis Mitte Dezember noch Winterfutter produzieren können, dann müssten wir kein konventionelles Futter kaufen. Ausgeschlossen ist nicht, dass wir über den Winter einige Kälber verkaufen müssen.“

Auch die Käserei ist von der Dürre betroffen. Da viele Betriebe ihre Tiere verkaufen, wird weniger Milch produziert. „Bis jetzt kann ich die Entwicklung bis zum Winter nicht einschätzen. Von vielen Lieferanten habe ich gehört, dass es Probleme bei der Produktion gibt, da zu wenig Milch vorhanden ist. Vor allem Schafs- und Ziegenmilch werden knapper. Eine Ziegenkäsesorte verkaufe ich auch schon nicht mehr“, erklärt eine Käseverkäuferin auf einem Wochenmarkt in der Nähe von Hamburg. Ein Käseverkäufer auf dem Wochenmarkt in Braunschweig macht sich hingegen keine Sorgen: „Unsere Lieferanten haben keine Probleme bei der Gewinnung von Milch. Unsere Milchpreise werden stabil bleiben. Wir freuen uns, auf den Winter, da die Menschen wieder mehr Appetit auf Milchprodukte bekommen.“

Wie geht es den LandwirtInnen nach der Dürre? Anton Müller ist Landwirt in Mecklenburg-Vorpommern. Bei einer exklusiven Feldrundfahrt erfährt Campus38 von ihm die Auswirkungen und Folgen der monatelangen Trockenheit.

Nach der Erntebilanz des Deutschen Bauernverbandes ist die Getreideernte um 26 Prozent schlechter ausgefallen, verglichen mit der durchschnittlichen Erntemenge der letzten fünf Jahre. „Wir haben keinen Bio-Roggen, den wir über den Winter an Bäckereien oder Mühlen verkaufen können“, erzählt Stefan Peters, ein Händler auf dem Wochenmarkt in Schneverdingen. Die Preise für Getreideprodukte würden von Unternehmen zu Unternehmen variieren und auch der Getreideanteil in Produkten sei unterschiedlich, sagt eine Bäckerei aus Niedersachsen.

Billigpreise für Äpfel

Die Ernte im Obstbau war dieses Jahr hingegen sehr ertragreich. „Für uns Obstbauern ist es ein sehr schlechtes Jahr. Es gibt viel zu viele Äpfel, dadurch sinkt der Preis“, erklärt eine Obstbäuerin aus dem Alten Land bei Stade. „Im letzten Jahr bezahlten die Verbraucher für das Kilo knappe vier Euro, in diesem Jahr sind es nur noch gute zwei Euro.“ Obst gibt dem Obstbauern 2018 kein gutes Einkommen, VerbraucherInnen können sich freuen.

Mehr bezahlt werden muss allerdings für Kopfsalat, Eisbergsalat und Kohlrabi. Bei Stefan Peters in der Lüneburger Heide, der seine Felder ökologisch bewirtschaftet, fiel die Kartoffelernte gut aus. Dadurch sind die Kartoffelpreise für den Verbraucher günstiger. Dennoch gebe es in diesem Jahr Lagerungsschwierigkeiten bei den Kartoffeln.

Viele Äpfel, niedrige Preise (Quelle: Lena Isenberg)

Auch ImkerInnen sind betroffen. Beispielsweise konnten in manchen Orten Deutschlands bestimmte Honigsorten dieses Jahr nicht produziert werden. „Da in diesem Jahr die Heide kaum geblüht hat, konnten wir keinen Heidehonig herstellen. Zwar haben wir noch einige Gläser auf Lager, die aber könnten bald ausverkauft sein“, erzählt ein Imker aus der Lüneburger Heide.

Die Dürre hat viele Bereiche der Landwirtschaft getroffen. Nicht nur die Ackerbetriebe leiden, sondern auch Gemüsebauern oder Imker. Auch wenn die Ernte bei den Obstbauern sehr gut ausgefallen ist, machen sie in diesem Jahr kaum Gewinne. Am stärksten hat die Dürre die Viehbetriebe getroffen. Noch ist unklar, wie viele Tiere durch den Winter kommen. Dennoch steht schon fest: Die Lebensmittelregale werden auch über den Winter gefüllt bleiben, doch der Preis einiger Lebensmittelprodukte wird deutlich steigen.

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