Ein Beruf mit Kopf, Herz und Hand

Die Bevölkerung altert, aber das Pflegepersonal schrumpft: Im Durchschnitt kümmert sich ein Pfleger um 52 Hilfsbedürftige. Was läuft da falsch? Campus38 liefert die Zahlen und spricht mit Pflege-Experten.

In einem Land wie Deutschland wird man gut ausgebildet und sozial unterstützt, verspricht der Sozialstaat. Fachkräftemangel ist laut des Bundeswirtschaftsministerium flächendeckend kein Problem. Noch nicht. In 20 Jahren sieht das schon ganz anders aus. Im Pflegeberuf jedoch klafft schon heute eine Versorgungslücke: Schätzungen der Bertelsmann-Stiftung belaufen sich dabei auf 100.000 bis 200.000 Vollzeitbeschäftigte, die im Jahre 2025 fehlen werden. Unlängst räumte die Bundesregierung ein, dass derzeit rund 36.000 Stellen in der Alten- und Krankenpflege fehlen.

Es wird uns in Zukunft alle betreffen. Wir werden uns fragen, wer unseren Abfluss repariert oder wer uns in Zukunft die Haare schneidet. Eine Maschine? Vielleicht. Was sich aber schwer vorstellen lässt, ist, dass eine Maschine einem die Pflegehose wechselt. Wer wird sich um uns kümmern, wenn wir alt oder pflegebedürftig werden? Zwei Optionen, die dem Großteil der Bevölkerung durch den Kopf schießen: Die eigenen Kinder oder das Pflegeheim. Da stellt sich wiederum die Frage der Finanzierung. Beide Optionen sind mit einem Fragezeichen verbunden. Offene Fragen, über die sich ein Großteil der Gesellschaft erst zu spät Gedanken macht. Ein Unfall, eine Krankheit oder das Leben können diesen so entfernten Gedanken der Pflegeunterstützung schnell einholen. Mit Blick in die Zukunft muss schon heute dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden, damit pflegebedürftige Personen in Zukunft nicht darunter leiden müssen.

 

In Deutschland herrscht Pflegenotstand und das nicht erst seit gestern. Ein junger Mann muss das Thema erst in die Medien bringen und der Kanzlerin persönlich in die Augen sehen, bis etwas passiert. Aber was genau ist nun das Problem mit der Pflege?

Nach der jüngsten Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes werden 73 Prozent der pflegebedürftigen Menschen zuhause betreut. Das entspricht etwa 2,08 Millionen Menschen in ganz Deutschland. Zwei Drittel von diesen werden von den eigenen Angehörigen gepflegt. Ob das auch dem Ausmaß an Pflege genügt, ist an dieser Stelle fragwürdig. Brigitte Lau, Leiterin der Alloheim Senioren Residenz in Salzgitter, sagt Campus38 im Interview, dass viele Angehörige sich zu viel zumuten und zu leichtfertig diese Aufgabe annehmen: „Und dann kommen die Menschen zu uns, sind in einem sehr desolaten Zustand. Sie haben Krankheitsbilder, die schon in die Schwerstpflege gehen, in die Palliativversorgung.“

Schon heute fehlt es überall an Pflegekräften in den stationären Einrichtungen. Das Personal kommt nicht hinterher, Überstunden sind Alltag und ein freies Wochenende oftmals Fehlanzeige. Hochrechnungen gehen davon aus, dass 2030 etwa 3,4 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen sein werden, aktuell beträgt die Anzahl der pflegebedürftigen Menschen in unserem Land rund 2,9 Millionen. Ambulant vor stationär ist bei vielen Personen dabei der erste Gedanke, aber man muss dieser Aufgabe gerecht werden. Der Beruf des Pflegers ist nach Aussagen der Interviewpartner mit drei Worten zu beschreiben: Kopf, Herz und Hand. Pflege braucht mehr als eine Person, die ihre Arbeit verrichtet und dann nach Hause geht. Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, brauchen neben der gesundheitlichen Versorgung auch das Vertrauen und die Zeit der Pflegekraft.

Pflege ist Frauenberuf
In einer immer älteren Bevölkerung wird uns in Zukunft die doppelte Anzahl an Fachkräften fehlen. Derzeit sind 87 Prozent der Beschäftigten weiblich. Rund ein Drittel von ihnen ist bereits älter als 50 Jahre. Warum so ein großer Anteil von Frauen besetzt wird, erklärt Brigitte Lau so: „Das war tatsächlich ein Frauenberuf, weil die Frauen auch aus der Historie und aus den Haushalten immer die Helfenden sind. Und dementsprechend sind sie gerne in die Berufsebene gegangen. Das verändert sich aber gerade, es werden deutlich mehr Männer.“

Bleibt abzuwarten, ob in Zukunft nicht nur die Anzahl an männlichen Pflegekräften steigt, sondern auch mehr Menschen dem Beruf mit Kopf, Herz und Hand nachgehen wollen. Fakt ist, dass die Anzahl an pflegebedürftigen Menschen stetig steigt und die Anzahl an Pflegefachkräften im Gegenzug sinkt. Das hat unter anderem etwas mit den Rahmenbedingungen des Berufes zu tun. Dazu zählt auch die Entlohnung, die unzuverlässigen Dienstpläne, aber auch die Wertschätzung des Berufes in der Bevölkerung. Widmen sich Politik und Entscheider mehr diesen Dingen, kann man vielleicht nicht nur den absehbaren Fachkräftemangel abmildern, sondern auch das Leben vieler pflegebedürftiger Menschen verschönern. Und wir als Generation, die sich zu wenig Sorgen um die Zukunft macht, könnten etwas beruhigter auf das Alter blicken.

Notstand beim Pflegepersonal. Flüchtlinge ohne Job. Zwei Probleme, die sowohl gesamt Deutschland als auch unsere Region beschäftigen. Kann man zwei Probleme gleichzeitig lösen?

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