Ein Mensch ist kein Unterstrich und auch kein Sternchen

Diskussionen über eine geschlechtergerechte deutsche Sprache gibt es schon seit den 1970er Jahren. Die einen sehen das Gendern als Ausdruck der Gleichstellung beider Geschlechter, die anderen empfinden es als Sprachverkomplizierung und einfach nur unnötig. Dabei ist die Sprache nicht der Schlüssel zur Gleichberechtigung.

2018 wurde die dritte Geschlechtsoption „divers“ rechtlich eingeführt. Auch dadurch wird nun über eine mehrgeschlechtliche Schreibweise diskutiert, die nicht nur das männliche und weibliche Geschlecht anspricht, sondern auch andere Geschlechtsidentitäten. Das führt nun zu einem Problem der gendergerechten Sprache. Bei den aktuell umstrittenen Formen, die das weibliche und das männliche Geschlecht ansprechen sollen, fühlen sich die non-binären Personen immer noch nicht gerecht behandelt. Es ist einfach zu kompliziert, um wirklich allen gerecht zu werden.
Am einfachsten wäre es doch, bei der klassischen generischen maskulinen Form zu bleiben. „Generisches Maskulinum“ bedeutet ja eben auch, dass eine Personengruppe, die sich aus unterschiedlichen Geschlechtern zusammensetzt, als männlich bezeichnet wird. Das generische Maskulinum dient also als allgemeingültiger Oberbegriff. Ganz klar definiert. Also, wo liegt hier die Problematik?
Allein aufgrund dessen kann man die Diskussionen über das Thema gendergerechte Sprache doch absolut nicht nachvollziehen. Natürlich geht es den Befürwortern hierbei um mehr als nur die Schreibweise. Es geht um Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Jedoch hat die Sprache allein nicht die Macht, echte Gleichberechtigung zu erreichen. Hierbei müssten Aspekte wie zum Beispiel der Zugang zur Bildung, die Aufstiegschancen im Beruf sowie auch der Verdienst im Beruf des weiblichen Geschlechts betrachtet werden. Denn daran wird auch die gendergerechte Sprache nichts ändern. Diese verkompliziert nur unsere Schreibweise.
Die Gleichsetzung des grammatischen Geschlechts (Genus) und des biologischen Geschlechts (Sexus) werden ebenfalls zum Problem. Grammatikalisch gesehen gibt es drei Geschlechter: Maskulinum, Femininum und Neutrum. Demnach sagen wir die Maus, das Eichhörnchen oder der Tiger – unabhängig davon, welches Geschlecht das Tier hat. Auch in Bezug auf Gegenstände wird ein grammatikalisches Geschlecht verwendet. Wer also geschlechterneutrale Sprache konsequent anwenden möchte, müsste dementsprechend auch das Maus und das Tiger schreiben. Spätestens jetzt muss einem doch bewusstwerden, wie lächerlich und falsch das doch klingt.
Viele versuchen beim Gendern auch das generische Maskulinum zu umgehen. Sie wählen die beschreibende Form, also beispielsweise Backende statt Bäcker. Hierbei verliert die Form des Backenden die korrekte Bedeutung. Ein „Backender“ kann eine Person sein, die gerade backt, aber eigentlich Versicherungsvertreter ist. „Der Bäcker“ beschreibt hingegen eine Tätigkeit, die sich auf einen Beruf bezieht.
Laut einer Umfrage von infratest dimap aus dem Jahr 2020 sind zwei Drittel der Deutschen gegen die gendergerechte Sprache und ein Drittel ist dafür. Jeder von uns wird täglich, beispielsweise in der Hochschule, mit dem Thema konfrontiert. Professoren und Dozenten achten besonders darauf, dass sich beide Geschlechter angesprochen fühlen. Auch ihnen fällt es nicht leicht, sich an die Sprache zu gewöhnen, da sie sich ab und zu korrigieren müssen. Man muss doch schmunzeln, wenn diese Formen der gendergerechten Sprache benutzt werden. Es wäre doch viel einfacher alle mit dem generischen Maskulinum anzusprechen.
Die Meinungen zu dem Thema gehen weit auseinander. Der Ansatz der Diskussionen über die gendergerechte Sprache ist falsch, da unüberlegte Sprachformen nicht zu mehr Gleichberechtigung führen. Stattdessen führen sie eher dazu, dass wir orthografische Fehler und ungenaue Angaben als richtig ansehen. Wir sollten keine halbfertigen und unüberlegte Alternativen verwenden, solange es in Deutschland keine einheitliche und konsequente Form für eine gendergerechte Sprache gibt.

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