Ein Rückschritt für die Wissenschaft

Großbritannien stimmte am 23. Juni 2016 per Referendum für den Austritt aus der Europäischen Union. Viele britische Universitäten warben jedoch für einen Verbleib in der EU. Was sie nun befürchten.

„Für Ihren Studiengang wird kein Austauschsemester mit Erasmus angeboten“ – diesen Satz hören viele Studierende seltener Studiengänge, der ihnen im ersten Moment alle Hoffnungen auf ein Jahr an einer ausländischen Hochschule nimmt. Es gibt aber weitere Möglichkeiten, diesen Traum zu verwirklichen und als „Freelancer“ ins Ausland zu gehen. Dies bedeutet, dass der Auslandsaufenthalt selbst organisiert wird. Nachteil: Es müssen Studiengebühren gezahlt werden. Und das teilweise nicht zu knapp.

Großbritannien ist laut DAAD, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, mit Spanien und Frankreich eines der beliebtesten Länder für ein Auslandsstudium oder auch nur ein einzelnes Semester von studentischen EU-Bürgern. Das macht sich an den britischen Hochschulen bemerkbar: 124.575 der Studierenden kommen aus der EU (Stand 2013/14), davon sind etwa 16 Prozent Deutsche, wie der DAAD dokumentiert. Sie zahlen reduzierte Studiengebühren von höchstens 9000 GBP pro Semester, wie UCAS, die offizielle britische Stelle zur Studienfinanzierung, darlegt. Das entspricht nach dem derzeitigen Wechselkurs etwa 10800 Euro. Für nicht EU-Bürger liegt dieser Preis, besonders an den Elite-Universitäten wie Oxford, Cambridge und weiteren, gerne mal bei dem dreifachen Wert. Genau diese Spitzenunis sind es auch, die nach Informationen des DAAD bisher etwa ein Fünftel ihres Forschungsbudgets aus Fördermitteln der Europäischen Union ziehen.

Weniger freie Forschung und Gelder durch Brexit

Viele Universitäten warben vor dem Votum im Juni des vergangenen Jahres für einen Verbleib in der EU. Nicht ohne Grund, meint DAAD-Präsidentin Professor Margret Wintermantel: Sie befürchten einen Rückschritt in der Forschung. Viele talentierte Wissenschaftler werden ihrer Meinung nach weniger frei forschen können, dadurch gehen qualifizierte Arbeiter verloren, und vor allem wird es teurer. Teurer für Studierende aus dem Ausland, aber besonders teuer für Großbritannien als Staat, wenn es keine Fördergelder der EU mehr gibt. Auch Bildungskredite werde es in den Vereinigten Staaten weniger häufig geben können, wie es für EU-Bürger der Fall ist, vermutet Wintermantel.

Was hat die Regelung dann für einen Sinn, wenn sie überall schadet? Wo nützt sie? Erklärtes Ziel der Konservativen ist es, die Einwanderung zu senken. Premierministerin Theresa May verspricht in dem neuen Wahlprogramm vom 18. Mai, die „Nettoeinwanderung“ auf unter 100.000 Personen pro Jahr zu reduzieren. Tatsächlich werden laut dem „Guardian“ die Einwanderungszahlen immer geringer, die britische Tageszeitung bemerkt jedoch, dass ausländische Studierende ebenso dazu zählen, wie andere Einwanderer und einen Großteil einnähmen. Viele Briten stimmten wegen der Einwanderungspolitik für den Brexit. Immerhin würden die Zahlen den Wählern belegen, dass die Wahlversprechen eingehalten werden und die „Nettoeinwanderung“ wird auf dem Papier gesenkt. Der britischen Regierung scheint es also um Zahlen zu gehen. Zahlen, die auf dem Papier gut aussehen.

Wintermantel ist wegen des Brexit-Votums besorgt: „Der freie Austausch von Ideen, die Selbstverständlichkeit der Universitäten, zu kooperieren, gemeinsam Workshops und Summer Schools auszurichten und dabei von EU-Fördergeldern zu profitieren – all das steht jetzt zur Debatte.“ Und damit auch der Auslandsaufenthalt Studierender aus der EU.

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