Ein Stück mehr Lebensfreude

Schicksalsschläge machen alltägliche Dinge wie sprechen und laufen für einige Menschen nicht mehr möglich. Diese Menschen sind auf die Unterstützung anderer angewiesen. Wir stellen einige der Vereine und Initiativen vor, die Betroffenen die Chance geben, etwas an Lebensqualität zu gewinnen.
Der Wünschewagen des ASB-Niedersachsen (Quelle: ASB Niedersachsen)

Die Ende 60-jährige Rosi sitzt erwartungsvoll und reisebereit auf ihrem Bett im Hospiz und wartet auf die beiden Wunscherfüller Michael und Marc-Oliver. Sie freut sich, ist aber auch aufgeregt und ein wenig nervös. Sie hat Respekt vor der Anstrengung und ist gespannt, wie der Tag verlaufen wird.  

Rosis größter Wunsch: noch einmal ihre zwei frisch geborenen Zwillingsenkel in Aurich sehen. Allein schafft sie es nicht mehr, sie zu besuchen – sie ist schon zu geschwächt. Auch mit Hilfe von Freunden oder ihrer Familie wäre dies problematisch geworden. Es hätte zu viele Risiken auf der langen Fahrt gegeben, denn es hätte keine medizinische Versorgung gewährleistet werden können. Rosis Diagnose: eine unheilbare Krebserkrankung mit nur noch kurzer Lebensdauer. Sie hat lange gegen die Krankheit gekämpft, doch nun verschlechtert sich ihr Zustand zunehmend.  

Für Rosi ist die Geburt der Zwillingsenkel ein Anreiz gewesen – ein Anreiz, um noch ein Stück länger durchzuhalten und ein wenig länger zu leben. Sie wollte noch einmal die ganze Familie beisammenhaben. Dies hat sie geschafft.

Mit dem Wünschewagen des ASB-Niedersachsen und den zwei Wunscherfüllern geht es für Rosi nach Aurich. Der Wünschewagen sieht nicht aus wie ein gewöhnlicher Krankentransporter. Außen ist er mit vielen Sternen auf einem blauen Untergrund beklebt. An einer der beiden Seite gibt es ein großes abgedunkeltes Panoramafenster.

 

Einer der Wunscherfüller bringt Rosi die Zwillingsenkel. (Quelle: ASB Niedersachsen)

Rosi sitzt bequem auf der Liege im Innenraum. Auf der Fahrt hätte niemand merken können, dass es sich hierbei um eine schwer kranke Frau handelt – man sah ihr die Krankheit nicht an, denn die Vorfreude überwog.

Am Haus angekommen, werden alle herzlich und mit offenen Armen empfangen. Die Wunscherfüller werden begrüßt, als seien sie ein Teil der Familie. In dem kleinen Haus herrscht eine gemütliche und heimische Stimmung. Oma Rosi wird wie üblich in den großen beigefarbenen Sessel im Wohnzimmer gesetzt und bekommt stolz ihre zwei Zwillingsenkel in den Arm gelegt.

Doch nicht nur Rosis Zwillingsenkel sind da. Auch ihr einjähriger Enkel ist dabei und ihr Schwiegersohn hat sich ebenso mit seinem Kind auf den Weg gemacht, um Rosi noch einmal wiederzusehen. Es ist viel los, die Kinder rennen neben Rosis Sessel, während diese die Zeit in vollen Zügen genießt. Sie hat ihre Liebsten alle beisammen. Es wird viel gelacht und Rosi strahlt mit ihren Enkelkindern um die Wette. Schnell macht sich eine selig ruhige und glückliche Atmosphäre breit – es ist, als wäre es wie immer.  

Eigentlich sollte sich der Wünschewagen gegen Nachmittag wieder auf den Rückweg machen, doch Rosi wollte noch einige Zeit länger den Moment genießen und auch dieser Wunsch wurde ihr erfüllt. Die Wunscherfüller zeigen den Kindern den Wünschewagen noch einmal von innen und erklären ihnen alles genau. Es ist schön zu sehen, wie die Kinder gespannt zuhören. Gegen Abend musste jedoch trotzdem Abschied genommen werden. Die Kinder sind traurig, dass Oma Rosi schon wieder fährt – am liebsten wären sie mitgefahren. Auch Rosi kann sich nur langsam von ihren Enkelkindern lösen und verabschiedet sich nur schweren Herzens. Dabei kommt die ganze Familie noch einmal im Wünschewagen zusammen, bevor es für Rosi wieder zurück in das Hospiz geht. Der Innenraum ist für so viele Menschen eigentlich viel zu klein, aber alle wollen ein letztes Erinnerungsfoto schießen.

Ein letztes Erinnerungsfoto im Wünschewagen. (Quelle: ASB Niedersachsen)

Anschließend machen sich die Wunscherfüller mit Rosi wieder auf den Heimweg.  Die Kinder stehen noch lange winkend am Fenster und schauen dem wegfahrenden Wagen hinterher. 

Auf der Rückfahrt wird das hellblaue Licht im Innenraum des Wünschewagens eingeschaltet – es soll beruhigend wirken und zu einem schnelleren Schlaf verhelfen. Rosi ist erschöpft, man merkt, dass der Tag an ihren Kräften gezerrt hat. Sie liegt unter der dicken Bettdecke, die mit blauen und weißen Sternen bedruckt ist. Auch an der Decke des Krankentransporters sind Sterne angebracht. Es sieht so aus, als würde Rosi zufrieden schlafen, doch sie reflektiert glücklich den ganzen Tag in ihrem Kopf – ihr letzter sehnlicher Wunsch ist in Erfüllung gegangen. 

„An so einer Fahrt merkt man wieder, was wirklich im Leben zählt – nicht die Streitigkeiten auf der Arbeit oder Sorgen über den nächsten Urlaub, sondern die Zeit mit der Familie. Eigentlich ist es nur eine Kleinigkeit, aber in diesem Moment ist es etwas ganz Besonderes.“, so der Wunscherfüller Marc-Oliver Berndt. 

Der Wünschewagen – ein Projekt des ASB-Niedersachsen 

Rosi wurde ihr letzter Wunsch erfüllt. So wie ihr, ging es in den letzten Jahren über 1.500 Menschen. Ob noch einmal ans Meer, zum Lieblingskonzert oder einfach nur zu einem besonderen Ort – der Wünschewagen aus Niedersachsen macht dies möglich. Es handelt sich hierbei um ein Projekt des Arbeiter-Samariter-Bundes, welches ausschließlich durch Spenden finanziert wird. Das Motto dabei lautet: Menschen in ihrer letzten Lebensphase noch ein wenig Glück und Freude zu schenken und ihnen somit noch einen letzten Herzenswunsch zu erfüllen. Mithilfe von über 1.300 Helfern, die in diesem Falle „Wunscherfüller“ genannt werden, gelingt dies bereits seit über fünf Jahren.

Einen großen und wichtigen Teil tragen die ehrenamtlichen Wunscherfüller zu jeder Fahrt bei. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Berufen, besitzen aber einen medizinischen Hintergrund. Zur Vorbereitung durchläuft jeder von ihnen vor der ersten Wunschfahrt eine Schulung.

Diese durfte auch Christian Behrens durchlaufen. Er arbeitet beim ASB-Braunschweig und ist dort für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und gleichzeitig auch Wunscherfüller. Er ist gelernter Palliativpfleger und hatte dadurch schon viel Kontakt mit schwerkranken Menschen. Herr Behrens unterstützt seit Tag eins das Projekt des Wünschewagens in Niedersachsen. Im Interview erzählt er von dem Ablauf der Wunschfahrten, wie man mit der psychischen Belastung umgeht und von seiner emotionalsten Fahrt.

Ein letztes Erinnerungsfoto im Wünschewagen. (Quelle: Emily Walter)
Der Sprachcomputer an Vicis Rollstuhl unterstützt sie beim Kommunizieren. (Quelle: Deborah Oppermann)

Der Wünschewagen erfüllt Menschen in jedem Alter in ihrer letzten Lebensphase ihren sehnlichsten Herzenswunsch. Auch im Alltag ist es wichtig, sowohl Schwerkranken als auch Menschen mit einer Behinderung ein Stück mehr Lebensqualität zu ermöglichen.

Wie Menschen mit Behinderung in ihrem Alltag unterstützt werden

Vici sitzt mit ihren Eltern am Küchentisch. Es ist Zeit zum Abendbrot. „Vici, was möchtest du heute Abend essen?“, fragt ihre Mutter. Vici beginnt ihren Sprachcomputer mit den Augen zu steuern, um ihrer Mutter eine Antwort auf die Frage zu geben. Die 26-jährige kann sich nicht, wie andere Frauen in ihrem Alter, ihr Essen selber zubereiten. Seit ihrer Geburt hat Vici eine 100-prozentige Behinderung – körperlich und geistig. Hinzukommt ein frühkindlicher Hirnschaden, durch den sie motorisch stark eingeschränkt ist. Doch nicht nur die Zubereitung des Essens ist für sie nicht möglich. Auch sich normal zu äußern, was sie essen möchte, geht auf dem normalen Wege nicht, da sie nicht sprechen kann. Um dennoch ihre Wünsche und Gedanken kommunizieren zu können, nutzt sie einen Sprachcomputer. Dieser gibt ihr die Chance, Dinge zu tun, die für sie aufgrund ihrer Krankheit eigentlich unmöglich sind.

Zurzeit wohnt Vici mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater zu Hause. Mehrmals am Tag wird die Familie von Mitarbeitern eines Pflegedienstes unterstützt. Tagsüber besucht sie eine Behindertenwerkstatt. Danach kümmern sich ihre Eltern oder der Pflegedienst um sie. Mit der Hilfe von persönlichen Pflege- und Freizeitassistenten kann sie verschiedene Dinge unternehmen, wie beispielsweise Stadionbesuche oder einen Stadtbummel. Nun soll sich die Wohnsituation für Vici jedoch stark verändern. Sie nimmt an einem Projekt teil, bei dem sie mit zwei anderen Frauen in ihrem Alter in eine gemeinsame Wohngemeinschaft zieht. Eine der beiden zukünftigen Mitbewohnerinnen studiert soziale Arbeit. Die Dritte besitzt ebenfalls ein Handicap. Zurzeit wird noch entschieden, welche dritte Mitbewohnerin mit in die Wohngemeinschaft einziehen soll. Somit steht auch noch nicht fest, welche Beeinträchtigung diese Person genau hat. Wichtig ist jedoch, dass es in der Wohngemeinschaft trotzdem ein gewöhnliches und alltägliches Miteinander gibt. Es sollte zum Beispiel keine weitere Person sein, die auf einen Sprachcomputer angewiesen ist, damit das Kommunizieren zwischen allen drei Frauen leichter fällt.

Nachts hat die Studentin Dienst und kümmert sich um die beiden Mitbewohnerinnen mit Beeinträchtigung, wenn etwas anfällt. Der Alltag wird für Vici weiterlaufen wie gewohnt. Der Pflegedienst kommt für sie in die Wohngemeinschaft und tagsüber arbeitet sie weiter in der Behindertenwerkstatt.

Vicis Eltern stehen voll und ganz hinter dem Projekt. Ihre Tochter soll sich so normal wie möglich entwickeln können. Im Rahmen der Möglichkeiten solle sie nun mit ihren 26 Jahren selbstständiger werden. Dazu sehen sie einen „begleiteten Auszug“ als gute Chance. Auch ihre Eltern schaffen für sich dadurch wieder etwas mehr Privatsphäre im eigenen Haus. Fast den gesamten Tag über werden sie aktuell entweder vom Pflegedienst oder von den Freizeitassistenten unterstützt. Dadurch befinden sich immer mehrere Personen zusätzlich im Haushalt. Auch wenn sie sehr dankbar für die Unterstützungsmöglichkeiten sind, können sie durch das neue Projekt nun wieder etwas mehr Privatsphäre in den eigenen vier Wänden genießen. Zumal die Wohngemeinschaft von Vici nicht allzu weit vom Elternhaus entfernt sein wird.

Das Projekt wurde privat von einer Elterninitiative ins Leben gerufen und wird von einem Pflegedienst unterstützt. Die Eltern haben sich für das Konzept an Projekten des Vereins „EMMA+WIR e. V.“ orientiert. Der Verein unterstützt Menschen mit Beeinträchtigung. Er hilft ihnen beispielsweise bei der Suche nach einer barrierefreien Wohnung, entwickelt eigene Wohngemeinschaftskonzepte oder setzt sich für Gleichberechtigung und Anerkennung ein. Dazu bietet er auch verschiedene Kurse in den Wohngemeinschaften an. Bewohner können zum Beispiel an Koch- oder Yogakursen teilnehmen.

Doch es gibt noch einige weitere Vereine, die sich für Menschen mit Beeinträchtigung einsetzen. Besonders im Sport gibt es viele Alternativen, die diverse Sportarten trotz einer Behinderung möglich machen. So gibt es unteranderem Sitzvolleyball oder Rollstuhlbasketball. Beim Rollstuhlbasketball gibt es kaum Unterschiede zum normalen Basketball: Ballgröße, Linienzeichnung auf dem Feld sowie Höhe des Korbes. Auch das Match dauert genauso lange wie ein gewöhnliches Basketballspiel – vier Spielrunden à zehn Minuten. Rollstuhlbasketball ist Teil der Paralympics und wird in deutschen Vereinen auf Profiniveau gespielt. In Hannover spielt die erste Mannschaft von „Hannover United“ in der ersten Bundesliga. Die Sportart bringt jedoch noch einige außergewöhnliche Eigenschaften mit und hat dadurch eine ganz besondere Bedeutung für die Spieler und den Trainer von „Hannover United“:

Der Sprachcomputer an Vicis Rollstuhl unterstützt sie beim Kommunizieren. (Quelle: Deborah Oppermann)

Der Sprachcomputer hat einen großen Bildschirm – ähnlich wie ein größeres Tablet. Auf diesem sind Symbole zu sehen, die ausgewählt werden können. Ein Kamerasensor nimmt Vicis Augenbewegungen wahr, sodass sie sich durch das Menü steuern kann. Ihre Eltern oder der Pflegedienst können den Sprachcomputer aber auch über das Touchdisplay bedienen. Will sie sich nun ihr Abendessen wünschen, steuert sie sich durch die verschiedenen Menüsymbole, die auf dem Sprachcomputer eingerichtet sind. Zuerst wählt sie die Taste mit „Gabel und Messer“ aus, um in die Unterkategorie „Essen“ zu gelangen. Dort entscheidet sie sich für den Menüpunkt „Abendbrot“. Dadurch öffnen sich viele Essensmöglichkeiten, aus den sie die Bilder „Käse“ und „Brot“ auswählt.  Der Sprachcomputer ist für Vici so eingestellt, dass die durch den Sensor erkannten Symbole in einen ganzen Satz eingebaut werden. Dieser wird dann von einer Stimme aus dem Computer ausgesprochen. Vici kann also ihrer Mutter in einem ganzen Satz antworten, dass sie zum Abendessen ein Käsebrot essen möchte. Durch den Sprachcomputer erhält sie Chance, durch Sprache zu kommunizieren. Ihre Eltern möchten daher, dass sie auch in ganzen Sätzen mit anderen sprechen kann.

Da Vici physisch nicht in der Lage ist, einen Sprachcomputer mit Tasten zu bedienen, kam für sie nur ein Modell in Frage, das mit einem Kamerasensor ausgestattet ist. Einige Patienten, die auf einen Sprachcomputer angewiesen sind, haben jedoch bessere motorische Fähigkeiten. Für sie gibt es auch Sprachcomputer, die mit Tasten oder einem Touchdisplay zu bedienen sind und dadurch eine geringere Fehlerquote aufweisen.

Für Vici ist der Sprachcomputer die einzige Möglichkeit mit anderen Menschen zu kommunizieren. Dabei geht es für sie im Alltag aber natürlich um viel mehr als sich lediglich ihr Abendessen zu wünschen.

Total
0
Shares
Ähnliche Beiträge
Mehr lesen

Suche Investor, biete Start-up

Bei Start-ups scheint Erfolg die Ausnahme zu sein – nur jeder zehnte Gründer ist langfristig erfolgreich. Campus38 spricht mit Gründern aus der Region und beleuchtet das Finanzierungsproblem des Selbstständigmachens.
VON Lena Bünnemeyer
Mehr lesen

Der Junge mit den versteckten Farben

Hasim ist homosexuell, lebt in Deutschland und stammt aus dem Irak. Für seine Familie ist Homosexualität ein No-Go. Hasim war mutig und hat sich mit Redakteurin Jessica Melchert getroffen, um über seine schwierige Situation zu sprechen. Seine Freunde wissen von seiner sexuellen Orientierung, aber in seiner Familie weiß niemand davon.
VON Jessica Melchert