Falls ihr mich sucht: ich bin im Wandel

Eine starke Persönlichkeit wird von unserer Gesellschaft geradezu zelebriert. Privat und beruflich wird immer mehr von uns erwartet. Laura Kucharczyk erklärt, warum Persönlichkeitsentwicklung dabei manchen weiterhelfen kann.

Wer bewundert sie nicht? Menschen, die sobald sie einen Raum betreten, sofort von jedem registriert werden. Leute, die in Konfliktsituationen mit einer klaren und fairen Argumentation die Oberhand gewinnen, ohne respektlos oder unruhig zu werden. Der Typ Mensch, der erfolgreich durch sein Leben geht und weder seine Genügsamkeit, noch seine Freunde vergisst.

Ganz gleich, ob privat oder im Beruf – eine starke Persönlichkeit zu haben wird von der Gesellschaft großgeschrieben. Ein Blick in die Stellenanzeigen überregionaler Zeitungen genügt, um festzustellen: Unternehmen suchen nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern Persönlichkeiten. Sie müssen innovativ, kreativ, verhandlungsstark und belastbar sein. Auch im Alltag sind wir Situationen ausgesetzt, die uns auffordern, das Beste aus uns herauszuholen. Die Persönlichkeitsentwicklung begleitet uns vom Kindesalter an, zunächst als ein passiver Prozess, auf den wir jedoch im Laufe des Lebens bewusst Einfluss nehmen können.

Mit Persönlichkeitsentwicklung zur verbesserten Lebensqualität

Die Beweggründe für eine persönliche Weiterentwicklung sind vielfältig und von Person zu Person unterschiedlich. So mag der Auslöser des Wunsches zur Persönlichkeitsentwicklung für den einen das Empfinden von Druck bei Prüfungen oder Präsentationen sein, beim nächsten wiederum ist es das eigene Selbstbewusstsein. Eine Gemeinsamkeit haben diese Umstände jedoch alle; sie irritieren den Menschen und rufen ein Störgefühl in ihm hervor. Diese Situationen führen laut Lifecoach Ilona Heinemann zu Konflikten und schränken die Lebensqualität ein. „Der Mensch merkt, dass er an seine Grenzen kommt, und ihn das zunehmend beeinträchtigt“. Heinemanns KlientInnen kommen meist mit einem gewissen Leidensdruck und dem Wunsch einer Veränderung zu ihr. Häufig sind es Verbesserungen bezüglich Kommunikationsfähigkeiten, des Zeitmanagements und des Selbstbewusstseins, die sie sich von einer aktiven Persönlichkeitsentwicklung erhoffen. „Unsere Welt wird immer schnelllebiger durch die Globalisierung, Digitalisierung und die Umwelt“, betont sie.
So geht es bei der Persönlichkeitsentwicklung um eine Art Zurechtkommen in der heutigen Welt, mit dem Ziel, die eigene Lebensqualität zu verbessern. Carl Gustav Jung, Begründer der analytischen Psychologie, spricht mit seiner Persönlichkeitstheorie von einer „Ganzwerdung“ oder „Individuation“ der Persönlichkeit. Damit ist nicht Perfektionismus, sondern viel mehr eine Vollständigkeit gemeint, zu der wir im Laufe des Lebens vordringen, wie durch die Schichten einer Zwiebel. Eine starke Persönlichkeit ist das Ergebnis geänderter Verhaltensweisen und der intensiven Arbeit mit sich selbst. Sie kann für das persönliche Wachstum sowie ein ausgeglichenes Leben extrem förderlich sein.

  – Persönlichkeitsentwicklung im Privaten? Unbedingt! –

Mitarbeiterauswahl – zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Achtsamkeit, Zielstrebigkeit, Selbstbewusstsein und vor allem Verantwortung, sind Merkmale, die man einem persönlichkeitsstarken Menschen zuweist. Die Persönlichkeitsentwicklung hat somit, unabhängig von individuellen Beweggründen, zum Ziel, die Person eigenständiger und handlungsfähiger werden zu lassen. All diese Ansprüche findet man häufig in Stellenanzeigen. Wie sieht jedoch die Wirklichkeit aus? Wollen Unternehmen tatsächlich starke Persönlichkeiten?

Heike Groll, Heilpraktikerin für Psychotherapie sieht das kritisch: „Ich glaube Unternehmen möchten das gar nicht haben. Ich erlebe immer wieder, dass sehr gewünscht ist, dass der Angestellte, man nennt das dann so schön ‚flexibel‘ ist“. Groll wittert dabei ganz oft Manipulation, die wiederum ihrem Bild einer starken Persönlichkeit widerspricht. Sie ist jedoch davon überzeugt, dass die „taffen Strukturen“, in den hohen Ebenen des Managements gefragt und gewünscht sind. Auf der breiten Arbeitnehmerebene hat sie jedoch eher den Eindruck, dass eine starke Persönlichkeit nicht sehr geschätzt wird. Es scheint also paradox, dass die Persönlichkeitskompetenz ein Qualifikationskriterium für die breite Masse der Arbeitnehmer ist und auch so von allen wahrgenommen wird. Unternehmen suggerieren zwar ein Interesse an fertigen Persönlichkeiten, im Endeffekt sind diese aber unerwünscht. In Grolls Achtsamkeitstrainings für Bedienstete in Wolfenbüttel, beschäftigt sie sich unter anderem mit dem Thema „Verantwortung übernehmen“ und stellt immer wieder fest, dass Menschen im beruflichen Bereich Verantwortungen übernehmen, die eigentlich gar nicht ihre sind. „Häufig verlieren die Menschen dabei eine gesunde Distanz“, betont sie. So scheint die Struktur, die mehr aus dem Privaten kommt und dort durchaus wünschenswert ist, zu sehr in den beruflichen Bereich einzugreifen.

–  Persönlichkeitsentwicklung im Beruf? Nur zum Teil wünschenswert! –

Eine Persönlichkeitsentwicklung kann vor allem Menschen in Führungspositionen bereichern – Campus38 im Interview mit Christa-Jana Hartwig bei ihrem Seminar: Persönlichkeit stärken, souverän überzeugen.

 

Selbstoptimierung oder Wahn?  

Unabhängig von privatem oder beruflichem Interesse, gibt es unterschiedliche Zugänge zur Persönlichkeitsentwicklung. Neben klassischen Persönlichkeitsseminaren und Kursen, welche eher an eine Mehrzahl von TeilnehmerInnen gerichtet sind, besteht gleichermaßen die Möglichkeit eines Einzelcoachings. Die Auswahl eines Angebotes zur Persönlichkeitsentwicklung sollte jedoch stets achtsam getroffen werden. Die heutige Gesellschaft ist in vielen Bereichen nahezu in einen Selbstoptimierungswahn verfallen, welcher vor allem durch die sozialen Netzwerke angekurbelt wird. Jugendliche eifern ihren Influencer-Idolen nach; Instagram sorgt für Minderwertigkeitskomplexe und die Werbung weist uns nonstop auf unsere verbesserungswürdigen Persönlichkeitsdefizite hin. Nicht nur im privaten, sondern vor allem im beruflichen Sektor, ist der Druck zur Selbstoptimierung enorm hoch. Der Erfolg wird zunehmend durch Soft Skills bestimmt, durch die viele glauben, sie seien nicht gut genug. Ein gefundenes Fressen für dubiose Seminare im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung. Von der Absicht einer sinnvollen Selbstoptimierung zu Gunsten der TeilnehmerInnen sind viele Angebote weit entfernt. Stattdessen wird versucht die TeilnehmerInnen im Sinne von Angebot und Nachfrage zu einem marktfähigen Selbst zu gestalten. Bis zu welchem Grad ist eine Selbstoptimierung also noch sinnvoll und wo liegen die Grenzen zum regelrechten Wahn?

„Wenn die Selbstoptimierung den Zweck verfolgt, perfekt zu sein, absolut keine Fehler und Defizite zu haben“, sagt Heinemann, sei das Ziel einer sinnvollen Selbstoptimierung verfehlt. Ähnlich sieht das Heike Groll: „Alles was von innen herausgeleitet wird, ist auf einer guten Schiene unterwegs, alles was eher von außen indiziert wird, ist kritischer zu betrachten“.Letztendlich geht es darum, realistische Ziele zu setzen und sein Potential auszuschöpfen. Besteht die einzige Absicht jedoch darin, von sozialen Kreisen bewundert und anerkannt zu werden, so ist die Grenze bereits überschritten.


Tu’s für dich!

Eine Entwicklung im Leben ist unausweichlich. Dadurch, dass unsere Gesellschaft immer schnelllebiger und komplexer wird, prallen Außenreize täglich auf uns ein und stellen uns vor neue Herausforderungen. Je umfangreicher soziale Systeme sind, desto wichtiger werden individuelle Bedürfnisse und die Frage nach dem Selbst. Dabei gilt es sich jedoch stets zu fragen, ob das, was ich anstrebe, tatsächlich meinen Bedürfnissen entspricht oder dem Zweck der Gesellschaft dient. Der persönliche Sektor des Lebens wird sicherlich von einer Persönlichkeitsentwicklung profitieren. Betrachtet man jedoch, die Soft Skills fordernde Berufswelt, so ist Vorsicht geboten. Schnell kann man in einen Wahn geraten, der von Selbstzweifeln und dem Ungenügen in der modernen Welt angetrieben wird und nichts mehr mit einer Persönlichkeitsentwicklung zu tun hat. Natürlich lassen sich die Lebensbereiche nicht gänzlich trennen. So mögen Verhaltensweisen, welche sich durch die Persönlichkeitsentwicklung im Privaten bewährt haben, auch auf die Berufsebene überschwappen. Trotzdem sollte man sich bewusst machen, dass eine sinnvolle und aktive Persönlichkeitsentwicklung für das Individuum selbst gedacht ist. 

3 zentrale Fragen der Persönlichkeitsentwicklung – Ein Interview mit Heike Groll:

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