Freiwillige Isolation – gibt es das?

Jeder kann im Laufe seines Lebens mit Isolation oder Einsamkeit konfrontiert werden. Die Folgen für Körper und Psyche sind individuell und vielschichtig. Es gibt mehrere Möglichkeiten und Wege, mit ihnen umzugehen.

Gerade in der Corona-Zeit erleben viele Menschen das Gefühl von Isolation. Isolation existierte aber bereits in der Zeit davor. Unter Isolation wird die Absonderung von Kranken oder Häftlingen verstanden, aber genauso kann sich eine Gruppe oder Person innerhalb eines sozialen Gefüges abkapseln. Soziale Isolation kann freiwillig gewählt sein. Manche Menschen genießen es, für sich allein zu sein. Diese Personen ziehen sich bewusst zurück und haben nur wenige bis keine Kontakte. Einsamkeit ist jedoch keine freiwillig gewählte Form der sozialen Isolation. Es wird zwischen dem objektiven Zustand des Alleinseins (sozialer Isolation) und dem subjektiven Gefühl (Einsamkeit) unterschieden. Fühlt sich jemand einsam, kann das Gefühl durch den Verlust eines geliebten Menschen entstehen oder durch Ausgrenzung Anderer. Somit wird klar unterschieden zwischen Einsamkeit oder sozialer Isolation. Wenn sich jemand entschließt, allein zu leben, muss sich dieser nicht einsam fühlen. Zur Unterscheidung gibt es äußere und innere Faktoren, die zur Isolation führen können. Zu den äußeren Faktoren gehören zum Beispiel Mobbing, Familienkonflikte, Verlust von Angehörigen oder eine Krankheit wie Corona. Zu den inneren Faktoren gehören beispielsweise mangelndes Selbstwertgefühl, Kommunikationsdefizite, Suchterkrankung oder nahezu alle psychiatrischen Erkrankungen wie Depression, soziale Phobien oder Zwangsstörungen.

 

Gerät ein Mensch in Isolation, kann dies unterschiedliche Auswirkungen auf die Person haben. Rammyia Loganathan ist Psychologin und erklärt anhand eines Vier-Ebenen-Modells negative Folgen einer Isolation.

In der aktuellen Zeit, in der das Corona-Virus präsent ist, ist die Chance größer, unter Vereinsamung zu erkranken. Das Virus zwingt die Gesellschaft quasi zur sozialen Isolation, da eine Zeit lang keine bis kaum Gruppentreffen stattfinden durften, kaum menschliche Interaktionen stattfanden und die Menschen viel Zeit alleine verbrachten. Unsere sozialen Bedürfnisse nach Kontakt oder dem Austausch untereinander konnten somit nicht befriedigt werden.

Menschen besitzen unterschiedliche Charakterzüge. Sie können in extrovertiert oder introvertiert unterteilt werden. Wenn die Frage aufkommt, wer besser mit der Isolation zurechtkommen würde, wäre die Antwort folgende: die Introvertierten. Ist jemand eher extrovertiert, genießt er die sozialen Kontakte, geht gerne auf Partys oder trifft sich mit Freunden und könnte es somit schwieriger in der Isolation haben. Doch auch introvertierte Personen brauchen ein Mindestmaß an sozialem Austausch. Um in der Isolation nicht zu vereinsamen, gibt es einige Möglichkeiten, die helfen können. Wichtig ist, dass einem bewusst wird, was fehlt und was nicht. Vermisst man den sozialen Kontakt, gibt es die Möglichkeit, andere Menschen über soziale Medien, Telefon oder auch Briefe zu erreichen. Eine weitere Idee wäre auch eine WhatsApp-Gruppe oder regelmäßige Treffen über Videochats wie Skype und Co. Sollte einem die Bewegung fehlen, hilft es, das Haus zu verlassen und spazieren oder zu laufen zugehen. Wenn es verboten ist, das Haus zu verlassen, gibt es unterschiedliche Bewältigungsstrategien. Dazu zählen beispielweise sich einem Hobby zu widmen oder Pläne für die Zukunft zu schmieden. Verzichten sollte man hingegen auf Trinken von Alkohol oder das Zeigen von Aggressionen. Es ist wichtig, sich nicht passiv zurück zuziehen und Routine zu schaffen. Eine gewisse Normalität und Routine herzustellen. Jeden Tag zur gleichen Zeit aufzustehen und sich anzuziehen, als würde man ins Büro fahren, auch wenn man nur Homeoffice macht, hilft beispielweise sich selbst auszutricksen und somit nicht in Angst zu verfallen. Darüber hinaus entstand während der Corona-Krise folgender Trend: Menschen verabredeten sich über die sozialen Medien zum gemeinsamen Musizieren und jeder befand sich dabei auf seinem eigenen Balkon.

Was gegen Vereinsamung hilft, verrät Rammyia Loganathan im folgenden Video.

Beim Thema Isolation kommt schnell die Frage auf: wer leidet überhaupt unter Einsamkeit? Einsamkeit kann alle Bevölkerungsgruppen treffen. Zwischen 2011 und 2017 stieg der Anteil der betroffenen 45- bis 84-Jährigen um circa 15 Prozent. Bei einzelnen Altersgruppen erhöhte sich der Anteil sogar um rund 60 Prozent. Somit leiden bereits Jugendliche unter Einsamkeit. Von den 11- bis 17-Jährigen gaben 4,2 Prozent an, sich oft einsam zu fühlen, unter denen sich öfter Mädchen als Jungen einsam fühlen.

Folter oder Entspannung

Einzelhaft gehört zu den grausamsten Strafen, die sich Menschen ausgedacht haben. Gefangene, die die Einzelhaft erlebt haben, berichteten von einer Form der Folter. Auch Terry Anderson, ein US-amerikanischer Journalist, schrieb in seiner Lebenserfahrung „Den of Lions“ über seine Erfahrungen einer 7-jährigen Geiselnahme in Beirut durch die Hisbollah. Die Isolation untergrub seine geistige Gesundheit, er fürchtete seinen Verstand und die Kontrolle zu verlieren. Er ist zwar ein Extrembeispiel, zeigt dennoch, dass die Isolation nicht zu unserer sozialen Natur passt.

Genau so kann Isolation aber auch positive Folgen haben. Evolutionspsychologen behaupten sogar, dass Einsamkeit uns daran erinnert, den Kontakt zu anderen Menschen zu suchen, um somit eines unserer Grundbedürfnisse zu befriedigen. Aber es ist Vorsicht geboten, denn wenn die Isolation zu lange anhält oder zu oft auftritt, soll es schwerer fallen, mit anderen in Kontakt zu treten.

Auch die Psychologin Loganathan beschreibt einige positive Auswirkungen von Isolation im folgenden Video.

Menschen, die sich freiwillig entscheiden in Abgeschiedenheit zu leben, erhoffen sich dabei die positiven Erfahrungen der sogenannten Isolation zu erfahren. Der Alltag in der Stadt und in der heutigen Gesellschaft verlangt einem viel Zeit und Stress ab, vor allem in der heutigen Zeit. Viele stehen auch unter dem Druck, gewisse Erwartungen, wie zum Beispiel im Job, in der Beziehung oder in den sozialen Medien, zu erfüllen. Das ZEN-Kloster in Liebenau bietet Menschen die Möglichkeit, in Ruhe und Stille Abstand vom erfolgssuchenden und erfolgsabhängigen Alltag zu finden. Das Kloster liegt abgeschieden von der Außenwelt und bietet mit seinem Gebäude und den Gärten eine andere Welt der Ruhe, Stille und Ästhetik.

Wolfgang Hess ist der Leiter des ZEN-Klosters und erzählt seine Geschichte vom Leben im Kloster.

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