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gute|schlechte Medien - Filterblase, Philosophie, Internet Gefangen in der Bubble

Was ist eigentlich ungewöhnlich? Fast jeder hat eine Vorstellung davon, was er für normal hält. Dies verbindet uns meist mit dem engen Freundes- und Bekanntenkreis. Doch wie sieht es eigentlich außerhalb dessen aus und was passiert, wenn uns Umstände wie eine Pandemie zur Abstinenz zu der Außenwelt zwingen?

In der eigenen Welt, statt in der Wirklichkeit. (Quelle: istockphoto.com)

Die Frage, ob die Welt nur subjektiv wahrgenommen wird, hat bereits die größten PhilosophInnen der Geschichte in den Bann gezogen. Bereits Platon beschäftigte sich vor rund 2500 Jahren mit der Frage, inwiefern die Dinge, wie wir sie sehen und wahrnehmen, der Wirklichkeit entsprechen. Dafür stellte er das Höhlengleichnis auf. Im Kern geht es darum, dass jemand, der sein gesamtes Leben in einer Höhle verbracht und nur Licht und Schatten gesehen hat, ein deutlich anderes Verständnis von der wirklichen Welt hat. Für diese Peron sind die Schatten die realen Dinge und nicht die Abbildungen von etwas anderem. Selbst wenn der Ursprung der Schatten irgendwann ausgemacht werden kann, wirken zunächst die realen Dinge wie die Imitation der Schatten. Wenn diese Person irgendwann die Höhle verlassen kann, stellt sie fest, dass alles, was sie bisher geglaubt hat zu wissen und zu erkennen, nicht real gewesen ist. Das Weltbild in der Höhle war ein völlig anderes als das außerhalb der Höhle. Wenn die Person, die der Höhle entkommen konnte, nun in die Höhle zurückkehrt und den restlichen Bewohnern der Höhle von seinen Erkenntnissen erzählt, werden diese ihn wiederum für verrückt erklären. Das seit Jahren wahr Geglaubte kann nicht auf einmal falsch sein. Doch inwieweit stecken auch wir alle in unserer kleinen Höhle, beziehungsweise Bubble, fest? Sind auch unsere als wahr geglaubten Dinge zum Teil nur die Schatten von etwas anderem?

Diese Frage beschäftigt auch etliche Jahrhunderte später noch die Menschheit.

Rund 2100 Jahre später hat sich auch der Aufklärer Immanuel Kant 1781 in seinem Werk „Kritik der reinen Vernunft“ Gedanken zu dem Thema gemacht. Er hat zwischen zwei Erkenntnissen unterschieden. Unter dem Begriff der Transzendentalphilosophie versteht er Erkenntnisse a priori und Erkenntnisse a posteriori. Erkenntnisse a priori sind diejenigen, die ohne eine empirische Erfahrung erlangt werden können und unter Erkenntnisse a posteriori versteht er diejenigen, die erst nach einer konkreten Erfahrung geschlussfolgert werden können. Sämtliche Erkenntnisse a posteriori können dabei verfälscht sein, da die Schlussfolgerungen, welche der Mensch trifft, nur begrenzt möglich sind. Um ein extremes Beispiel zu nennen: Die meisten Menschen, die am Himmel ein Licht sehen, werden auf ein Flugzeug oder einen Stern schlussfolgern. Doch was, wenn am Himmel ein Raumschiff ist, was eine Farbe hat, die vom menschlichen Auge (mit Ausnahme des Lichtes) nicht wahrgenommen werden kann? In diesem Fall ist die Schlussfolgerung des Menschen inkorrekt, da die menschlichen Sinne eine andere Wahrnehmung nicht ermöglichen. Oder um es mit Platons Erkenntnissen zu sagen: Handelt es sich bei dem Licht um ein echtes Ding oder nur um einen Schatten?

Und wie sieht es heute aus?

Auch die Philosophie des 20. Jahrhunderts hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Daraus ist der Konstruktivismus entstanden, bei dem davon ausgegangen wird, dass das Wissen über etwas nicht der objektiven Wirklichkeit entspricht, sondern eine Interpretation darüber und subjektiv ist. Der Mensch versucht sich die Zusammenhänge zu erschließen und daraus ein Abbild zu kreieren. Doch wie lässt sich diese, doch sehr philosophische Ansicht, auf den Alltag übertragen? Durch die Corona-Pandemie wurde auch eine Ausnahmesituation geschaffen, welche es seit dem Beginn der modernen Medien so nicht mehr gab. Menschen wurden auch schon früher in Extremsituationen gezwängt, aus denen sich anschließend wieder ein normales Leben mit gewöhnlicher Kommunikation entwickelte, wie beispielsweise Weltkriege. Nur sind diese Geschehnisse in einem Rahmen passiert, in dem die Kommunikation in erster Linie eine andere war. Nun nehmen viele Menschen seit fast zwei Jahren die Welt nur über soziale Medien oder über den engsten Freundes- beziehungsweise Familienkreis wahr. Wie bereits einleitend erwähnt, teilen diese unsere Ansichten jedoch häufig. Wenn es in der einen Familie als seltsam gilt, sich mit einem High-Five zu begrüßen und zu verabschieden, ist es in der anderen vielleicht eine lang gepflegte Tradition, welche gar nicht mehr hinterfragt und als völlig normal angesehen wird. Es ist allerdings absolut vorstellbar, dass dieses Verhalten zu Fragezeichen führen könnte, wenn sie es nach dem Home-Office auch auf den Arbeitsalltag übertragen möchten. Wenn man hier die Theorie des Konstruktivismus ansetzt, wird deutlich, dass auch innerhalb der letzten Monate die Realität, beziehungsweise die Welt draußen, individuell erschlossen wurde. Die Medien berichteten über die Geschehnisse, doch selbst mitbekommen hat man das meiste davon nicht. Nach Niklas Luhmann, der 1984 die Systemtheorie aufstellte, dienen die Massenmedien dem Erhalt der Systeme. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Teilbereichen soll aufrechterhalten werden und Komplexität reduzieren. Damit erschafft sie jedoch eine neue Realität, da die Menschen je nach Medium von verschiedenen Systemen Informationen erhalten. In der Pandemie plädieren MedizinerInnen für längeren Schließungen, um das Gesundheitssystem am Laufen zu halten, die Wirtschaft zu Lockerungen, um das Wirtschaftssystem zu erhalten und PolitikerInnen haben das politische System und die kommenden Wahlen im Hinterkopf. Herauszufinden, was hier die richtige Information ist und wessen Interessenlage am ehesten der Realität entspricht (beispielsweise: „Kann man wieder öffnen? MedizinerInnen übervorsichtig oder Wirtschaft zu vorschnell?“) wird je nach Voreinstellungen gegenüber der Situation interpretiert beziehungsweise die Wirklichkeit konstruiert.

Die Wahrnehmung der Wirklichkeit spielt auch online eine große Rolle

Das Wahrnehmen von Inhalten, welche den eigenen Voreinstellungen gegenüber Dingen entsprechen, gibt es auch online. Eli Pariser nutzt 2011 in seinem Buch „Filterbubble“ den Begriff der Filterblase und stellt die Theorie auf, dass durch Algorithmen, welche beispielsweise von Facebook, Google und Instagram genutzt werden, priorisiert Inhalte angezeigt werden, welche die KonsumentInnen sehen möchte und weniger die, welche auf kein Interesse oder auf Ablehnung der NutzerInnen stoßen. Das kann zu einer verzerrten Meinungsübersicht führen, indem keine neutrale Sicht mehr gegeben ist. Es gibt weniger Möglichkeit zu unerwarteten Auseinandersetzungen zu Themen, was dem demokratischen Austausch und dem Hinausschauen über den Tellerrand schadet. Beispielsweise kann jemand, der rechtsradikale Ansichten vertritt, sich dadurch bestätigt sehen. Er könnte den Eindruck haben, dass dies eine weit verbreitete Ansicht ist, wenn er dann nur noch Inhalte, welche diese Ansichten verstärken, angezeigt bekommt. Diese Meinungsblasen können sich sehr gefährlich entwickeln. Doch auch außerhalb der digitalen Welt können natürliche Algorithmen bestimmen, was wahrgenommen wird.
Der eine Freund, der immer erzählt, dass 200 Kilo zunehmen vielleicht ungesund ist und man sich nicht nur von Pizza, Pasta und Burger ernähren sollte, wird eben fortan nicht mehr getroffen. Das Problem scheint gelöst, es redet keiner mehr in die eigene Meinung rein. Innerhalb des normalen Alltags lassen sich solche Situationen jedoch nicht immer umgehen. Wenn man bei der Arbeit zum fünften Mal in der Woche Pizza frühstückt und eine weitere zu Mittag verspeist, werden vermutlich auch Menschen, denen man nicht aus dem Weg gehen kann, etwas sagen oder zumindest skeptisch gucken. Durch die lange Zeit des Home-Office hält niemand einen hierbei auf. Im Gegenteil: Vielleicht finden die eigenen Freunde, alle leidenschaftliche Pizzaliebhaber, das Verhalten auch völlig normal oder zelebrieren es sogar.

Gibt es auch positive Seiten?

Doch sind natürliche Filterblasen und das Leben in der eigenen kleinen Welt oder auch Bubble letztendlich schlecht? Nicht unbedingt. Es ist schlichtweg unmöglich sich jedermanns Sicht und alles Wissen zu jedem Thema anzueignen. Dan Kahan, Professor der Psychologie an der Yale Universität in den USA, stellte 2017 die These der „Denkweise zum Schutz der Identität“ (orig.: „identity-protective cognition“) auf. Bei dieser geht er davon aus, dass zum Schutz der eigenen Ansichten, auch bei vielen breit gefächerten Informationen, nur die zur Kenntnis genommen und als glaubhaft angesehen werden, die die schon bestehenden Überzeugungen stützen. Seine Theorie würde bedeuten, dass auch ohne Filterblasen der Mensch nicht die Inhalte konsumieren würde, die ihn nicht interessieren. Unabhängig davon, ob er diese noch angezeigt bekommt oder nicht. Dies hieße, dass zwar kein Algorithmus mehr filtern würde, aber der Mensch als Person für sich selbst. Fraglich ist hier, inwiefern jemand eine Information wahrnimmt, bevor er sich dagegen entscheidet.
Um auf Instagram zu entscheiden, dass etwas nicht interessant ist oder nicht mit der eigenen Meinung übereinstimmt, muss man zumindest zunächst gelesen oder hingeschaut haben. Durch einen angewandten Algorithmus bleibt dies aus. Er stimmt mit dieser These also Platon zu: Wenn der aus der Höhle Entkommende den restlichen Bewohnern von seinen Erkenntnissen berichtet, werden diese zum Schutz des eigenen Weltbildes nicht hören wollen, was er zu sagen hat. Deswegen machen gewisse Filteraktivitäten im Internet letztendlich keinen Unterschied. Wer aus seiner Höhle nicht herausschauen mag, wird dies, auch wenn er die Möglichkeit hat, nicht tun.

Sind Filterblasen und Filter in unserem echten Leben also letztendlich ein Segen, um uns vor Überforderung zu schützen?

Darüber lässt sich streiten. Fest steht, dass keiner von uns alles weiß oder wissen kann. Der Unwissende ist sich seines eigenen Unwissens oft am wenigsten bewusst. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist immer von unserer Umgebung geprägt und das sowohl online als auch offline. Und ist derjenige, der dies abstreitet, sich in Sicherheit wiegt und glaubt, dass es keine andere Realität geben kann, als das was er jetzt wahrnimmt, nicht wie Platons Höhlenbewohner, welche sich vehement weigern, eine andere Wirklichkeit wahrzunehmen? Deshalb hilft es, aufgeschlossen zu sein und auch mal bewusst aus der eigenen kleinen Bubble herauszuschauen, um zu sehen, was die Welt da draußen noch alles zu bieten hat. Und wer weiß, vielleicht finden Sie ja dabei auch ein wenig Sonnenschein und stellen fest, dass Sie bisher nur Schatten beobachtet haben.