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gute|schlechte Medien - Drachenlord, YouTube, Mobbing Sie lieben es, ihn zu hassen – das seltsame Phänomen Drachenlord

Ein selbst gekrönter Lord ruft zu einer Schlacht auf, die ihn beinahe selbst verschlingen wird. Die Geschichte des Drachenlords liest sich wie ein Märchen und ist doch alles andere als fabelhaft.

Der „Drachenlord“ Rainer Winkler. (Illustration: Maximilian Kirschner)

„Traut euch! Kommt zu mir!“ – schallt es vom Altschauerberg. Mit diesem Aufruf vom 24.02.2014 wird Rainer Winkler eine Lawine lostreten, die über ihn einbrechen soll. Von da an wird ihn das Internet als Drachenlord kennen. Der Geist ist aus der Flasche. YouTube-Star, schneller Ruhm, Verehrer und noch mehr Gegner, Hater, oder im Idiom seiner mittelfränkischen Heimat Haider genannt. Winkler glaubt, mit ihnen spielen zu können und wird doch zusehends zum Spielball negativer Emotionen.
Er lässt sich von seinen Hatern provozieren, lädt diese mit damals 24 Jahren zum Kampf ein. Zum Schlachtfeld erklärt er kurzerhand sein Elternhaus, das als Drachenschanze zweifelhaften Ruhm werden soll.
Einen offenen Kampf mit einer anonymisierten Schar an Hatern aus dem Internet zu beschwören, ist Rainer Winkler allerdings nicht Fehler genug. Er nennt dazu auch noch seine genaue Adresse. Sein Traum vom YouTube-Star soll nicht nur für ihn selbst, sondern auch für die kleine Gemeinde Altschauerberg in Emskirchen zum Albtraum werden. Die Reaktion der Hater lässt nicht lange auf sich warten. Sie folgten dem Ruf des Drachenlords in wachsender Zahl. Sie trauten sich. Sie kamen.

Menetekel und Präzedenzfall

Die Geschichte des Drachenlords ist nicht nur Stoff für einen ganzen Roman, sondern zeigt Schattenseiten des schnellen Internet- Ruhms. Im World-Wide-Web geht es schnell, Menschen zu erreichen und zu vernetzen. Aus welchen Gründen dies geschieht, kann indes nur schwer prognostiziert werden. Im Falle des Drachenlords ist es der Grund, ihn zu hassen und nachzustellen.
Auch Gerichte tun sich schwer bei der juristischen Einordnung des Falls. Die Nachstellung beruht schließlich auf Gegenseitigkeit. Nun soll Winklers wundersamer Werdegang hin zum Internet-Phänomen nicht nur zum Menetekel für zukünftige Content-Creator dienen, sondern fortan auch als Präzedenzfall für die Justiz.
Doch wie viel Schuld trifft den Drachenlord selbst? Die Umstände sind tragisch. Sein Vater stirbt früh an Krebs und seine Mutter und Schwester lassen ihn zuhause allein. Hinzu kommen Lernschwierigkeiten und soziale Probleme mit den Mitschülern bereits in der Sonderschule. Das Leben als YouTube-Star hört sich wahnsinnig prunkvoll an, doch es erfordert einiges an Medienkompetenz, der Fähigkeit Medien lesen und sachgerecht einsetzen zu können. Eine Fähigkeit, die der Drachenlord sich offensichtlich nie aneignen konnte.
Christian Gürtler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Erlangener Universität und befasst sich bereits länger mit medienethischen Fragen. Der Fall des Drachenlords ist für ihn ein „herausragendes Negativbeispiel“, wie Medienschaffende und ihr Publikum miteinander umgehen. Winklers fehlende Medienkompetenz ist auch für ihn ein ausschlaggebendes Kriterium für die Entwicklung der Geschehnisse.

Die Geister, die er rief

Das erste Video des Drachenlords erscheint am 1. Juli 2012, mittlerweile ein Jahrzehnt her, und ist seinem verstorbenen Vater gewidmet. Damals ist Rainer Winkler noch ein junger Mann mit einem Traum. Ganz auf sich allein gestellt. Es kommt etwas zusammen, was hätte nie zusammenkommen dürfen. Ein Spiel zwischen Privatleben und Öffentlichkeit, zwischen Aktion und Reaktion, zwischen Schuld und Unvermögen.
Was in den nächsten Jahren bis einschließlich heute und wahrscheinlich auch der Zukunft passiert, gleicht einem Drehbuch mit eingebauten Spannungsbögen. Von eher harmlosen Aktionen, wie Schneeballwürfen auf sein Grundstück oder Pizzabestellungen auf seinen Namen, bis hin zu ernsteren Vorgängen wie dem Auslösen eines gesamten Feuerwehreinsatzes, ist viel hollywoodreifer Stoff dabei. Wobei auch das Bestellen von Pizzen zum größeren Problem werden kann, wenn dies mehrere hundert Personen gleichzeitig machen.
Rainer Winkler hätte all dem entgehen können. Wenn er seinen Traum vom YouTube-Star an den Nagel gehängt hätte. Er wäre dann einfach wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, aus der er auch gekommen war. Wie viele andere Internet-Sternchen vor ihm. Doch dies will er nicht. Ganz im Gegenteil. Er provoziert weiter, beschimpft die ‚Haider‘ in seinen Videos und Livestreams. Dies stachelt die Gegnerschaft an, lässt diese anschwellen. Das Drachengame ist geboren. 2018 ist ein Höhepunkt mit dem Schanzenfest erreicht. Anlässlich Winklers Geburtstag versammeln sich an die 800 Hater und wollen ihn besuchen. Die Polizei schiebt dem einen Riegel vor. Der gesamte Ort wird abgesperrt, es hagelt Platzverweise.
Ein eindrucksvolles Exempel für das, was für eine Wirkung die Unachtsamkeit eines einzigen Mannes im Verbund mit dem Globalen auf das Leben der Menschen eines ganzen Ortes haben können.
Medienethiker Gürtler erklärt sich dies durch Winklers egozentrische Videos und die damit verbundene Selbstdarstellung. Sämtlicher Content handele von ihm als Person. Immer geht es u seine Weltanschauung, seine Meinung und sein Leben. Irgendwann wird auch der Hass auf seine Person ein zentrales Thema in seinen Videos und somit natürlich auch bei den Aktionen der Hater. Ebenfalls soll Winkler den Streit bewusst dazu nutzen, um seine Reichweite künstlich zu erhöhen.

Zerfall der Heimat

Heute kann man den Glanz der Drachenschanze nur noch erahnen. In diesem Jahr wurde das Haus verkauft und abgerissen. Die Gemeinde legte zusammen, um den Lord des Landes zu verweisen. Die Ereignisse danach überschlagen sich. Der Drachenlord ist nun obdachlos und haust in dem neuen Geländewagen, den er sich vom Geld des Hausverkaufs zulegt. Die Hater machen es sich zur Aufgabe, den auffällig blauen Ford Ranger zu sichten und verfolgen ihren „Lieblings“-Youtuber. Es folgt eine Schnitzeljagd. Der Fluch des Lords soll sich auf sämtliche Hotels übertragen, in denen er übernachten will. So verbringt er die Nächte in seinem Geländewagen. Die Welle der Pizza-Bestellungen und Scherzanrufe soll auch nicht außerhalb Altschauerbergs halt machen.
Als wäre all das noch nicht genug, laufen gegen Drachenlord Winkler noch Ermittlungen. Eine mögliche Verurteilung wegen Körperverletzung scheint sogar wahrscheinlich. Doch eine Wendung des Schicksals bringt Winkler ein milderes Urteil ein. Der Hauptbelastungszeuge, den Winkler mit einer Taschenlampe schwer verletzte, erscheint betrunken vor Gericht und die Strafe wird gemildert. Eine positive Wendung für den Drachenlord. Winklers Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt bei weiteren Auflagen.
So soll er sich etwa professionelle Hilfe für seinen Medienauftritt suchen. Ob Winkler dies wie zugesagt umsetzt, ist unklar. Auch Forscher Gürtler kritisiert: Winkler habe es über Jahre nicht geschafft, seinen Internetauftritt den Umständen anzupassen. Allerdings soll auch das Verhalten der Hater kritisch hinterfragt werden, betont er.
Zu Ende gekommen ist die Geschichte nicht, auch wenn es zuletzt stiller wurde um den Drachenlord. Doch wie lang wird dies anhalten? Wer das Drachengame verfolgt, ahnt, dass bald wieder ein gewaltiger Plot-Twist eintreten könnte. Dass wieder etwas passieren könnte, das Rainer Winkler und seine Hater-Community kollidieren lässt.

Die Lehren der Geschichte

Spätestens nach dem Schanzenfest haben den Drachenlord auch die etablierten Medien auf dem Sendeschirm. Auf typischen Internetplattformen wie YouTube ist die Sage des Drachenlords längst verbreitet, doch nun wird der Fall auch in bekannten Sendungen thematisiert. Ob die zusätzliche Reichweite durch das Fernsehen Winkler nun gut oder schlecht tut, lässt sich sicherlich diskutieren. Formate wie Y-Kollektiv und Stern TV bemühen sich, ein neutrales Bild zu vermitteln, doch auch hier rückt der Drachenlord in den Fokus der Medien. Seine Bekanntheit wächst weiter. Für Medienethiker Gürtler verlaufen die Grenzen zwischen Sensationsjournalismus und der Aufarbeitung der Geschehnisse nicht immer trennscharf. Für ihn wäre es wichtig und sinnvoll, einen massiven Ausbau medienpädagogischer Angebote im Bildungssektor voranzutreiben. Durch Aufklärung und Schulung der Medienkompetenz ließen sich solche Fälle in Zukunft verhindern.
Ist Rainer Winkler nun als Einzelperson verantwortlich? Oder sind seine Hater schuld, die ihn nicht in Ruhe lassen? Ist es vielleicht doch Winklers Familie, die ihn zu früh gezwungen hat, eigenverantwortlich zu handeln? Oder sind es die etablierten Medieninstitutionen, die einfach über ihn berichten, um dann zum nächsten Thema überzugehen? Ist es am Ende an der Politik und unseren Bildungseinrichtungen jungen Menschen einen gesunden Umgang mit den Medien zu lehren? Winkler selbst sagt in einem seiner Videos, dass die Hater entschieden haben. Sie hätten entschieden, ihn über acht Jahre zu besuchen. Sie würden versuchen, ihn in den Selbstmord zu treiben. Doch dies ist offensichtlich vereinfachend. Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen. Am Ende ist die Geschichte von Rainer Winkler ein traurige, über Mobbing, Wut und Hass, sowohl im Internet als auch im echten Leben.