„In Barcelona wird man als Nicht-Katalane ausgegrenzt“

Brexit, Unabhängigkeit, Separatismus – Wörter, die in den letzten Monaten europaweit zum Standardvokabular geworden sind. Nicht zuletzt im spanischen Katalonien. Wie denken Spanier aus anderen Landesteilen über die Unabhängigkeit?

Tausende junge Menschen gehen mit zugeklebten Mündern auf die Straßen Kataloniens. Mit Besteck hämmern sie auf Töpfe ein. „Independencia – Unabhängigkeit“ lautet unter anderem ihre Forderung. Sie werden erhört. Das katalanische Parlament erklärt unter der Führung von Regionalpräsident Carles Puigdemont der Zentralregierung in Madrid im vergangenen Jahr die Unabhängigkeit. Daraufhin wird die Regierung Kataloniens entmachtet und Anklage unter anderem wegen Rebellion gegen Puigdemont erhoben. Während der entmachtete Regionalpräsident und weitere Köpfe der Unabhängigkeitsbewegung ins Exil fliehen, haben die Katalanen eine neue Regierung gewählt: Parteien pro Abspaltung besetzen die Mehrheit im Parlament, allerdings konfrontiert mit einer ebenso starken liberalen Partei, die contra Abspaltung argumentiert. Bis zu einer Koalitionsbildung übernimmt die Zentralregierung aus Madrid das Tagesgeschäft in Katalonien.

Separatismus und Regionalismus sind jedoch nicht nur spanische Szenarien. Eine Fläche, fast dreimal so groß wie Deutschland, weisen momentan die Regionen auf, die innerhalb Europas nach mehr Autonomie oder sogar einer Unabhängigkeit streben. Und das, obwohl laut einer aktuellen Umfrage des EU-Parlaments 57 Prozent der EU-Bürger die europäische Mitgliedschaft ihres Landes als positiv empfinden.

 

Ist ein Auseinanderbrechen der Europäischen Union in naher Zukunft denkbar? Was von der EU dagegen unternommen werden kann, erklären Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler.

Unai M. (27), Juán L. (28) und Alberto R. (28) leben und arbeiten in Spanien. Ihre Namen sind von der Redaktion geändert – aufgrund der aktuellen Entwicklung und aus Angst vor Sanktionen. Sie erzählen, wie sie zur Causa Katalonien und allgemein zum Thema Separatismus stehen.

Campus38: Momentan wird immer von den Separatisten und den Befürwortern der Zentralregierungen gesprochen. Wo siehst du dich?

Unai: Ehrlich gesagt sehe ich mich auf keiner Seite, weder auf der der Separatisten, noch sehe ich mich bei der Zentralregierung. Jedes Mal kann ich die extremen Gefühle auf beiden Seiten nicht nachvollziehen.

Juán: Ich stelle mich weder auf die Seite der Separatisten noch auf die der Zentralregierung in Madrid. Ich bin ein Befürworter des Föderalismus.

Alberto: Weder ergreife ich Partei für die der Separatisten noch für die der Regierung in Madrid. Ich sehe mich ganz klar auf der Seite der Einigkeit.

Campus38: Erst der Brexit und jetzt Katalonien. Was sind deiner Meinung nach die Beweggründe der Menschen, sich von ihren Staaten loslösen zu wollen? 

Unai: Ich komme aus Bilbao, einer Stadt mit einer anderen Sprache und einer anderen Kultur als der Rest Spaniens. Lange Zeit wollten wir die Unabhängigkeit. Und auch heute sind noch viele wütend und wollen die Unabhängigkeit des Baskenlandes. Das Bestreben danach begann in der Franco-Diktatur. Dort wurde uns unsere baskische Sprache, Euskera, unser baskischer Name und unsere Kultur verboten. Diese Epoche war zu hart für die Basken. Ich denke, dass dieses Unabhängigkeitsgefühl nicht nur aufgrund des Nationalstolzes, sondern auch aufgrund wirtschaftlicher Aspekte entsteht. Katalonien gibt Spanien viel Geld. Hier denken die Separatisten wahrscheinlich, dass sie ohne Spanien besser leben könnten. Vielleicht mehr Vorteile hätten. Also meiner Meinung nach, leben sowohl die Separatisten wie auch die extreme Gegenseite in der Vergangenheit. Viele unter uns müssen erst aus der Heimat fortgehen, um zu sehen, was es da draußen noch so gibt. Dort gibt es nicht dieses extreme Gefühl, diesen Nationalstolz, den man in der Heimat verspürt. Klar ist man stolz auf sein Land und liebt es, aber du respektierst auch die andere Kultur und lernst von den Menschen dort.

Juán: Warum es in so vielen Regionen Europas diese Unabhängigkeitsbestreben gibt? Nun ja, dahinter steckt wahrscheinlich zum Großteil die Geschichte der betreffenden Region.

Alberto: Die Regionen, in denen der Wunsch nach Unabhängigkeit vorliegt, fühlen sich anders als der Rest ihres Nationalstaates. Sie wollen frei sein, frei von der Zentralregierung. Die Menschen streben nach einer eigenen Regierung, eigenen Regeln und einem eigenen Land.

Campus38: Ob die autonomen Regionen, wie Katalonien, Flandern, Korsika und Schottland eine Bedrohung für die Einheit Europas darstellen könnten, ist bislang eine ungeklärte Frage. Denkst du, dass das Sezessionsbestreben auf lange Sicht den Staatenverbund Europa in seiner jetzigen Zusammensetzung gefährden könnte?

Unai: Es ist ganz klar, dass ein Sezessionsbestreben dieser Regionen sehr gefährlich werden kann. Es ist wie ein Leben, dass sich jemand schafft und andere wollen dieses Leben auch haben. Und das funktioniert so nicht. In diesem Fall haben alle das Problem, sowohl die Separatisten als auch Europa. Ich sehe Gefährdungen darin, dass Regionen mit einem Unabhängigkeitsbestreben sehen, dass Unabhängigkeiten geschafft werden können und sie dann nachziehen wollen. Ich denke, dass es außerdem zu mehr Rivalitäten kommen könnte und dann allgemein ein aggressiveres Verhalten vorherrscht.

Juán: Ich denke nicht, dass das Sezessionsbestreben dieser Regionen Europa auf lange Sicht gefährden könnte. Es ist außerdem ein Fehler zu denken, dass alle Regionen die gleichen Ideen und Gründe für ihren Unabhängigkeitsgedanken haben

Alberto: Katalonien und Schottland kann man nicht vergleichen. Es ist ein Fehler zu denken, dass beide Regionen die gleichen Ideen und Gründe für ihren Unabhängigkeitsgedanken haben. Darüber hinaus bin ich der Überzeugung, dass die Zusammensetzung der Europäischen Union überleben wird, weil eine Trennung nicht gewollt ist und die EU es auch ohne weiteres nicht kann.

Diese Ansicht wird auch unter den Politikforschern geteilt. Professoren des Instituts für Politische Wissenschaften Erlangen warnen davor, alle Regionen in einen Topf zu schmeißen. Man müsse sie als Einzelfälle betrachten und dabei die unterschiedlichen Beweggründe und Entwicklungen analysieren. Erst dann ist es möglich, Zukunftsprognosen für die EU zu äußern.

Campus38: Hältst du eine Unabhängigkeit Kataloniens für wahrscheinlich und welche Risiken ergeben sich deines Erachtens nach?

Unai: Ich glaube nicht. Katalonien macht zwar viel Geld, aber wenn sie eine Unabhängigkeit schaffen, könnten sie diese nicht halten, weil viele Unternehmen Katalonien verlassen würden. Somit würde sich Katalonien von Europa entfernen und bei Problemen nicht die Hilfe bekommen, die sie bisher bekamen. Auf der anderen Seite besteht aber auch für Spanien ein Risiko, weil Katalonien sehr wichtig für das Land ist. Die Wirtschaft sowie der Tourismus sind stark ausgeprägt, wovon Spanien bisher profitiert hat.

Juán: Ja, ich halte eine Unabhängigkeit Kataloniens für sehr wahrscheinlich, ohne jegliche Zweifel. Es könnten sich jedoch Risiken für Katalonien ergeben, wenn Europa Katalonien nicht als Mitglied der Europäischen Union anerkennen wird.

Alberto: Eine absolute Unabhängigkeit Kataloniens ist unwahrscheinlich oder sogar unmöglich. Obwohl die Regierung Puigdemonts gegenüber der Zentralregierung die Unabhängigkeit erklärt hat, bedeutet das nicht, dass alle Katalanen damit einverstanden sind. Spanien kann diese Entwicklung nicht erlauben und muss dagegen kämpfen. Sie dürfen mein Land nicht einfach so auseinanderbrechen lassen.

Campus38: Was denkst du, was getan werden kann, um eine Abspaltung einer nach Unabhängigkeit strebenden Region zu verhindern?

Unai: Die Lösung habe ich nicht, sonst wäre es ja einfach. Sie müssten sich zumindest zusammensetzen und miteinander sprechen, um eine gute Lösung für jeweils beide Parteien zu finden.

Juán: Man könnte diesen Bewegungen ganz einfach mit legalen Wahlen entgegenwirken.

Alberto: Man kann eine Region nicht davon abhalten, nach Unabhängigkeit zu streben. In diesen Fällen braucht es einfach Zeit und Dialoge zwischen den betreffenden Regierungen, um Lösungen zu finden.

Campus38: Würdest du dich bei einem möglichen Referendum für die Unabhängigkeit deiner Region aussprechen?

Unai: Keine Ahnung, ob ich mich dafür aussprechen würde, aber ich würde immer die Möglichkeit haben wollen, dass das Volk wählen kann. Als Baske bin ich traurig, dass Spanier gegen Katalonier und andersherum kämpfen. Reden kann so viel einfacher sein.

Juán: Ich komme aus Valencia und wie die Katalanen, haben wir auch eine eigene Sprache, eine eigene Kultur, sowie unsere ganz persönlichen Traditionen. Aus diesem Grund fühle ich mich nicht wie ein Spanier, ich bin Valencianer.Ich würde mich also für die Unabhängigkeit meiner Provinz Valencia aussprechen, weil die Zentralregierung versucht, uns das zu nehmen, was uns ausmacht.

Alberto: Meine Region ist Spanien und ich will, dass wir zusammenbleiben. Andalusien funktioniert nicht ohne Spanien und Spanien funktioniert nicht ohne Andalusien. Das Gleiche gilt für Katalonien, País Vasco (Baskenland), La Rioja, Navarra, Asturias, Cantabria, Galicia, Aragón, „Comunidad de Madrid“, „Comunidad Valenciana“, Castilla und Leon, Castilla-La Mancha, „Región de Murcia“, Extremadura, Islas Canarias, Baleares, Ceuta und Melilla.

In einigen Punkten gehen die Meinungen der drei Spanier auseinander. Jeder von ihnen ist durch verschiedene Regionalitäten geprägt. Patrick Vaz Gómez aus Stuttgart besitzt sowohl die deutsche wie auch die spanische Staatsbürgerschaft. Er erzählt wie er über die aktuellen Entwicklungen seines Herkunftslandes denkt.

Campus38: Du kennst die Mentalität der Deutschen sowie die der Spanier. Denkst du, dass der verstärkte Wunsch nach Unabhängigkeit der spanischen Mentalität zu Grunde liegt? 

Patrick: Ja, auf jeden Fall.Die Mentalität der Deutschen ist mit der spanischen überhaupt nicht zu vergleichen. Allein die Anzahl und Größe der Demonstrationen in Spanien übertrifft die der deutschen deutlich. In Spanien versuchen die meisten Menschen Probleme zu lösen, indem sie ihre Unzufriedenheit in der Öffentlichkeit demonstrieren. Das habe ich hier in Deutschland bisher anders wahrgenommen. Die meisten Probleme werden anonym angesprochen.

Campus38: Du bist in Deutschland aufgewachsen, hast jedoch Familie und Freunde in Huelva. Wie denkst du über die Entwicklungen in Spanien? 

Patrick: Ich bin zu diesem Thema sehr negativ eingestellt. Das Argument, sie hätten kein Recht auf Meinungsfreiheit, welches die Katalanen häufig anführen, um ihr Bestreben zu rechtfertigen, ist für mich das Ausnutzen der demokratischen Werte. Kleinunternehmer in Katalonien, die gegen eine Unabhängigkeit sind, werden bedroht und unterdrückt. Man würde ihr Geschäft zerstören, wenn sie sich dagegen aussprechen. Als Nicht-Katalane wird man regelrecht ausgegrenzt. Selbst als ich in Barcelona war und zum Einkaufen in den Markt ging, wurde ich angemacht, weil ich nicht auf Catalán gesprochen habe. Das ist für mich das komplette Gegenteil von Demokratie und Meinungsfreiheit. Ich kann nicht verstehen, was sie sich von einer Unabhängigkeit erhoffen. Wirtschaftlich gesehen wird Katalonien abdanken. Die meisten Firmen sind international besetzt. Sie werden die Region verlassen, was wiederum einen Rückgang von Arbeitsplätzen hervorrufen wird. Von meiner Familie aus Huelva höre ich oft, dass über dieses Thema viel diskutiert wird. Ich würde es als Spanier in Katalonien sehr traurig finden, wenn meine Familie aus Andalusien ihren Pass vorzeigen müsste, um mich sehen zu können.

Wie auch die ersten drei Gesprächspartner denkt Patrick ähnlich über die Zukunft der EU und mögliche Lösungsansätze zur Entschärfung von Regionalismus und Separatismus. Er sieht den Staatenverbund durch diese Bestrebungen nicht gefährdet: „Allem voran steht bei mir die Demokratie, gemeinsam ist man stark.“ Ob man Befürworter oder Gegner ist, hängt stark von der individuellen Sichtweise ab. Als wichtigen Schritt zur Lösung des Konfliktes sehen jedoch alle vier Gespräche zwischen den beiden Regierungen. Sehen das junge Deutsche genauso? Dazu erfahrt ihr mehr im Videobeitrag.

Wie denken im Vergleich zu den Spaniern deutsche Studierende über die Unabhängigkeit Kataloniens? Sehen sie die Europäische Union gefährdet?

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