Ist der Zölibat noch zeitgemäß?

Tausendfach nachgewiesener sexueller Missbrauch an Schutzbefohlenen durch katholische Priester treibt die Menschen aus der Kirche. Am Pranger steht die erzwungene Ehelosigkeit der Kleriker. Muss die katholische Kirche sich endlich verändern?

September, 2018. Vier Jahre arbeiteten Wissenschaftler an der so genannten Mannheim-Heidelberg-Gießen-Studie (MHG). Die Ergebnisse schockierten das ganze Land: 1.670 beschuldigte katholische Kleriker, denen der sexuelle Missbrauch an 3.677 Kindern und Jugendlichen nachgewiesen werden konnte. Ist es Zeit für die katholische Kirche, etwas zu verändern?

Unter den Beschuldigten sind viele Priester, die ein zölibatären Lebensstil führen. Der Zölibat bedeutet die Ehelosigkeit eines Weltpriesters sowie das Verbot von intimen und sexuellen Kontakten. Ein weltweit gültiges Kirchengesetz, das es erst seit dem Mittelalter gibt. Ein göttliches Gesetz sei es allerdings nicht, da es sich nicht aus der Heiligen Schrift als Gottes Wort ableiten lasse, auch Jesus habe den Zölibat nie erwähnt. Michael Menke-Peitzmeyer, Domkapitular des Bistums Paderborn, beschreibt den Zölibat wie folgt: „Ich lebe ehelos, aber hinter der Pfarrhaustür mache ich, was ich will.“

Der Missbrauch-Skandal lässt sich mit Sicherheit nicht nur mit dem Verzicht auf sexuelle Kontakte und Ehelosigkeit erklären, trotzdem scheint es einer der größten Einflussfaktoren zu sein. Denn wie lässt es sich erklären, dass die Kirche ein Leben aufzwingt, das niemand so wirklich verstehen kann und freiwillig anstreben würde? Denn auch Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, spricht sich für die Abschaffung der altertümlichen Lebensführung aus. „Es ist jetzt und nicht irgendwann die Zeit zum Handeln“, fordert der Präsident.

Die Betroffenen der sexuellen Missbräuche waren zu 62,8 Prozent männlich. Wieso der überwiegende Teil männlich war, lässt sich so einfach nicht erklären. Trotzdem verblüfft die Meinung des Papstes zum Thema Homosexualität. „In unseren Gesellschaften scheint es gar, dass Homosexualität eine Mode ist, und diese Mentalität beeinflusst auf gewisse Weise auch die Kirche“, so der Papst im Dezember 2018. Komisch ist nur, dass die MHG-Studie Missbräuche von 1946 bis 2014 untersuchte. Somit scheint der „Modetrend“ Homosexualität die Kirche wohl schon ziemlich lang zu beeinflussen. Es scheint eine sehr große Aufgabe zu sein, etwas in der Kirche und ihren Strukturen zu verändern, wenn das mächtigste Mitglied des Vatikans ein so verrostetes Weltbild hat. Außerdem hat der Zölibat auch finanzielle Vorteile für die Kirche, da ohne Frau und Kinder keine Erben bleiben. Denn der Besitz eines Priesters – vor allem früher ein großes Vermögen – bleibt nach dessen Tod im Besitz der Kirche.

Daher braucht die Kirche auf der ganzen Welt junge Mitglieder, die sich gegen das veraltete Weltbild und die unangemessenen Regeln auflehnen. In Australien beispielsweise hat die MHG-Studie dazu geführt, dass der Nationale Priesterrat einen freiwilligen Zölibat einführt und auch in Belgien ist die Richtung klar erkennbar. Im Oktober 2018 veröffentlichte die Belgische Bischofskonferenz auf ihrer Website einen Artikel mit dem Titel „Verheiratete Männer, die zum Priestertum berufen sind? Die belgischen Bischöfe sind dafür.“ Dies ist auch dringend notwendig, damit die Priester natürlichen, menschlichen Bedürfnissen nachgehen können und die katholische Kirche missbrauchsfrei bleibt.

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