Jagdfieber

Die Jagd auf Rehböcke ist eröffnet. Still verharren tausende JägerInnen in Deutschland in ihren Hochsitzen, um einen sogenannten Maibock vor die Linse zu bekommen. Auch Uwe und Lara legen sich auf die Lauer: ein Einblick in die Welt aus Tarnkleidung, Gewehren und Trophäen.

Morgendämmerung. Die Natur erwacht langsam zum Leben. Es ist still. Nur ein paar Vögel besingen den neuen Tag. Ein Knacken im Geäst. Plötzlich knallt ein Schuss. Ohne Vorwarnung. Er zerreißt die Luft, lässt die Ohren piepen und die Welt scheint still zu stehen. Doch es ist noch nicht vorbei. Die Erlösung naht. Noch ein Schuss. Dann ist es beendet. Der Glanz in den Augen erlischt.

Es ist der 1. Mai, 4.45 Uhr. Während viele Feierwütige in diesen Tag hineintanzen, ist er für JägerInnen aus einem anderen Grund etwas Besonderes: die offizielle Schonzeit für Rehböcke ist vorbei und der Schuss freigegeben. 13 Männer und zwei Frauen stehen im Kreis vor einer Jagdhütte in Niedersachsen. Es ist noch dunkel, nur schemenhaft sieht man die Gesellschaft in grün. „Waidmannsheil“ ertönt mit tiefer Stimme die Begrüßung, als noch ein Jäger dazu stößt.

Revierführer Stefan tritt vor. Mit ernstem Blick erklärt er, welche Rehe zum Schuss freigegeben sind. Stefan hat das rund 809 Fußballfelder große Jagdgebiet gepachtet und ist deshalb für den Schutz und den Erhalt jeglicher Tierart in seinem Gebiet verantwortlich. Unterstützung bekommt er von anderen Jägern, denn keiner der Anwesenden übt die Tätigkeit als Hauptberuf aus und die Jagd ist nur eine Facette der Tätigkeiten eines Revierführers.

Im Losverfahren werden die Hochsitze, die Namen, wie zum Beispiel „Hahnfeld“, „Liebesschaukel“ und „Doppelkanzel“ tragen, verteilt. Dann kommt Bewegung in die Gruppe. Jeder muss auf seinen Posten. Es ist fünf Uhr. Vier Stunden später sollen sich alle wieder an der Hütte einfinden.

Lara ist Jägerin aus Leidenschaft. (Quelle: Jannick Böhnke)

Ruckelnd setzt sich Laras Wagen in Bewegung. Der Sandweg hat tiefe Schlaglöcher, die bei der Finsternis kaum erkennbar sind. Das Auto ist voll beladen: Vier Jäger und Laras Hund Twix sitzen eng an eng. Einen nach dem anderen liefert sie die Männer an ihren Posten ab. Die 23-Jährige ist Jägerin, Falknerin, Hundeführerin und bildet Jagdhunde aus. Als Tochter einer Jägerfamilie war es für sie nur natürlich, schon von klein auf bei Jagden dabei zu sein. Mit 17 durfte sie dann selbst Hand anlegen: „Bei meinem ersten Mal auf Jagd hatte ich total zitternde Hände und danach habe ich die ganze Nacht von dem erlegten Rehbock geträumt. Aber danach ist mir das nie mehr passiert.“

Während sie mit der Jagd sehr offen umgeht und in den sozialen Netzwerken ihre Follower an ihrem abwechslungsreichen Alltag teilhaben lässt, ist das bei vielen Jägern nicht der Fall. Die Furcht vor Jagdgegnern ist groß. Sie werfen den JägerInnen vor, dass die Begründung „Jagen zum Schutz der Artenvielfalt“ nur vorgeschoben wäre und sie das Hobby nur ausüben, um kaltblutig morden zu können. Kritiker bemängeln, dass die Artenvielfalt durch die Bejagung eher ab- als zunimmt. „Man kann die Namen der Reviere und Jäger nicht öffentlich nennen. Wenn die falschen Leute an diese Infos gelangen, randalieren sie möglicherweise entweder bei einem privat zuhause oder sie zerstören Hochsitze im Revier.“ Lara starrt angestrengt auf die Straße und zieht die Stirn kraus. Der im Auto hinten sitzende Jäger Uwe berichtet: „Ich hatte es einmal, dass Jagdgegner unsere Autos am Straßenrand gesehen und mit Graffiti ´Mörder´ darauf gesprüht haben.“ Lara wirft ein: „Es ist immerhin Naturschutz, was wir hier betreiben, das verstehen einfach viele gar nicht.“

Sie fährt sich mit der Hand übers Haar: „Das ist so ein komplexes Thema. Wir haben keine Rebhühner mehr und kaum noch Fasane, weil Wildschweine, Dachse oder Füchse die Belege auffressen.“ Das Auto hält und Lara setzt Uwe am Feldweg ab.

Zwei junge Rehböcke liegen tot vor der Jagdhütte. Das eine schwarz, das andere braun. Die Hörner sind klein, die Augen weit aufgerissen. Revierführer Stefan ist verstimmt: Schwarze Rehe sind selten und standen nicht auf der Abschussliste. „Ich konnte durch die Morgendämmerung und dem Fellwechsel nicht erkennen, dass es ein schwarzer Rehbock ist“, entschuldigt sich der Schütze betrübt. Ein glatter Schuss an der Brust hatte das Tier sauber getroffen. Beim zweiten Bock musste, wie Uwe vermutet hatte, ein zweiter Schuss folgen.

Spätestens nach zwei Stunden muss das Wild ausgenommen werden, sonst ist es zur Verwertung als Lebensmittel nicht mehr tauglich. (Quelle: Jannick Böhnke)

Lara betrachtet die beiden, auf den Rasen liegenden Rehböcke und erklärt wie sie – obwohl sie sich als Tierliebhaberin bezeichnet – töten kann: „Man geht mit einer anderen Einstellung los. Ich finde die Rehe auch super niedlich. Aber wenn dann ein Rehbock kommt, dann stellst du dich im Kopf einfach um und willst Beute machen. Klingt vielleicht ein wenig animalisch, aber ich glaube, das ist einfach noch der Urinstinkt des Menschen.“

Eins nach dem anderen werden die Tiere von unten bis oben am Bauch aufgeschnitten und die Innereien herausgeholt. Bei der Aufteilung des Körpers greift das Jägerrecht: Es berechtigt den, der es aufbricht, Zunge, Herz, Leber, Lunge, Milz und Nieren zu behalten. Der Körper und die Trophäen, also Kopf und Geweih, gehören dem Revierführer.

Die JägerInnen stehen im Kreis am Feuerkorb und wärmen sich an den heißen Flammen. Der Grill ist angefacht und in der Hütte wartet ein reichhaltiges Frühstück. Doch zunächst wird dem Brauch genüge getan und der „letzte Bissen“ an die erlegten Rehböcke verteilt. Der Eichenzweig im Maul gilt als Aussöhnung und hat eine ethische wie ästhetische Funktion, die auf die Riten der Jäger in der Vorzeit zurückzuführen ist.

Bei Wildschweinbratwurst, russischem Jägermeister und allerlei anderer Köstlichkeiten lassen die JägerInnen die Tradition ausklingen. Für heute ist die Jagd beendet. Doch schon bald treffen sie sich wieder und legen sich wieder auf die Lauer. Dann erwacht auch in Lara und Uwe wieder der Jagdtrieb.

Die Natur liegt friedlich zwei Meter unter uns. Mit ruhigem Blick tastet Uwe mit dem Fernglas die Umgebung ab. Umgeben sind wir von einem Holzverschlag mit Fenstern auf allen vier Seiten. Es ist zugig. Uwe regt sich kaum. Er wartet geduldig. „Rehe sind richtige Langschläfer“, flüstert er und lacht leise. „Meistens kommen sie, wenn es schon hell ist aufs Feld.“

Jäger Uwe auf der Suche nach einem Rehbock. (Quelle: Ronja Rohlf

Gelassen lässt er seine Umgebung nicht aus den Augen. Die Minuten vergehen und die Erdenbewohner beginnen sich zu regen. Peng, peng. Plötzlich zerreißen zwei Schüsse die Luft. Einige Zeit später folgt aus einer anderen Richtung ein Dritter. Uwe horcht und erklärt: „Entweder wurden zwei oder drei Tiere getroffen. Vielleicht war der Zweite ein Nachschuss, weil der Erste nicht tödlich war.“

Ruhe senkt sich wieder auf die Erde herab, als wären die Schüsse nie gefallen. Da. Auf einmal springt ein Reh übers Feld, genau auf die Ansitzkanzel zu. Uwe nimmt das Fernglas hoch. Er schaut gespannt, aber übereilt nichts. Dann kommt seine Entwarnung: „Es ist eine Ricke, sie scheint schon etwas älter zu sein … Sie hat bestimmt hier irgendwo ihre Kitze versteckt.“

Während Uwe die Umgebung weiter im Blick hat, ist Lara ein paar Kilometer entfernt mit ihren Vierbeinern zurück in der Jagdhütte. Sie hat zugunsten anderer heute auf einen Hochsitz verzichtet. Trotzdem ist sie in Alarmbereitschaft: „Wenn jemand ein Tier schießt und es ist nicht sofort auffindbar, was häufig vorkommt, kann er oder sie mich anrufen und ich komme dann mit den Hunden, um beim Suchen zu helfen“, erzählt sie. Noch ist Lara eine von wenigen Frauen, die in einer Männerdomäne unterwegs ist. Vor 25 Jahren lag der Anteil an Frauen mit Jagdschein bei nur einem Prozent. Heutzutage sind es schon sieben und in den Jägerkursen liegt der Anteil laut dem Deutschen Jagdverein bei 24 Prozent. „Ich finde es überhaupt nicht schlimm, allein zwischen vielen Männern zu sein. Persönlich bin ich der Meinung, dass es eher anstrengender ist, unter vielen Frauen zu sein. Und man wird heutzutage auch voll respektiert.“

Die Sonne ist aufgegangen. In der Ferne bestellt der Bauer sein Feld und Hundegebell ist zu hören. „Oh, schau mal, da ist das Kitz!“ Uwe strahlt und deutet auf das Reh. Zwischen ihren langen Beinen steht der kleine, schwarze Nachwuchs. „Vielleicht bekomme ich heute nichts mehr zum Schießen vor die Linse, doch das ist mir egal. Es ist so ein Dusel, so einen Augenblick erleben zu können.“ Uwe reibt sich die Augen. Es ist 9 Uhr. Die Körperteile sind steif, die Müdigkeit vom frühen Aufstehen lässt die Augen auf Halbmast stehen und die kühle Luft kommt langsam durch die dicke Kleidung hindurch. Es ist Zeit aufzubrechen.

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