Jung und älter gemeinsam unter einem Dach

In der Regel bleibt man unter sich. Junge Menschen verbringen die meiste Zeit mit anderen jungen. Ältere Menschen mit anderen älteren. Dass das nicht so sein muss zeigen Mehrgenerationenhäuser.

Im Alltag könnten Jung und Alt unterschiedlicher nicht sein. Sie führen ein Leben, das in unmittelbarer Nähe und doch völlig unabhängig voneinander stattzufinden scheint. Daraus folgt, dass viele oft nur wenig darüber Bescheid wissen, was die andere Generation wirklich beschäftigt.

Die Ergebnisse einer Straßenumfrage in Braunschweig machen es deutlich: Ältere Personen gaben an, hauptsächlich Kontakt zu älteren Menschen zu haben, jüngere Kontakte seien ausschließlich Familienmitglieder. Das Gleiche ist bei der jüngeren Generation zu beobachten: Viele gaben an, ihre Großeltern seien der einzige Kontakt zu älteren Menschen.

Mehrgenerationenhäuser sollen dabei helfen, diese Generationentrennung zu durchbrechen und das gegenseitige Verständnis zu verbessern und wachsen zu lassen. Sie sind der Anlaufpunkt für Menschen aller Generationen und Nationen, ein Treffpunkt, um zu reden, sich zu begegnen und voneinander zu lernen. Gemeinsam singen, essen und einander einfach guttun. Verschiedene Seminare, Kurse sowie offene Treffs sollen dafür sorgen, dass sich niemand mehr alleine fühlt – und jeder sich mit einbringen kann. Dabei sind keine Schranken gesetzt, die Türen stehen offen.

 

Im normalen Alltag und außerhalb von Familie haben Jung und Alt wenig Gelegenheit, miteinander in Kontakt zu treten. Umso wichtiger sind Orte für Begegnung, sind gemeinsame Aktivitäten und Möglichkeiten für Engagement. So entstehen Vertrauen und mehr Verständnis füreinander. Zudem kann auch ganz praktische Hilfe und Unterstützung geleistet werden – bei der Entlastung junger Familien, bei den Hausaufgaben von Schülerinnen und Schülern oder auch bei der Vermittlung digitaler Kompetenzen der Älteren. Es geht um das Lernen voneinander, übereinander und miteinander. Auch um das Gebrauchtwerden.”

Prof. Dr. Claudia Kaiser, Soziale Gerontologie, Ostfalia Hochschule

Bundesprogramm Mehrgenerationenhäuser 

Im Bundesprogramm Mehrgenerationenhäuser „Miteinander – Füreinander“ geht es um die Förderung dieser Idee. Rund 530 Standorte, darunter auch das SOS-Mütterzentrum in Salzgitter-Bad, werden derzeit von dem Bundesministerium für Familie, Frauen und Jugend bundesweit unterstützt. Das Programm startete am 1. Januar 2021 und wird acht Jahre dauern.

Im Großen und Ganzen geht es um das vorrangige Ziel der Bundesregierung, gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Regionen Deutschlands zu schaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden mehr als 20 Programme ins Leben gerufen, die dabei helfen sollen, vor allem strukturschwache – aber auch strukturstärkere Regionen – im Bereich Wirtschaft, Infrastruktur, sozialer Zukunftssicherung, Digitalisierung sowie Forschungsinnovation zu fördern und dahingehend weiterzuentwickeln. 

Eines dieser Programme ist das Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus. Deutschlandweit sollen die Menschen gerechte Chancen bekommen, mitzuwirken und gute Weiterentwicklungsmöglichkeiten erhalten. Mehrgenerationenhäuser sollen nicht nur das Leben der Menschen in ihrem Umfeld bereichern, sondern auch Generationen und Nationen zusammenführen sowie den Zusammenhalt stärken. Nicht zuletzt sollen auch Fachkräfte im jeweiligen Standort gewonnen und erhalten werden.

Alle Mehrgenerationenhäuser auf bundesweiter Ebene im Überblick: Jedes Haus wählt dabei seine Aufgaben und Schwerpunkte selbst, denn jede Kommune ist verschieden und hat mit unterschiedlichen Herausforderungen umzugehen. Handlungsbereiche sind beispielsweise die Integration von Flüchtlingen, Familie und Pflege, Förderung von Demokratie, Nachhaltigkeit, digitale Bildung und viele weitere.

Einmaliges Modellprojekt Salzgitter Bad

„Hilfe zur Selbsthilfe“ – so lautet das Motto des SOS-Mütterzentrums-Mehrgenerationenhauses in Salzgitter-Bad. Die Einrichtung bietet seit mehr als 40 Jahren Beratung, Unterstützung und Betreuung für alle Menschen an, die diese benötigen. Teil der Einrichtung sind das Kinderhaus, die Altenpflege, die Familienhilfe, die Caféstube sowie der HERTA-Treff für die Unterstützung neu zugezogener BürgerInnen mit Integrationsangeboten.

Der Name „Mütterzentrum“ bezieht sich dabei nicht auf die Zielgruppe „Mütter“, sondern auf die Entwicklerinnen dieser Idee: Ein Haus, welches von Müttern für Mütter geschaffen wurde. Nach wie vor ist diese mütterliche Atmosphäre, die gegenseitige Hilfsbereitschaft und das Füreinander-Dasein ein angenehmer Grund für viele herzukommen.

Des Weiteren gehört das Mütterzentrum zum SOS-Kinderdorf. Nicht nur die Unterstützung von Familien liegt hier im Fokus, auch hat das SOS-Kinderdorf ein großes Interesse an der Idee von Mehrgenerationenhäusern. Ursula von der Leyen, ehemalige Bundesministerin für Familie, Frauen, Senioren und Jugend, erkannte die vielen erfüllten Voraussetzungen für ein solches Mehrgenerationenhaus-Konzept in Salzgitter-Bad. Sie leitete es in die Wege, Salzgitter neben 500 weiteren Standorten dahingehend zu fördern. Ziel war es, alle Generationen unter einem Dach zu vereinen, gegenseitiges Helfen und das Verständnis füreinander zu stärken – und das in einer völlig ungezwungenen, nahezu familiären Umgebung. Das Modellprojekt mit förderlicher Unterstützung der Initiative Skala sowie des niedersächsischen Sozialministeriums startete am 1. Januar 2018. Drei Jahre später, am 31. Dezember 2020, wurde es erfolgreich abgeschlossen. 

Im SOS-Mütterzentrum Salzgitter-Mehrgenerationenhaus sind Alt und Jung täglich herzlich willkommen. Wer möchte, kann aktiv dabei sein, sich mit einbringen oder einfach die Zeit mit anderen Menschen genießen. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Sabine Genther, Leiterin des SOS-Mütterzentrums Salzgitter, setzt dieses Konzept gemeinsam mit ihrem Team seit mehreren Jahren aktiv um: „Das Mehrgenerationenhaus ist, wie wir immer so sagen, ein öffentliches Wohnzimmer im Stadtteil. Jeder kann hierherkommen und hier was mitmachen.“

Das Angebot richtet sich an alle, die den Kontakt zu Menschen suchen und die Gemeinschaft wertschätzen. So treffen hier die verschiedensten Menschen aufeinander, die sich nicht nur in ihrem Alter und ihrer Herkunft unterscheiden, sondern auch die unterschiedlichsten Charaktere aufweisen, einen ganz individuellen Humor mitbringen – und natürlich ihre ganz persönliche Geschichte.

Mehrgenerationenhaus während Corona – geht das?

Die Corona-Pandemie ist das Thema, das derzeit die Welt beherrscht. Und auch im Mehrgenerationenhaus Salzgitter-Bad hat es deutliche Spuren hinterlassen. Mehrmals musste das Haus in den Lockdown, das Angebotsspektrum wurde verringert oder sogar ganz gestrichen. Wo vorher noch die Gemeinschaft großgeschrieben wurde, herrschte in dieser Zeit eine vergleichsweise ruhige Atmosphäre. Kita, Hort und Altenbetreuung fanden nur noch getrennt voneinander statt – eine reine Sicherheitsmaßnahme. Gemeinsam unter einem Dach, und doch nicht in Gemeinschaft? 

Die MitarbeiterInnen setzen jedoch gerade in diesen Zeiten alles daran, für ihre MitbürgerInnen da zu sein. Auch während der Schließungszeiten gab es „Angebote auf körperlicher Distanz“, so Sabine Genther, Leiterin des Mehrgenerationenhauses. „Viele wurden in dieser Zeit besonders einsam. Wir sind zu den Menschen an ihre Fenster gefahren, um mit ihnen zu reden oder ihnen kleine Geschenke zu bringen. Das hat vielen in der harten Zeit gutgetan und geholfen.“ Von einer vorübergehenden Öffnung in der Sommerzeit 2021 kommt es nun zu erneuten Schutzmaßnahmen in der Winterzeit: Seit dem 1. Dezember 2021 war das Haus wieder stärker eingeschränkt, es galt die 2G-Plus-Regel, gemeinsame Mittagsessen konnten nicht mehr angeboten werden.

“In einer Welt, in der eine Gemeinschaft von Jung und Alt nicht selbstverständlich ist, wo Klüfte zwischen verschiedenen Generationen und Nationen herrschen und eine globale Pandemie droht, diese noch weiter zu verstärken, ist es unfassbar wichtig, dass es so einen Ort gibt, an dem ein Miteinander möglich wird – und da leistet das Mehrgenerationenhaus Salzgitter-Bad einfach hervorragende Arbeit.“ 

Laura Battige

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