Kampf der Giganten – Wie die Pflanzendrinks der Kuhmilch Konkurrenz machen

Der Boxring ist startklar, die Kontrahenten stehen bereit. In der einen Ecke Kuhmilch, ein seit  Jahrzehnten unangefochtener Gigant, der von unserem Planeten nicht wegzudenken ist. In der anderen Ecke sein Gegner, Pflanzendrinks. Ein Newcomer, der dem alten Hasen Konkurrenz machen möchte..

Es gibt wohl kaum ein Themengebiet, das emotionaler diskutiert wird als das der alternativen Nahrungsmittel. Auch Pflanzendrinks sorgen hierbei seit einigen Jahren für deutliche Kontroversen. Von dem einen infrage gestellt, von dem anderen in den Himmel gelobt. Für Starköchin Sarah Wiener steht fest: „Die Sojamilch, die heute in jedem Supermarkt steht, ist ein hochverarbeitetes Industrieprodukt – und in etwa so künstlich wie eine Cola“. Dies schrieb sie vor sechs Jahren in einem Beitrag für das Wirtschaftsmagazin enorm. Doch wie steht es heute um die Lage der Milchersatzprodukte? Können wir der guten alten Kuhmilch bald Ade sagen? Schließlich sollen die Pflanzendrinks vielen WissenschaftlerInnen zufolge unsere neuen Weltretter sein. Oder steckt hinter dem Ganzen bloß eine Modeerscheinung, die uns in die Irre führen möchte? Eines steht fest: Pflanzendrinks sind die mit Abstand umsatzstärkste und somit die weit etablierteste Veggie-Alternative auf dem gesamten Alternativproduktmarkt. Laut des Marktforschungsinstituts Nielsen ist der Absatz allein im Jahr 2019 um ganze 25 Prozent gestiegen.

Check-up der aktuellen Lage

Eine zunehmende Bedeutung kann den Pflanzendrinks nicht abgesprochen werden. Dem Nachhaltigkeitsbericht des Unternehmens Alpro ist zu entnehmen, dass jeder zweite amerikanische und europäische Verbrauchende die Alternativprodukte allein oder zusätzlich zur Kuhmilch konsumiert. In der Region Asien-Pazifik sowie in Lateinamerika sind es sogar mehr als zwei Drittel der KonsumentInnen. „Der Trend hin zu pflanzlichen Milchalternativen ist deutlich zu erkennen“, so Oliver Kaminski, Leiter des Groß- und Außenhandels im Gebiet Nord des Lebensmittelhändlers Edeka. Mit 396 Millionen Euro nehmen die Milchersatzprodukte in Deutschland den größten Marktanteil im pflanzenbasierten Sektor ein. Ob ethische Gründe, die Verbesserung der Gesundheit, die Reduzierung der Umweltbelastung oder eine abwechslungsreiche Ernährung – die Motive für den Verbrauch der Pflanzendrinks sind vielseitig, wobei, einer Umfrage der TÜV Süd AG aus 2020 zufolge, vorrangig jüngere Leute auf den Trend eingehen. Dennoch zeigt die aktuelle Versorgungsbilanz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, dass die Bundesrepublik mit 33 Millionen Tonnen zu den führenden Produktionsländern von Kuhmilch weltweit gehört. Die Produktion steigt, die Nachfrage sinkt. Folgen dieser Überproduktion sind der Preisverfall auf dem Weltmarkt und eine zunehmende Anzahl an LandwirtInnen, die ihr Geschäft aufgeben müssen. Ein Großteil der Milchproduktion erfolgt bereits ausschließlich über industriell landwirtschaftliche Großunternehmen.

Gut für die Gesundheit?

Kuhmilch ist schon längst kein Bioprodukt mehr. Die Antibiotika und Pestizide, die den Tieren verabreicht werden, können sich nicht hinter den beeindruckenden Eiweiß- oder Kalziumanteilen verstecken. Kuhmilch als Nährstoffbombe? Vielleicht wenn die Kühe gemäß einer artgerechten Haltung weiden können, denn nur dann beinhaltet die Milch wertvolle Omega-3-Fettsäuren, die bestenfalls vor Herzrhythmusstörungen schützen. Industriemilch hingegen enthält hauptsächlich gesättigte Fettsäuren sowie entzündungsfördernde Stoffe, die laut Untersuchungsergebnissen der Nurse’s Health Study Krebs, ein erhöhtes Knochenbruchrisiko oder Osteoporose verursachen. Der hohe Proteinanteil der Milch wird größtenteils durch das Protein Kasein bestimmt. Diesem wird nachgesagt, dass es sowohl Verdauungsbeschwerden als auch Haut- und Atemwegserkrankungen hervorruft. Hinzu kommt, dass rund 75 Prozent der Weltbevölkerung laktoseintolerant sind. Hiervon leben, nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung, allein 15 Prozent in Deutschland. Doch auch die Pflanzendrinks sind nicht ganz unschuldig. Zum Vergleich: mit drei Gramm Protein pro Milliliter ist der Sojadrink die einzige Alternative, die der Kuhmilch Konkurrenz machen kann. Auch in puncto Nährstoffe müssen die Ersatzprodukte den Kürzeren ziehen, da bei dem Verarbeitungsprozess oft essenzielle Stoffe verloren gehen. Öko-Test untersuchte im Jahr 2019 verschiedene Milchalternativen auf ihre Inhaltsstoffe und konnte in den Testergebnissen einen beträchtlichen Nickelgehalt in Sojadrinks aufweisen. Auch der Reisdrink wurde durch einen erhöhten Anteil des Halbmetalls Arsen nur bedingt positiv bewertet. Laut der Albert Schweitzer Stiftung gibt es jedoch keine eindeutigen Forschungsergebnisse, die eine schädliche Wirkung bei einem portionsüblichen Konsum nachweisen können. Die Ersatzprodukte sind zudem kalorien- als auch fettärmer und das Wichtigste: Sie sind laktosefrei und somit verträglich. Befunden der Adventist Health Study zufolge enthalten Pflanzendrinks relevante Aminosäuren, Mineralstoffe und einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren, wodurch zum einen das LDL-Cholesterin und zum anderen das Risiko, unter Herzerkrankungen oder Osteoporose zu leiden, gesenkt werden kann. Auch die Stärkung des Immunsystems konnte durch einen regelmäßigen Konsum der Milchalternativen nachgewiesen werden. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt zwei Drittel der täglichen Proteine durch pflanzliche Produkte aufzunehmen. Der geringe Nährstoff- und Proteinanteil der pflanzlichen Drinks kann hierbei ganz einfach durch zahlreiche Nahrungsmittel wie Linsen, Quinoa oder Kidneybohnen ergänzt werden.

Der Umwelt zuliebe

Durchschnittlich 50 bis 100 Kühe stehen auf einem Hof. Box an Box eingeengt auf jeweils 4,5 Quadratmetern Fläche sehen sie häufig nie das Tageslicht. Hinzu kommt, dass Kühe jedes Jahr künstlich befruchtet werden. Sie sind fast ununterbrochen schwanger, damit sie durchgehend Milch erzeugen – für viele TierschützerInnen ein ethisches No-Go. Doch auch beim Thema Tierwohl weisen die Pflanzendrinks eine Schwachstelle auf. Um eine Milchalternative aus Mandeln produzieren zu können, muss eine Bestäubung der Mandelbäume sichergestellt werden. Hierfür werden Milliarden Bienen auf Plantagen verteilt. Durch die industrielle Haltung sind die Bienen oftmals für Viren und Parasiten anfällig, was wiederum das weltweite Bienensterben vorantreibt. Mandeldrinks sind obendrein nicht gerade die umweltfreundlichste Alternative. Pro Kilo werden bei der Produktion rund 10.000 Liter Wasser verbraucht. Die größten Anbaugebiete liegen in Kalifornien, wo bereits seit Jahren Wasserknappheit herrscht. Alpro bezieht für seine Herstellung Mandeln aus dem Mittelmeerraum, wo die Böden ausschließlich durch Regen bewässert werden und gilt somit als Vorreiter zur Lösung dieser Problematik. Der zweite Übeltäter in Sachen Umwelt ist für KritikerInnen der Sojadrink, denn ein Großteil der importierten Bohnen stammt aus Südamerika. Hier verdrängen riesige Anbauflächen den Regenwald. Was den meisten jedoch nicht bekannt ist: 85 Prozent der weltweiten Sojaernte werden als Tierfutter verwendet. Laut ProVeg beziehen zudem viele Hersteller ihre Rohstoffe vollständig aus Europa, was die Ökobilanz im Vergleich zur Kuhmilch besser dastehen lässt. Der Haferdrink punktet beim Thema Nachhaltigkeit in vollem Umfang. Durch den regionalen Anbau können lange Transportwege vermieden und die Bodenqualität verbessert werden. ForscherInnen stellten fest, dass eine rein pflanzliche Ernährung, die Menge an Menschen die bis zum Jahr 2050 existieren wird, ernähren könnte – und das ohne zusätzliche Entwaldungen zur Ausweitung landwirtschaftlicher Nutzflächen. Wirft man einen Blick auf die Milchproduktion, wird nach Daniela Krehl, Fachberaterin des Lebensmittel- und Ernährungsbereichs der Verbraucherzentrale Bayern, eines deutlich: „Die Kuhmilch schneidet bei der Ökobilanz am schlechtesten ab. Denn sowohl der Landverbrauch als auch der CO2-Ausstoß sind hoch“. Die Produktion eines Liters Kuhmilch habe die gleiche Klimawirkung wie die Verbrennung eines Liters Benzin, so Krehl. Hinzu kommt, dass tierische Lebensmittel einen größeren Wasserfußabdruck als pflanzliche Produkte aufweisen.

Milchalternativen sind schon lange kein Nischenprodukt mehr

Egal ob Hafer, Mandel, Soja oder Trendsetter wie Erbsen und Hanf – sie alle zeigen, dass die Vielfalt der Milchersatzprodukte nahezu endlos ist. Zahlreiche Hersteller wie Alpro oder Oatly haben sich bereits auf dem Markt etabliert, doch auch Discounter und Drogeriemärkte greifen vermehrt auf ihre Eigenmarken zurück, um die Alternativen anzubieten. Seit 2017 existiert ein von ProVeg und dem Medienunternehmen Plant Based News initiierter Weltpflanzenmilchtag, an dem jährlich auf die Vielfalt der Produkte aufmerksam gemacht wird. Milchalternativen sind schon lange kein Nischenprodukt mehr, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und obwohl sie so präsent sind wie nie zuvor, sorgt die Besteuerung der Pflanzendrinks für Kontroversen. Mit einem Steuersatz von 19 Prozent werden die Milchersatzprodukte in Deutschland im Sinne eines Genussmittels besteuert, während die Kuhmilch mit 7 Prozent zu den Grundnahrungsmitteln zählt. Dies macht sich vor allem in den Preisen bemerkbar, denn für einen Liter der Alternativprodukte müssen die KäuferInnen durchschnittlich zwei bis drei Euro zahlen.

And the winner is …

Trotz der hohen Preise greifen immer mehr Menschen auf die Milchersatzprodukte zurück. Durch die vielen Vorteile, die die Pflanzendrinks mit sich bringen, haben sie eine klare Daseinsberechtigung in der Gesellschaft erlangt. ProVeg verweist auf eine Marktforschungsstudie, nach der der Markt der Alternativprodukte bis 2026 auf 28,3 Milliarden Dollar wachsen werde. Die Pflanzendrinks holen in großem Tempo auf und ein Ende dieser Revolution ist nicht in Sicht. Das Manko an der ganzen Sache: Vielen VerbraucherInnen ist noch immer nicht bewusst, dass die gute alte Kuhmilch schon längst kein natürlicher Nährstoffheld mehr ist und sogar die Gesundheit gefährden kann. Falsche Aussagen, wie die der Starköchin Sarah Wiener, ungenügendes Wissen und zahlreiche Mythen rund um die Ersatzprodukte sind der Grund, warum ein Abschied der tierischen Milch in weiter Ferne liegt.

Sich geschlagen geben? Niemals. Die Pflanzendrinks sind gekommen, um zu bleiben. Mit allen Mitteln werden sie versuchen, Mängel und Vorurteile aus dem Weg zu räumen, um am Ende den Ring als Sieger zu verlassen.

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