Keine Versorgung unter dieser Nummer

Winterzeit ist Grippezeit: Gerade jetzt sind die ohnehin spärlich gesäten Hausarztpraxen auf dem Land überfüllt, in Salzgitter herrscht Aufnahmestopp für Neu-Patienten. Was kann man gegen den Ärztemangel auf dem Land tun?

Da kämpft man seit Tagen mit Schwindel und ruft bei sechs Arztpraxen an, doch überall wird man bei Terminanfragen vertröstet, hingehalten, ja offensiv als Neu-Patient abgelehnt. Ganz so, als ob Kranksein ansteckend wäre. In Salzgitter herrscht seit dem Herbst Aufnahmestopp an Neu-Patienten – mehr dazu im Podcast. Wer jetzt im Winter lediglich einen Schnupfen hat, zieht vielleicht nur kurz die Augenbraue hoch. Aber man kommt nicht umhin, den Hörer aufzulegen und dabei zu hoffen, das nächste Mal keinen echten Notfall melden zu müssen. Ärzte sind anscheinend Mangelware geworden.
Salzgitter in der Hochphase der Grippe, was ist da los? Eine erste Recherche ergibt: Um die ärztliche Versorgung der Bevölkerung auch in der Region 38 sicherzustellen, werden gemäß einer Regelung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen Fach- und Allgemeinärzte geografischen Zonen zugeteilt. Diese Regelungen zur Verteilung der Ärzte mögen in der Theorie funktionieren, die Realität jedoch sieht gänzlich anders aus. Eine medizinische Unterversorgung besonders in den ländlichen Gebieten scheinen Standard zu werden. Denn das Problem mit Standards ist doch, dass sie sich entwickeln. Bis zu einem Zustand, der über lange Zeit geduldet wird, bis es heißt: „Das war schon immer so”. Wo es um regionale Bedürfnisse und individuelle Gegebenheiten geht, passt kein statistischer Überwurf.
Doch genau darauf fußt die Bedarfsplanung in ihrer aktuellen Form. Sie vergisst die Menschen, um die es geht, indem sie diese auf dem Papier zu Zahlen und geografischen Clustern verdichtet. Überdeutlich zutage tritt das Dilemma, wenn der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen zu Protokoll gibt, dass die Menschen gern in die Stadt zum Arzt fahren würden. Tun sie das wirklich freiwillig? Auch die, die es am Nötigsten haben, nämlich die Älteren unter uns? Dies zeigt uns, wo wir inzwischen stehen: Nämlich in einer Gesellschaft, in der es keine generelle, flächendeckende ärztliche Versorgung mehr gibt. Der individuelle Zugang zu Gesundheit richtet sich nicht mehr allein nach Art (gesetzlich oder privat) und Vermögen (finanzkräftig oder nicht) der Krankenkasse, sondern im ganz umfangreichen Maß auch nach der Umgebung, in der man lebt.

Zu viele in der Stadt, zu wenig auf dem Land: Wer entscheidet, wo sich Ärzte niederlassen können, erfahrt ihr im Erklärvideo.

Die politischen Ambitionen helfen nicht viel weiter. Die Erkenntnis, dass die aktuelle Situation problematisch ist, reicht wohl kaum aus, um Veränderungen anzustoßen. Stattdessen wird die Problemlösung verschoben. Die Kassenärztlichen Vereinigungen setzen auf die Ärzte selbst. Flexible eigene Lösungen sollen gefunden werden. Hier ziehen sich die Zuständigen recht galant aus der Affäre. Tatsächlich kommt aber eine Idee auf, die ein Schritt in die richtige Richtung sein könnte: die gleitende Praxisübernahme. Ein System, bei dem ein junger Arzt einen erfahreneren Kollegen mit eigener Praxis über die ersten Jahre hinweg aktiv begleitet. So können Patienten und Ärzte langsam in eine Vertrauensbildung hineinwachsen und Patienten ihren Behandler wählen, bis die Praxis-Übernahme gänzlich vollzogen ist. Doch erkennt man auch hier ganz besonders in ländlichen Gegenden schnell: Dadurch ist das grundlegende Problem nicht gelöst. Denn um eine Praxis zu übernehmen, muss erstmal ein junger Arzt her, der diese übernehmen möchte. Das Problem wird also nicht gelöst, es wird auf die nächste Generation verschoben und zugespitzt.

In Bayern versucht man sich an einem anderen Weg: Den jungen Leute müsste nur die richtige Motivation geboten werden, lautet die Logik im Süden! Also wurden finanzielle Anreize geschaffen. Doch Finanzen spielen eben gar nicht die größte Rolle. Es ist der Vollzeitjob, der weit über übliche Arbeitszeiten hinaus geht, der abschreckt. Die Befürchtung, dass Familie und die eigene Freizeit zu kurz kommen könnten. Wer den hippokratischen Eid leistet, verpflichtet sich zu helfen. Der Beruf in Weiß muss attraktiver gestaltet werden – doch ein finanzieller Vorteil scheint nicht das Mittel zum Zweck. Die jungen, angehenden Ärzte, die vielleicht schon als Kind keine positive „Work-Life-Balance“ im Elternhaus erfahren haben, lassen sich nicht mit finanziellen Vorteilen ködern. Das unterscheidet sie nicht von anderen Berufsanfängern in gleichwertigen Berufsgruppen.

Es muss also geschafft werden, dass ein Arzt auf dem Land Familie, Freizeit und seinen Job unter einen Hut bekommt. Das gilt zwar in jedem Berufsfeld als Herausforderung, jedoch ist es gerade bei einer Berufung, wie der eines Landarztes, besonders schwierig. Denn er fungiert in ausgedünnten Landstrichen nicht nur als Mediziner seiner Patienten, sondern zu großen Teilen auch als Gesprächspartner und Seelsorger in einer überalterten Gesellschaft. Diese zeitintensiven Zusatzfunktionen müssten anerkannt werden und in der Zuteilungsstatistik für die Patientenversorgung berücksichtigt werden. Wenn die Politik es schafft, sowohl strukturelle Änderungen anzugehen und Anreize zu schaffen, dann sollte ein Wetteifern von Ärzten nach Praxisvakanzen auf dem Land hoffentlich bald keine utopische Vorstellung mehr sein, sondern rettende Realität für unsere alternde Gesellschaft.

Bietet die Praxis auf dem Dorf nicht genügend Anreize für junge Mediziner? Welche Wege im Kampf gegen den Ärztemangel sind vielversprechend? Ein Podcast.

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