Kleines Café, großer Traum – Ein Weg durch die Corona-Krise

Die Corona-Pandemie hat viele kleine Unternehmen hart getroffen, darunter auch das kleine Café mitten in Braunschweig. Doch Besitzerin Kerstin geht optimistisch durch die Krise. Campus38 verriet sie, woher ihre positive Lebenseinstellung kommt.

Die Straßen sind leer, draußen ist es kalt und nass, genauso wie an jenem Tag im März 2020, an dem es auch Kerstin Wegener dämmerte: Diese Krise ist real.
„Alles war so trostlos, wie in einer Geisterstadt“, erinnert sich Kerstin. Schon am Vortag hatte sie in ihrem Café ein Gespräch zwischen zwei Damen verfolgt: „Ich sag‘s dir, am Montag müssen auch hier alle Schulen zu machen“, sagte eine der Damen. Sie war Lehrerin. Kerstin konnte das vorerst nicht glauben. Doch schon am nächsten Tag ließ sich in ihrem Café nahezu kein Mensch mehr blicken. „Das ist ein Tag, an den ich mich immer erinnere.“
Kerstin Wegener ist 43 Jahre alt, Mutter von vier Kindern und stolze Inhaberin des Lokals „Das kleine Café Braunschweig“. Vor eineinhalb Jahren hat sie sich damit ihren Lebenstraum erfüllt.
Als die gelernte Hotelfachfrau hörte, dass eine Bekannte ihre Crêperie im Magniviertel aufgeben wollte, schlug sie sofort zu. „Das natürlich Lockdown eins und zwei kommen, hätte ich jetzt auch nicht so gedacht“, lacht Kerstin. Heute bietet sie in ihrem Café Bio- sowie regionalbezogene Produkte an. Dafür steht auch sie selbst jeden Tag in der Küche, um Kuchen zu backen oder eine Tagessuppe zu zaubern.
Der Plan steht, das Besteck ist poliert, die Kaffeemaschine läuft, der Kuchen duftet im Schaufenster. Und nun?
Von März bis Mai 2020, gerade einmal vier Monate nach der Eröffnung, blieb das Café aufgrund der Pandemie vollständig geschlossen. Ihre festangestellten MitarbeiterInnen musste Kerstin in Kurzarbeit schicken. So kurz nach ihrer Eröffnung schließen zu müssen, war nicht leicht für die Betreiberin: „Du machst das Licht aus, machst den Strom aus, gehst raus, das tut weh. Und wenn du herkommst, zwischendurch – alles ist so unlebendig, das Café schläft, das ist wirklich schwer.“
Unter Corona-Auflagen war es den Gästen im Sommer wieder möglich, sich in ihrem Café zu tummeln. „Manchmal war es hier brechend voll. Überall. Es war mehr los glaube ich, als wenn kein Corona gewesen wäre“, erinnert sich Kerstin. Doch diesen ausgelassenen Monaten folgte der zweite Lockdown.
Im November, da hatte sie gerade noch ihr Einjähriges gefeiert, musste ihr Café wieder schließen. „Das war tatsächlich der letzte Tag, an dem ich offen hatte“, sagt Kerstin. Die Erinnerung daran lässt die sonst so freudige, lustige Frau kurz verstummen.
Zu dieser Zeit war es ihr dann immerhin möglich, aus dem Fenster heraus zu verkaufen. Ebenso bot der Staat im November und Dezember Überbrückungshilfen für von der Corona-Krise betroffene Unternehmen an.
„Die Hilfen kamen nicht sofort, ich habe im Januar mein Geld bekommen, von der Novemberhilfe. Aber wenn man 75% vom Umsatz des Vorjahresmonats bekommt, ist das halt viel – also, wenn man gut und ehrlich gewirtschaftet hat“, bekundet Kerstin.

Laut Creditreform und ZEW halten Staatliche Hilfen 25.000 Unternehmen künstlich am Leben.

Das To-go-Konzept lief gut an, doch die stetig steigenden Infektionszahlen verunsicherten die Menschen. Vom Dezember bis in den Februar erstrahlte kein Licht im kleinen Café.
Trotz diverser Enttäuschung gab Kerstin das To-go-Konzept nicht auf. Ihre Familie zweifelte, ob es sich lohnen würde, da die finanziellen Hilfen des Staates sie doch auch gut unterstützten.
Ihre Beweggründe verteidigte sie vor ihrer Familie: „Ich mache das für mich, dass ich rauskomme, für die Menschen, die sich freuen, dass ich geöffnet habe und natürlich auch für meine Angestellten.“ Die Leidenschaft für ihren Traum spiegelt sich in ihren Augen.
Jetzt schallt Musik aus dem Café auf den Magnikirchplatz, nach dem kalten Grau zeigen sich die ersten Sonnenstrahlen. Viele Unternehmer mussten aufgrund der Corona-Krise zittern, einige Betriebe überlebten diese schwere Zeit nicht, doch Kerstin hatte nie Sorge, dass ihr Café die Pandemie nicht überstehen würde: „Das Café ist klein, die Kosten überschaubar.“
Den Grund für ihre positive Lebenseinstellung beschreibt sie so: „Egal was ich für Ärger hatte, immer wenn ich zur Arbeit kam, habe ich das ausgestellt. Umgeschaltet. Dieses Umschalten können nicht alle. Das ist vielleicht so ein bisschen meine Gabe.“
Über den Sommer hatte sich die Lage um das Corona-Virus wieder etwas entspannt – brachte das auch den lange ersehnte Normalbetrieb? Heute verkauft Kerstin wieder hauptsächlich aus dem Fenster. Durch die 2G+ Regelung hat ihr Café immer weniger Kundschaft, doch davon lässt sich die optimistische Gastronomin nicht unterkriegen. Sie setzt auf das bereits im letzten Jahr erprobte und mittlerweile sehr gut etabliertes To-go-Konzept.

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