Konkurrenz durchs Netz: Einzelhandel vs. Internethandel

Volle Einkaufsstraßen, Gedrängel und Menschenlärm. So sah das Bild in vielen Innenstädten in Deutschland noch vor etwa zehn Jahren aus. In Großstädten wie Hamburg oder München ist das Stadtbild in Nicht-Coronazeiten auch heute noch von den Menschenmassen geprägt. Kleinere Stadtzentren kämpfen hingegen zunehmend mit dem strukturellen Wandel.

Volle Einkaufsstraßen, Gedrängel und Menschenlärm. So sah das Bild in vielen Innenstädten in Deutschland noch vor etwa zehn Jahren aus. In Großstädten wie Hamburg oder München ist das Stadtbild in Nicht-Coronazeiten auch heute noch von den Menschenmassen geprägt. Kleinere Stadtzentren kämpfen hingegen zunehmend mit dem strukturellen Wandel.

Dass der Online-Handel weiter auf dem Vormarsch ist, bekommt vor allem der stationäre Einzelhandel zu spüren. Insbesondere der nicht filialisierte Fachhandel ist von der Digitalisierung betroffen. Dieser wird inhabergeführt betrieben und gehört keiner großen Kette an. Während die Einzelhandelsumsätze in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen sind, zeigt sich eine deutliche Verschiebung der Umsätze nach Vertriebsformen. Seit dem Jahr 2000 hat sich der Umsatzanteil des nicht filialisierten Fachhandels nahezu halbiert. Im selben Zeitraum sind die Umsätze vom filialisierten Fachhandel sowie von Discountern stark angestiegen. Somit haben speziell kleinere, inhabergeführte Einzelhändler mit dem strukturellen Wandel zu kämpfen und müssen versuchen, konkurrenzfähig zu bleiben, um ihre Existenz zu sichern.

 

Der Online-Handel wächst rasant

Die digitale Konkurrenz hat sich durch einen starken Umsatzanstieg in den letzten 20 Jahren zu einem ernsten Problem für den Einzelhandel entwickelt. Lag der Umsatz des E-Commerce im Jahr 1999 noch bei 1,1 Milliarden Euro, sind es Prognosen zufolge im Jahr 2019 57,8 Milliarden Euro. Auch die Nutzerzahl im Online-Handel steigt weiter an. Diese soll im Jahr 2019 bei 67,9 Millionen Nutzern liegen und sich bis zum Jahr 2023 auf 71,4 Millionen erhöhen. Die Gründe für den Erfolg des Online-Handels sind vielfältig. Die Hauptgründe der Kunden für das Online-Shopping sind die niedrigeren Preise, die größere Produktauswahl sowie die bequeme Lieferung direkt nach Hause. Auch die Möglichkeit, Angebote einfach miteinander zu vergleichen und die Verfügbarkeit von Kundenbewertungen werden positiv herausgestellt.

(Quelle: Statista, eigene Erstellung)

Die Folgen der Digitalisierung für den inhabergeführten Einzelhandel spiegeln sich neben dem sinkenden Umsatz auch in einer niedrigeren Besucherfrequenz wider. Ergebnisse einer Umfrage des Handelsverbandes Deutschland zeigen, dass 2019 42 Prozent der Einzelhändler von einer sinkenden Kundenfrequenz in den letzten zwei Jahren berichten. 21 Prozent geben sogar an, dass sie eine deutlich sinkende Kundenfrequenz bemerken. Zum Vergleich: nur elf Prozent schätzen die Kundenfrequenz höher ein. Lediglich ein Prozent gibt eine deutliche Steigerung der Besucherfrequenz an. Marktforschungen bestätigen die Einschätzungen der Einzelhändler. Die Besucherzahlen lagen in den Innenstädten im Jahr 2019 in zehn von zwölf Monaten unter dem Vorjahresniveau. Auch die Einzelhändler sehen den Online-Handel als Hauptursache für die rückläufige Frequenz. Zudem wird ein verändertes Kaufverhalten der Kunden angegeben. Die Auswirkungen der Digitalisierung machen sich darüber hinaus regional bemerkbar: Drei stationäre Einzelhändlerinnen aus Salzgitter-Bad schildern ihre persönlichen Erfahrungen und geben ihre Eindrücke zu der aktuellen Situation preis.

Doch nicht nur der Online-Handel macht dem Einzelhandel Probleme, sondern auch die Stadtzentren und Einkaufspassagen in deutschen Städten. Diese werden im Durchschnitt von Innenstadtbesuchern in 116 Städten mit der Schulnote „3+“ bewertet. Seit der ersten Umfrage des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH) hat sich somit seit 2014 wenig verändert. IFH-Geschäftsführer Boris Hedde sieht die Entwicklung kritisch: „Die Innenstädte kommen nicht voran. Eine „Drei Plus“ reicht auf Dauer nicht, um in den Zeiten des Strukturwandels konkurrenzfähig zu sein“. Die Städte scheinen für Besucher nicht mehr so attraktiv wie früher zu sein. So gibt jeder fünfte Innenstadtbesucher an, dass er mittlerweile seltener in das Stadtzentrum komme. Bei den unter 25-Jährigen ist es bereits jeder Vierte.

Nur ausgewählte Branchen von Digitalisierung betroffen

Es sind allerdings nicht alle Segmente im Einzelhandel gleichermaßen betroffen. Insbesondere die Fashion-, Elektronik- und Medienbranche haben hohe Umsatzeinbußen einstecken müssen, da diese bei Online-Shopping besonders gefragt sind. Gerade im Textilgeschäft sind nicht nur kleinere stationäre Einzelhändler betroffen, sondern auch Branchengrößen, wie Adler, Gerry Weber oder Esprit. Einer der Hauptgründe ist auch hier der Online-Handel, der vielen stationären Händlern größere Teile der Umsätze wegnimmt. Doch gerade diese Branche spielt für die Stadtzentren eine große Rolle. Boris Hedde sieht gerade dort für die Städte eine neue Herausforderung: „Während der Einzelhandel in den vergangenen Jahren insgesamt wuchs, schrumpften ausgerechnet die Kategorien, die für die Innenstädte besonders relevant sind, wie der Textilhandel. Dem Handel sind hier Umsätze in Milliardenhöhe verloren gegangen“. Dieser Trend ist bundesweit zu betrachten. Die Vermietung von Ladenflächen an Textilgeschäfte ist deutlich gesunken, während beispielsweise die Gastronomie immer mehr Fläche dazugewinnt. Auch Drogerien und Lebensmittelhändler streben immer zentralere Lagen in deutschen Innenstädten an und beanspruchen Geschäftsfläche für sich.

Ganz anders sieht die Entwicklung der Textil- und Fashionbranche im Online-Handel aus. Diese wird laut Prognosen, nach dem Segment Elektronik und Medien, den größten Umsatzzuwachs generieren. Lag dieser 2017 noch bei 14,23 Milliarden Euro, so soll er sich 2023 auf über 22 Milliarden Euro belaufen. Auch die Verteilung der Vertriebskanäle in diesem Segment zeigt, dass im Jahr 2023 voraussichtlich 22 Prozent des Gesamtumsatzes online erwirtschaftet wird. 2017 waren es noch 16 Prozent. Die größten Online-Shops können dabei Milliardenumsätze vorweisen. Dabei sind bekannte Namen wie Zalando und H&M.

Die große Frage ist, wie der Einzelhandel und insbesondere inhabergeführte stationäre Einzelhändler, es schaffen können, sich gegen den strukturellen Wandel und die wachsende Online-Konkurrenz zu behaupten. Experten stellen dabei heraus, dass viele Einzelhändler die Chancen der Digitalisierung nicht oder zu wenig genutzt haben. Auch Dr. Georg Wittmann von ibi research an der Universität Regensburg stellt im Rahmen einer Studie über den Einfluss der Digitalisierung des deutschen Einzelhandels heraus, dass dieser sein klassisches Geschäftsmodell überdenken müsse. Laut der Studie von 2017 verkaufen über die Hälfte der Einzelhändler ihre Ware ausschließlich stationär. Allerdings wollen 37 Prozent bis 2022 ihre Produkte auch online vertreiben. Hier zeigt sich der Trend, dass die Online- und Offlinekanäle weiter zusammenwachsen. Trotzdem haben viele Einzelhändler ihre Geschäfte noch nicht weiter digitalisiert. So kann man nur bei jedem vierten Einzelhändler online Produkte kaufen oder reservieren. Auch digitale Systeme sind bei einem Fünftel der Händler nicht vorhanden. Forscher sehen somit nicht nur bei der Kundenschnittstelle Nachholbedarf, sondern auch im Bereich der Abwicklung, dem sogenannten Back-Office.

Stationärer Einzelhandel bleibt wichtigster Einkaufskanal

Trotz der steigenden Konkurrenz und der Problematik rund um das Thema Digitalisierung bleibt der stationäre Einzelhandel weiterhin der wichtigste Einkaufskanal. Das bestätigen nicht nur Einzelhändler, sondern auch reine Online-Händler schließen sich dieser Meinung an. Veränderungen wird es vor allem im Bereich der Verkaufsflächen geben. Hier geht der Trend dahin, kleinere Ladenflächen zu nutzen. Die Digitalisierung wird insbesondere von reinen Online-Händlern und Multikanalhändlern als Chance für die Zukunft angesehen. Ausschließlich die stationären Einzelhändler stehen der Digitalisierung eher skeptisch gegenüber. Zukünftig stellt sich somit die Herausforderung, den stationären Vertrieb und die digitalen Kanäle stärker zu vernetzen, um dem strukturellen Wandel entgegenzuwirken.

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