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Familie und Beziehungen - Kinder, Frauen, Gesellschaft Kinder? Nein, danke!

Als Frau keine Kinder wollen, das kommt vielen Menschen sonderbar vor. In unserer Gesellschaft ernten Frauen dafür verständnislose Blicke, hören Belehrungen oder werden für egoistisch und gefühlsarm gehalten.

Frauen ohne Kinderwunsch wird oft vorgeworfen, mit ihnen würde etwas nicht stimmen. (Illustration: Mara Hofmann)

„Ich möchte schlicht und einfach keine Kinder. Punkt,“ sagt Elena. Für sie ging es nie um CO2-Abdrücke, Geld oder Karriere, und auch nicht um Mutterinstinkte. Es gibt nicht diesen einen Grund, der zu ihrer Entscheidung führt. Die 30-jährige Grafikdesignerin lebt seit Jahren in einer festen Partnerschaft. Kinder haben für ihren Partner und sie nie eine Rolle gespielt. „Wir hatten einfach nie das Gefühl, ein Kind würde uns komplett machen. Eher im Gegenteil. Es würde unsere Beziehung völlig verändern und das waren wir nie bereit einzugehen.“ Elena hat zwei wunderbare Nichten und ein Patenkind, mit denen ihr Freund und sie gerne Zeit verbringen. Das Verhältnis zu ihnen ist sehr innig und liebevoll. Da stellt sich natürlich die Frage: Warum dann keine eigenen? Aber auch darauf hat Elena eine klare Antwort. „Ich bin nicht gegen Kinder, ich bin gegen eigene Kinder. Ich liebe Kinder, aber ich möchte sie nicht erziehen.“
Auch Ann-Kathrin hat jahrelang darauf gewartet, dass bei ihr die Mutterinstinkte einsetzen und sie in der Mutterrolle vollkommen aufgeht. „Heiraten, Haus bauen, Kinder kriegen. Das sei so Mainstream“, betont die 46-jährige Kriminalbeamtin. Doch der Wunsch kam nie. Auch nicht, als sie vor 22 Jahren ihren Lebenspartner kennenlernt oder als ihre Freundinnen und Kolleginnen schwanger werden. „Ich habe mir das ja auch nicht ausgesucht oder Kinder schon immer abgelehnt. Ich habe erwartet, dass das Gefühl, Mutter sein zu wollen, von selbst kommt, aber bei mir war das halt anders.“ Um in das gesellschaftliche Bild zu passen, hätte sie gerne Muttergefühle. Doch Ann-Kathrin hat schlicht und einfach nie den Drang verspürt, eigene Kinder zu bekommen. „Mich schreckt der Gedanke ab, Kinder in unsere Welt zu setzen. Man möchte Kindern eine positive Zukunft schenken und ich fühl‘ mich da einfach zu unsicher, was die positive Zukunft angeht.“
Sofia ist 22 Jahre alt und in den letzten Zügen ihrer Bachelorarbeit. Obwohl sie noch jung ist, hat sie sich bereits klar gegen Kinder entschieden. Der Grund dafür: der Klimawandel. An den Umweltkatastrophen der letzten Zeit sieht sie, dass unserer Welt am Abgrund steht und sie befürchtet, dass sich die Situation noch weiter verschlechtert. „Ich sehe einfach keine goldene Zukunft für meine Generation und erst recht nicht für die Generation unserer Kinder.“ „Warum sollte man noch Kinder in die Welt setzen, wenn die Zukunft so aussieht?“, fragt sich Sofia. Drei Frauen, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen entschieden haben, kinderlos zu leben. Umfragen der BAT-Stiftung für Zunkunftsfragen zeigen, welche Motive bei deutschen Frauen für die Entscheidung, kinderlos zu sein, maßgeblich sind: Das freie Leben ohne Gebundenheit genießen. Die Angst, sein Leben nicht weiter so selbstbestimmt leben zu können wie bisher. Einschränkungen des Lebensstandards hinnehmen zu müssen. Kinder sind zu teuer. Karriere steht an erster Stelle. Sich ganz nach oben zu arbeiten. Für einige Frauen ist dies das Ziel im Leben. Sie finden Erfüllung im beruflichen Erfolg und nicht darin, sich zu Hause um Kinder zu kümmern. Die unsichere Zukunft für die eigenen Kinder. Die Ungewissheit, wie die Welt in 20 oder 30 Jahren aussieht. Nicht genügend Platz für noch mehr Menschen auf der Welt. Statistisch gesehen soll es bis zum Jahr 2050 rund 216 Millionen Flüchtlinge geben, die aufgrund des Klimawandels nicht mehr in ihrem Heimatland leben können. Diese Ängste sind also nicht unbegründet in der heutigen Zeit. Drei Frauen mit unterschiedlichen Gründen, aber mit einer Gemeinsamkeit. Ein gehobener Bildungsgrad. Frauen mit einem höheren Bildungsstand entscheiden sich statistisch gesehen deutlich häufiger gegen eine Mutterschaft als Frauen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss. Dies war auch bereits in den älteren Geburtsjahrgängen der Fall. Auch wenn es in allen Bildungsstufen einen Anstieg der freiwilligen Kinderlosigkeit gab, ist deutlich: Je höher der Bildungsabschluss ist, desto höher ist die Kinderlosigkeit angestiegen. Zugleich steigen auch die Erwartungen an das Berufsleben. Hochqualifizierte Frauen investieren sehr viel in ihre Ausbildung und wollen das erworbene Potential auch nutzen. Wenn es also um die Wahl zwischen Karriere und Familie geht, entscheiden sich die Frauen häufiger gegen eigene Kinder und für den Beruf. Aufgrund der langen Ausbildungszeiten bekommen Akademikerinnen zudem später Kinder, wodurch sich die fruchtbare Lebensphase verkürzt. Aber auch die Suche nach einem geeigneten Lebenspartner führt oft zu der Entscheidung kinderlos zu bleiben. Hochqualifizierte Frauen tun sich häufig schwerer, einen Lebenspartner zu finden. Unabhängig vom Bildungsniveau oder vom Motiv für diese Entscheidung spüren alle Frauen den Erwartungsdruck der Gesellschaft, einen Kinderwunsch haben zu müssen. Sobald Elena erwähnt, dass ihr Partner und sie keine Kinder möchten, wird dies immer mit erstaunten Blicken und einem „Oh, warum das denn?“ erwidert. Jeder erwartet immer eine Erklärung von ihnen. In Elenas Fall gibt es keine. Sie möchten einfach keine Kinder. Sie ist fast schon froh, wenn ihre biologische Uhr abgelaufen sein wird und sie sich dann hoffentlich nicht andauernd mehr Kommentare anhören muss: „Und wann ist es bei dir soweit?“. Als wäre es von der Gesellschaft schon festgelegt worden, dass sie als Frau das Bedürfnis haben muss, ein Kind bekommen zu wollen. „Nur weil ich etwas kann, heißt es ja noch lange nicht, dass ich es auch muss.“ Muttersein wird nicht infrage gestellt, sondern es wird als eine gesetzte Tatsache gesehen. Totschweigen ist eine andere Reaktion. In Ann-Kathrins Familie spricht man sie erst gar nicht auf das Thema an, um einer unangenehmen Situation zu entkommen. Von außen spüre sie immer einen Erwartungsdruck und sie fände es schwierig, jemanden zu finden, der einen nicht verurteilt und mit dem man über das Thema sprechen kann. Ann-Kathrin hat das Gefühl, dass die Gesellschaft ungewollt Kinderlose als die Guten und die gewollt Kinderlosen als die Bösen darstellt. Denn es gibt viele Paare, die alles versuchen, um schwanger zu werden, und obwohl Ann-Kathrin es könnte, möchte sie es nicht. Für diese Entscheidung haben nun mal nicht alle Verständnis. Aber warum ist es für viele Menschen so unverständlich, dass es Frauen gibt, die keine Mutter werden möchten? Einige Menschen meinen, dass jede Frau natürlicherweise einen Mutterinstinkt haben sollte. Wenn sie dem nicht selbstlos nachkommt, gilt sie sofort als selbstsüchtig, gefühlskalt und in einer Weise nicht normal. Diese Vorurteile stammen von einer älteren Generation, die noch ein anderes, traditionelles Bild der Frau vor Augen hat. Eine Frau, die zu Hause den Haushalt schmeißt und ihre Zeit in Haus und Kind investiert. Kindererziehung wird nicht als Opfer gesehen, sondern als natürliches Ziel im Leben einer Frau. Obwohl sich heutzutage ein toleranteres Weltbild durchgesetzt hat, gibt es aber auch in jüngeren Generationen dieselben Ansichten und Urteile über Kinderlose. Es wird immer Menschen unabhängig von Alter und Herkunft geben, die eine Entscheidung nicht akzeptieren können, wenn sie nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht. Sofia, Elena und Ann-Kathrin stehen für eine Vielzahl von Frauen, die sich zwar bewusst gegen eigene Kinder entschieden haben, aber auch zeigen: Man braucht eben keinen Kinderwunsch, um ein empathischer und sozialer Mensch zu sein und ein erfülltes Leben zu führen.