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Studium und Arbeit - Bildungserfolg, Studium, Arbeiterkinder Als Erster an die Uni – Arbeiterkinder im Studium

Noch immer entscheiden sich weniger Arbeiterkinder für den Weg an eine Universität oder Hochschule als Kinder aus Akademikerfamilien. Sie trauen sich ein Studium oft nicht zu. Bestimmt unsere soziale Herkunft unseren Bildungserfolg?

Kinder aus Arbeiterfamilien werden im Studium durch ihre soziale Herkunft mit vielen Herausforderungen konfrontiert. (Quelle: pexels/energepic.com)

Heute nehmen ungefähr die Hälfte aller Menschen aus einem Geburtsjahr ein Studium auf. In Deutschland gibt es aktuell so viele Studierende wie nie zuvor und die Zahl steigt jedes Jahr kontinuierlich an. Laut dem Statistischen Bundesamt betrug die Anzahl der Studierenden im Wintersemester 2020/21 fast 2,95 Millionen, während sie im Jahr 2010 noch bei 2,2 Millionen lag. Doch nach wie vor befinden sich unter ihnen mehr Studierende aus einem akademischen Elternhaus als Arbeiterkinder. Nach einer Studie zur Hochschulbeteiligung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) beginnen nur 27 Prozent der Kinder aus Familien ohne Hochschulerfahrung in Deutschland ein Studium. Im Vergleich nehmen mit 79 Prozent fast drei Mal so viele Kinder aus Akademikerfamilien ein Studium auf.

Ein Grund:  Der soziale Aufstieg ist in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern schwerer. Kinder aus Arbeiterfamilien schaffen es seltener an die Universität, was auf eine starke soziale Selbstselektion im deutschen Bildungs- und Hochschulsystem zurückzuführen ist. Denn viele Arbeiterkinder ziehen ein Studium nicht in Betracht und entscheiden sich eher für eine Ausbildung, da sie glauben, das Studium nicht finanzieren zu können. Sie trauen sich das Studium nicht zu und haben weniger Selbstvertrauen als akademische Kinder, deren Eltern den akademischen Habitus kennen und ihre Kinder unterstützen könnten. Der Bildungsweg von Arbeiterkindern wird also stark durch die Familie und das soziale Umfeld beeinflusst.

Herausforderungen für Arbeiterkinder während des Studiums

Arbeiterkinder werden durch ihre soziale Herkunft im Studium mit mehr Herausforderungen konfrontiert. Es fällt ihnen zum Beispiel schwerer, sich fachlich im Studium zurechtzufinden.  „Die Wissensbasis fehlte“, sagt Manon Schwake, die als Mentorin bei der Initiative ArbeiterKind.de engagiert ist. Sie hat als Erste aus ihrer Familie das Abitur gemacht und sich für den akademischen Weg entschieden. Aktuell studiert sie im fünften Semester Psychologie an der Universität in Hildesheim. „Man ist an die Universität gekommen und wusste gar nicht was abgeht. Ich war mit diesen ganzen Formalia nicht vertraut“, erzählt Manon. Über ihre persönlichen Erfahrungen und Herausforderungen als Arbeiterkind zu studieren, spricht sie im Interview.

Darüber hinaus sind Arbeiterkinder gezwungen sich vor dem Studienbeginn die Frage zu stellen, wie sie ihr Studium finanzieren. Zwei Drittel aller Arbeiterkinder, deren Eltern kleine Angestellte, Facharbeiter oder Meister sind, müssen zusätzlich zum Studium arbeiten, um sich selbst finanzieren zu können. Im Jahr 2016 gingen 68 Prozent der Studierenden neben ihrem Studium einer Erwerbstätigkeit nach. Durch das parallele Arbeiten neben dem engen Stundenplan, entwickeln viele erhebliche Probleme im Studium. Manon Schwake hat bereits vor ihrem Studienbeginn gearbeitet, um später einen Puffer zu haben. Während des Studiums leitet sie an der Universität zehn Stunden im Monat ein Tutorium für Studierende im ersten Studienjahr.

Finanzielle Probleme sind zudem einer der Hauptgründe, warum Arbeiterkinder ihr Studium abbrechen. Unter allen Studierenden beenden etwa 30 Prozent der Nichtakademikerkinder ihr Studium vorzeitig – bei mehr als der Hälfte aufgrund finanzieller Probleme. Im Vergleich dazu brechen nur halb so viele Akademikerkinder das Studium ab, da sich etwa zwei Drittel dieser Studierenden auf die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern verlassen können.

Nichtakademische Kinder erreichen seltener die nächste Bildungsstufe

Die sozialen Herkunftsunterschiede an Hochschulen und Universitäten lassen sich bereits auf die Schulzeit zurückführen. Arbeiterkinder besuchen seltener das Gymnasium und erlangen dadurch seltener die Hochschulreife. Nur etwa halb so viele Nichtakademiker- wie Akademikerkinder, erreichen eine Hochschulzugangsberechtigung. Aber auch wenn sie das Abitur erwerben, entscheiden sich die studienberechtigten Arbeiterkinder seltener für ein Studium. Auch nach mehreren Semestern und beim Erreichen von Abschlüssen, zeigen sich noch immer soziale Herkunftsunterschiede. Aus Arbeiterfamilien erlangen von 100 Studierenden nur 15 einen Bachelorabschluss und acht davon einen Masterabschluss. Im Vergleich zu Akademikerfamilien erwerben 63 von 100 Studierenden den Bachelor- und 45 den Masterabschluss.Arbeiterkinder entscheiden sich seltener für ein weiterführendes Masterstudium, obwohl sich ihre Leistungen nicht von denen der Akademikerkinder unterscheiden. Das erneute Auswahlverfahren der Hochschulen und Universitäten für ein Masterstudium, ist ein Grund. BachelorabsolventInnen müssen sich erneut bewerben und präsentieren, was Arbeiterkindern aufgrund von weniger Selbstbewusstsein nicht leichtfällt. Deshalb erreicht von 100 Arbeiterkindern nur eines den Doktortitel, während zehnmal so viele Kinder aus akademischen Elternhäusern promovieren.

ArbeiterKind.de – Ein Netzwerk für Erststudierende in der Familie

Im Jahr 2008 wurde die Initiative ArbeiterKind.de ins Leben gerufen. Ziel des bundeweiten Netzwerks ist es, den Anteil der Arbeiterkinder an Hochschulen zu steigern und zugleich den Anteil der StudienaussteigerInnen zu verringern. Die Initiative ermöglicht den Austausch zwischen Studierenden aus nichtakademischen Familien über Fragen und Probleme, die im Zusammenhang mit dem Studium auftreten. Das Netzwerk setzt sich aus rund 6000 ehrenamtlichen MentorInnen in 80 lokalen Gruppen zusammen, die in der Regel ebenfalls Erststudierende in der Familie waren. Manon Schwake ist als Mentorin bei ArbeiterKind.de engagiert. Im Interview berichtet sie über das Netzwerk.

Ist die erste Hürde überwunden und das Studium abgeschlossen, bleibt es allerdings auch nach dem Studienabschluss für Arbeiterkinder schwieriger, einen sicheren Job zu finden. Die Bewerbungsprozesse sind komplex. Kindern aus nichtakademischen Familien fehlen nach dem Studium häufig Netzwerke und Vorbilder. Sie erhalten beim Einstieg in das Berufsleben weniger Unterstützung aus ihrem sozialen Umfeld. Auch für diese Lebensphase sind Initiativen wie ArbeiterKind.de gegründet worden und bieten Studierenden aus erster Genration Unterstützung an.