Machtfaktor Hochschulranking

Die beste Hochschule wolle man nicht küren, sagen die Verantwortlichen des CHE-Hochschulrankings. Doch was sonst? Von einer Rangliste, die eigentlich keine sein will.

„Das Ranking ist eine Orientierungshilfe für Studieninteressierte“, sagt Petra Giebisch. Sie ist die Projektleiterin des wohl bekanntesten deutschsprachigen Hochschulrankings des Centrums für Hochschulentwicklung. Transparenz für Studierende schaffen – das hat seit 1998 oberste Priorität. Ein herbeigeführter Nebeneffekt: Der Wettbewerb wird verschärft, unter den Hochschulen und in der Politik. Erstgenanntes gewollt im Sinne der Studienanfänger, letztes zumindest öffentlich verleugnet. Aus der Bildungsgelderverteilung der Länder möchte sich das Centrum heraushalten. Nichtsdestotrotz übt ein solches Ranking Druck auf Hochschulen aus.

Seit 2005 kooperiert das Centrum für Hochschulentwicklung in Sachen Ranking mit der ZEIT-Verlagsgruppe als Medienpartner. Die Verkaufszahlen des „Studienführers“ belaufen sich auf etwa 100.000 Exemplare. Dazu registrieren sich pro Jahr rund 130.000 Benutzer auf der Website, um die Statistiken einzusehen. An Aufmerksamkeit mangelt es dem Ranking nicht. Das Hochschul-Informations-System veröffentlichte 2013 einen Tabellenband über die Entscheidungsmotive deutscher Studienanfänger: Ein guter Ruf der Hochschule landete auf dem zweiten Platz. Immerhin 37 Prozent gaben an, dass ihnen ein gutes Ranking-Ergebnis sehr wichtig sei. Beide Prozentwerte wiesen innerhalb der untersuchten Wintersemester eine steigende Tendenz auf.

Mehr Außenwerbung als Evaluation

Was bewirkt das Ranking bei Universitäten und Fachhochschulen? Führt eine schlechte Einstufung wirklich zum Umdenken von Hochschulen? Die Antwort lautet Jein. Als tatsächlich relevantes Instrument zur internen Evaluation wird das Ranking selten genutzt. „Der Hochschulleitung liefert es wichtige Anhaltspunkte – sowohl bei den Schwächen als auch den Stärken“, sagt Christina Mühlenkamp von der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Aufgrund von Genauigkeit und fehlender Repräsentativität greifen allerdings alle von Campus38 befragten Hochschulen auf eigene Umfragen zurück. Intern ist die Bewertung nur ein Fingerzeig, viel wichtiger scheint die Außendarstellung.

Denn ein gutes Ergebnis ist wie ein Siegel von Stiftung Warentest, das dankend von den Marketingabteilungen angenommen wird: Ein Hinweis auf eine Spitzenbewertung macht sich in jedem Flyer und auf jeder Website gut. Wenn die Bewertung stimmt, wird gerne offensiv damit geworben. Wenn die Bewertung nicht ins Konzept passt, wird über die Unverhältnismäßigkeit geschimpft. Gute Bewertungen sind das Zünglein an der Waage für die Wahl, überhaupt erst das Auftauchen im Markt umso mehr. Auch wenn immer wieder Zweifel an der Verhältnismäßigkeit und Methodik des CHE-Hochschulrankings geäußert werden – darauf verzichten möchten die deutschen Bildungsstätten bis auf wenige Ausnahmen trotzdem nicht. Die Angst vom Radar der Studieninteressierten zu verschwinden sei schlicht zu groß, sagt eine Präsidiumsgeschäftsführerin. Denn die Rechnung ist einfach: Je weniger Studenten, desto weniger Geld. „Das darf eigentlich nicht sein. Wenn es einen Wettbewerb unter Hochschulen gibt, sollte er sich in Forschungs- und Lehrleistung widerspiegeln.“ Eine Blockade der Umfragen führt zwangsläufig zu einer unvollständigen Bewertung, da das CHE konsequent alle Angebote auflistet und wenigstens nach harten Standortfaktoren bewertet – auch kein schönes Bild.

„Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Ranking und Erstsemesterzahlen gibt, ist leider schwer zu sagen, da die Erstsemesterzahlen von vielen Faktoren abhängen“, sagt Verena Vierhaus von der Fachhochschule Aachen. Ein gutes Rankingergebnis wirke sich jedoch sicher auf das Image des Fachbereichs und das Interesse aus. Vierhaus spricht stellvertretend für die Mehrzahl der befragten Hochschulen. An der privaten Otto Beisheim School of Management, die in der vergangenen CHE-Bewertung genau wie die Aachener Fachhochschule im Fachbereich BWL Bestnoten erhielt, orientierten sich laut internen Umfragen etwa 86 Prozent der Studienanfänger an Hochschulrankings. Wenigstens 10 bis 15 Prozent der Studenten waren es bei der Technischen Hochschule Brandenburg, die durch das Ranking auf den ostdeutschen Standort aufmerksam wurden. Die Hochschule hatte sich nach guten Werten im Jahr 2011 für das Fach BWL im folgenden Durchlauf 2014 überwiegend blaue Punkte abgeholt.

Präsidentin Burghilde Wieneke-Toutaoui akzeptiert die Bewertung, schließlich habe die Hochschule mit der Teilnahme die Spielregeln des Rankings anerkannt. Tatsächlich habe insbesondere das CHE-Ranking die Ausgangssituation für junge Fachhochschulstandorte wie den in Brandenburg verbessert. Allerdings ärgerlich ist für jede Hochschule in der Schlussgruppe die Wartezeit auf eine neue Bewertung, die organisatorisch begründet ist: „Der Dreijahresrhythmus des CHE-Rankings führt dazu, dass die Momentaufnahme eines negativen Rankingergebnisses die Studieninteressierten über mehrere Jahre beeinflussen kann“, führt Wieneke-Toutaoui aus. Sicher kein Vorteil – im Kampf um die Studentengunst.

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