Mit einem Bein im Leben

Du wachst auf, geblendet vom grellen Licht. Du schaust an dir herunter, ein Bein fehlt. Unvorstellbar. Amputationen gehören bei Chirurgen zum Berufsalltag. Doch für die Betroffenen ist diese Situation alles andere als alltäglich.

Wie ist es, einen Arm oder ein Bein zu verlieren? Diese Frage haben sich sicherlich schon viele einmal gestellt. Vom einen auf den anderen Tag ändert sich jährlich das Leben von unzähligen Menschen in Deutschland. Der Grund dafür ist eine Amputation. Ein Register für Amputationen in Deutschland gibt es nicht, daher muss man sich auf Zahlen von Krankenkassen und Krankenhäusern verlassen. Allein im Jahr 2015 gab es in Deutschland 55.600 Amputationen der unteren Extremitäten. Amputationen der oberen Extremitäten, wie zum Beispiel Arme oder Hände, kommen deutlich seltener vor. Trotzdem wird die Zahl der Amputationen jährlich insgesamt auf mindestens 60.000 geschätzt. Die häufigste Ursache ist hierbei eine arterielle Verschluss-Erkrankung, die meist als eine Folge von Diabetes entsteht und eher ältere Menschen betrifft. Durch Engpässe oder Verschlüsse in den Blutgefäßen können die betroffenen Körperteile nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden. Unfälle, Infektionen und Tumore sind jedoch auch für eine Vielzahl der Amputationen verantwortlich.

Doch wie kann es dazu kommen, dass ein Arm oder ein Bein so stark beschädigt ist, dass es gänzlich vom Körper abgenommen werden muss, und wie sieht die genaue medizinische Diagnose aus?

„Amputation ist das Letzte, was man machen möchte“

Thomas Hockertz, Orthopädie- und Unfallchirurg aus Wolfenbüttel, hat diverse Jahre in der Gefäßchirurgie gearbeitet und ist nun Chefarzt der Unfallchirurgie. In den vergangenen 30 Jahren hat er einige Amputationen durchführen müssen. Unfälle werden als traumatische Amputationen bezeichnet. Wesentlich häufiger sind Amputation aufgrund von Gefäßschäden: „Stichwort Raucherbein“, so Hockertz. Nach der Erfahrung des Chirurgen ist das so genannte Raucherbein im Zusammenspiel mit Diabetes in Westeuropa die häufigste Ursache für eine Amputation. In erster Linie werde immer versucht, eine Amputation zu vermeiden. Durch das Rauchen verkalken die Gefäße und die Schadstoffe lagern sich an der Gefäßwand ab. Dies führt dazu, dass die Arterien nicht mehr ausreichend durchblutet werden können. Wenn der Infekt oder die Durchblutungsstörung jedoch so immens ist, dann ist nach Erfahrung von Hockertz das letzte geeignete Mittel das Entfernen des betroffenen Körperteils, um das Leben der Patienten zu retten.

Bei der Operation müssen die Weichteile und die Knochen zuerst durchtrennt werden. Anschließend ist es wichtig, die Weichteile zu einem Stumpf zu formen, der so gut sein muss, dass eine Prothesen-Lösung ermöglicht werden kann, beschreibt Hockertz. In der Gefäßchirurgie wird der Eingriff fast täglich durchgeführt. Die Patienten haben dort ihre „nicht operativen Behandlungsansätze“ schon abgearbeitet, welche aber nicht den gewünschten Erfolg erbracht haben. Eine Amputation ist dann nicht mehr zu umgehen. In der Unfallchirurgie hingegen muss schnell gehandelt werden, denn „das Gewebe ist oftmals so zerstört und der Knochen ist in so viele Teile gesplittert und mitunter verdreckt. Die Leute kommen ja nicht aus dem Krankenhaus, die Leute kommen zum Beispiel direkt vom Acker oder von Baustellen“, berichtet Hockertz.

Dabei haben die Patienten selbstverständlich ein Entscheidungsrecht, ob eine Amputation stattfinden soll oder nicht. Wenn ein Patient nicht möchte, dass ein Körperteil von ihm amputiert wird, sind dem Arzt die Hände gebunden, obwohl dies eine lebensgefährliche Entscheidung sein könnte. Jede Amputation berge aber auch das Risiko eines Infekts, so Hockertz. Dies versuchen die Ärzte mit gründlichem Ausspülen zu verhindern, doch zu 100 Prozent könne man den Erfolg einer Amputation nicht garantieren. Die Folge: eine weitere Amputation der Extremität, bis die infizierte Stelle abgetrennt ist.

Die Mechaniker des Menschen. (Quelle: Linus Burkel)

Begleitet von Physiotherapeuten und Psychologen lernen die Betroffenen mit der neuen Lebenssituation umzugehen. Besonders in der ersten Zeit nach der Amputation müssen sich Patienten erst an die neue Situation gewöhnen, beispielsweise wenn sie nachts aufwachen. Denn das Gehirn braucht Zeit, um den Verlust des Körperteils zu verarbeiten. Sofern der Stumpf eine passende Form angenommen hat, können sich Patienten nach Abschluss der Wundheilung eine Prothese anfertigen lassen. Orthopädie-Techniker und Sanitätshäuser sind die Ansprechpartner. Wie die Bemessung und die Fertigung eines Stumpfs ablaufen, erklärt der Orthopädie-Techniker Daniel Rhinn.

Zurück im Leben

Bastian Pusch ist dieses Schicksal zuteilgeworden. 1996 wurde ihm im Alter von 19 Jahren nach einem Autounfall sein Bein amputiert. Hockertz amputierte ihn damals nach seinem Unfall. Bastian ist ein Beispiel dafür, dass das Leben mit einer Amputation nach der Rehabilitationsphase mit weniger Einschränkungen weitergehen kann, als man vermuten würde. Ein Leben ohne Einschränkung zu führen, ist demnach vorstellbar. Letztlich entscheidet jeder für sich, wie er oder sie mit einer Amputation umgehen will. Daher gibt es im Umgang mit der Behinderung unterschiedliche Erfolge, die zu einem guten Teil auch von der individuellen Konstitution der einzelnen Person abhängt. Bastian gewährt Campus38 Einblicke in seine Vergangenheit, Erfahrungen und seinen Alltag mit einem amputierten Bein.

Fünf Minuten amputiert – ein Selbstversuch

Daniel Rhinn stellte mir die Frage: „Wenn ein Scheich zu dir kommen würde und dich fragt, ob er für seinen amputierten Sohn dein Bein für eine Milliarde Euro kaufen könne, würdest du es machen?“ Ohne lange nachzudenken, verneinte ich die Frage. Anschließend bekam ich die Möglichkeit, selbst einmal eine Prothese zu tragen, um einschätzen zu können, wie es sich anfühlt, mit nur einem Bein zu laufen. Mir wurde die Prothese um das Bein geschnallt. Ein unwohles Gefühl! Die ersten Schritte wurden in einer Laufhilfe beschritten und meine Antwort auf die Frage, wie es denn so gehe, lautete noch lächelnd: „Es geht so!“, obwohl sich in mir längst ein undefinierbares Gefühl festgesetzt hatte. Mit der angebrachten Prothese bin ich auf ebenem und trockenem Untergrund gegangen. Unvorstellbar, wie das auf einem steinigen oder nassen Untergrund gewesen wäre. Es muss eine große Leistung sein, sich aus einer Amputation so heraus zu kämpfen, dass man fast problemlos wieder am Alltag teilnehmen kann.

In Deutschland werden Menschen mit einer Amputation in der Regel gut versorgt werden. In vielen Ländern Europas sieht das anders aus. Es wird von Forschern auch daran gearbeitet, immer fortschrittlichere Prothesen zu entwickeln, um den Amputierten das Leben so leicht wie möglich zu machen. Jeder Mensch mit einer Amputation hat großen Respekt verdient. Denn kein Geld der Welt kann ein von Geburt an vorhandenes Körperteil oder die Gesundheit jemals ersetzen.

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