Multiple Sklerose – eine Krankheit, viele Gesichter

Etliche Arztbesuche, Ratlosigkeit und Ungewissheit. Trotz des medizinisch weit erforschten Feldes stößt man bei der Diagnose einer Autoimmunkrankheit wie der Erkrankung Multiple Sklerose auf ratlose Betroffene. Auch viele junge Erwachsene leiden unter der Krankheit.

Etliche Arztbesuche, Ratlosigkeit und Ungewissheit. Trotz des medizinisch weit erforschten Feldes stößt man bei der Diagnose einer Autoimmunkrankheit wie bei der Erkrankung Multiple Sklerose auf ratlose Betroffene. Auch viele junge Erwachsene leiden unter der Krankheit.

Bei Multiple Sklerose, abgekürzt MS, kommt es zu einer autoimmunen Entzündung im Zentralnervensystem, speziell im Gehirn und Rückenmark. Hierbei richtet sich die Immunabwehr, die normalerweise körperfremde Strukturen erkennen und beseitigen soll, fälschlicherweise gegen körpereigene Strukturen. Im Fall der MS agiert sie zunächst gegen die Isolierung der Nervenzellen. Langfristig werden oft auch die Nervenzellen selbst geschädigt, erklärt Heinz Wiendl. Der Neurologe ist Experte auf dem Gebiet der entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems. Frauen haben eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit an MS zu erkranken als Männer. Insgesamt liegt die Zahl der Erkrankten bei mindestens 200.000 Menschen in Deutschland.  

„Um die geeignete Therapie zu finden, muss zunächst festgestellt werden, welche Verlaufsform der MS vorliegt und wie aktiv der Krankheitsverlauf ist“, so Wiendl.

Unterschiedliche Formen der Multiplen Sklerose. (Grafik: Linus Burkel)

„Man denkt an den schlimmsten Fall: Rollstuhl!“

„Das Bewusstsein, dass das Leben endlich ist.“, so schildert Frank Dittmann seine Gedanken mit der Diagnose MS. Der Filialleiter einer Bäckerei erinnert sich, dass die Aufklärung über MS schlichtweg zu ungenügend war und nach wie vor ist. Bei jedem Betroffenen ist der Verlauf unterschiedlich. Wann kommt und wie schwer ist der nächste Schub? Gehen die Symptome danach wieder weg oder bleiben Sie? Mit diesen Fragen beschäftigen sich sowohl Ärzte als auch die Erkrankten selbst.

Mit gerade mal 21 Jahren bekam Projektmanagerin Freya die schreckliche Nachricht. „Ich hatte mich ein Jahr zuvor von meinem Freund getrennt, was mir damals noch immer sehr weh getan hatte, wohnte schon vier Jahre allein, hatte meinen Arbeitsplatz gewechselt, weil ich nicht mehr im Außendienst, also ständig von zu Hause weg sein wollte. Ich würde sagen, ich war etwas ausgebrannt und wollte wieder zur Ruhe kommen, bei mir ankommen – dann kam die Diagnose.“

Sie beschreibt die Zeit danach als einen drei- bis viermonatigen Untersuchungsmarathon. „Ich war froh, als das Kind endlich einen Namen hatte!“ – Multiple Sklerose.

MRT Aufnahmen Freya Leddin (Quelle: Freya Leddin)

MRT Aufnahmen

Oben zu erkennen ist ein weißer, kreisförmiger Entzündungsherd (Läsion) unmittelbar am Stammhirn, ausgelöst durch die Multiple Sklerose. 

Unten ist derselbe Entzündungsherd zu sehen, zwei Jahre später, nach einer Cortisonbehandlung. Dieser ist merklich zurückgegangen. 
 

Sehstörung, Müdigkeit oder sogar Muskellähmung sind nur einige der tausend Gesichter der Krankheit. Frank erzählt, wie es für ihn war, nachdem er 2012 anfing, professionell Musik zu machen: „Nach der Diagnose kamen die Schwierigkeiten immer mehr spürbar auf mich zu. Stetig müde, nach einer halben Stunde lassen Konzentration und Körper nach. Von 27 auf 75 Jahre.“  Doch das bringt ihn nicht davon ab, weiter seiner Leidenschaft, der Musik, nachzugehen.

Freya berichtet von ähnlichen Symptomen.  Empfindungsstörung, in Form von Taubheit und Kribbeln in allen vier Gliedmaßen, Gangstörung nach zu hoher Belastung durch Sport und leichte Gleichgewichtsstörung. Sie kann die Temperatur in ihren Beinen nicht mehr so gut regulieren, wodurch sie auch im Sommer gerne geschlossene Schuhe trägt. Das Problem vieler Betroffener liegt vor allem auch in den äußerlich nicht ersichtlichen Symptomen. „Als ich angefangen habe zu joggen, bin ich oft danach die Treppe nicht richtig hochgekommen. Da sieht mich aber jemand und dann hatte ich im Beisein anderer oft das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, wenn ich sage: ‚Ich brauch `ne Pause‘, weil ‚Ich habe ja nichts‘“.

Die Ungewissheit

Bei einigen Betroffenen zeigen sich teilweise etliche Jahre keine Beschwerden. Andere wiederum müssen nach langjährigen Kämpfen schwere Behinderungen hinnehmen. „Bei manchen fängt es mit den Augen an, andere sind stets müde, wieder andere bekommen gleich die volle Bandbreite. Bei einigen kommt es regelmäßiger, bei manchen wiederum einmal und dann erst wieder in zehn Jahren, im besten Fall gar nicht!“, erklärt Frank, der weitere Betroffene kennt. MS könne im schlimmsten Fall alle Teile des zentralen Nervensystems betreffen. Zudem sei der Verlauf bei jedem Patienten unterschiedlich, bestätigt Weidl. „Dadurch entstehen sehr unterschiedliche Beschwerdebilder, die sich dann im Krankheitsverlauf auch noch verändern können.“, so der Neurologe weiter.

Nach 9 Jahren wacht man nicht mehr morgens auf und denkt sofort: ‚Mist, ich hab ja MS“

Freya ist ebenfalls an MS erkrankt. (Quelle: Freya Leddin)

Kampf oder Flucht – diese beiden Optionen gab es für Frank und Freya. Beide haben sich für den Kampf entschieden. Denn auch mit der Krankheit ist es möglich, ein „normales“ Leben zu führen. „Bei vielen Patienten ist die Erkrankung gut kontrollierbar, sodass Patienten ganz normal einem Beruf und Hobbies nachgehen können. Auch die Gründung einer Familie ist oft möglich. Die Lebenserwartung wird durch MS Studien zufolge nur minimal reduziert.“, macht Neurologe Wiedl Hoffnung.

Freya hat sich vorgenommen, überlegter an Dinge heranzugehen, aber auf der anderen Seite auch öfter etwas zu wagen und blickt optimistisch in die Zukunft: „Was kommt, kommt und dann finde ich die Lösung, wenn das Problem da ist. Ich freue mich auf die Zukunft und habe keine Angst und lass mich nicht verrückt machen.“

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