Neue Stadt, neue Freunde

Am Ende der Schulzeit trennen sich die Wege alter Freunde – ein ungeschriebenes Gesetz? David Krebs studiert zwar nur ein paar Autominuten von Zuhause in Salzgitter, beobachtet aber dasselbe Problem. Eine Kolumne.

Ein neues Studium bedeutet auch immer viel Neues. Das war mir von vornherein klar. Neue Aufgabe, neue Umgebungen, neue Leute und eine neue Stadt. Wie viel Bekanntes davon verdrängt werden würde, war mir jedoch nicht bewusst. Anfang dieses Wintersemesters bin ich zum Studieren nach Salzgitter gezogen. Das ist nur knapp 50 Kilometer von meinem Heimatort entfernt – nicht besonders weit: Mit der Bahn bin ich etwa eine dreiviertel Stunde unterwegs, mit dem Auto sogar noch weniger. Natürlich wohne ich nicht mehr im selben Dorf wie meine Freunde, aber diese Entfernung würde mich doch nicht davon abhalten, jedes Wochenende zurückzukommen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Richtig?

An der Entfernung ist es nun wirklich nicht gescheitert. Jedes Wochenende zurückgefahren bin ich trotzdem nicht. Oft bin ich beschäftigt mit einer Aufgabe für die Hochschule, habe Pläne in Salzgitter oder will einfach Zeit mit meinen neuen Kommilitonen verbringen. Also treffe ich mich mit meinen alten Freunden immer weniger. Einige nehmen das besser hin als andere: Mit einigen hab ich auch heute noch etwas zu tun, mit vielen aber auch nicht.

Macht mich das jetzt zu etwas Besonderem? Ganz sicher nicht. Jedes Jahr ziehen unzählige von jungen Erwachsenen bei ihren Eltern aus und teilen ähnliche Erfahrungen. Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man mit anderen Studierenden und Auszubildenden spricht. So sagt zum Beispiel Melvin: „Natürlich, kann man seine Schulfreunde bei so einer Entfernung seltener sehen.“ Er studiert in Kassel, das ist etwa anderthalb Stunden von dem Ort entfernt, in dem er zur Schule gegangen ist. Lea studiert in Hamburg und sagt: „Mit den meisten Freunden aus meiner Schulzeit habe ich jetzt schon keinen Kontakt mehr.” Selbst wenn man im selben Ort wohnen geblieben ist, scheint das Resultat nicht groß anders zu sein: Florian wohnt noch immer bei seinen Eltern, um dort in der Nähe eine Ausbildung zu machen. Trotzdem hat auch er nur noch mit den Wenigsten aus seiner Schulzeit Kontakt.

Und eigentlich ist das ja auch kein Wunder. Nach dem Ende der Schulzeit verlaufen sich die Wege einfach. Jeder zieht in eine andere Richtung. Fängt an zu studieren, geht ins Ausland oder macht doch ganz was anderes. Da ist es wohl normal, dass man zu vielen den Kontakt verliert. Warum schreibe ich dann überhaupt über dieses Thema? Wenn es so banal und alltäglich ist, warum dann überhaupt ansprechen? Na, genau deshalb. Weil ich eben keine Ausnahme bin. Genau, weil so viele dasselbe erleben und sich vielleicht ähnliche Gedanken machen. Es ist nicht einfach, alte Freunde zu verlieren, aber das gehört nunmal dazu. Wir Menschen haben offenbar nur gewisse Potenziale, Freundschaften zu pflegen.

Was man neben all dem Gejammer nicht vergessen darf, ist, dass man für jeden Schulkameraden, den man nie wieder sieht, jetzt einen Kommilitone dazugewinnt, mit dem man die nächsten drei Jahre zusammen verbringt. Es ist schon okay, der Vergangenheit nachzutrauern, ein wenig nostalgisch in Erinnerungen zu schwelgen, aber man sollte dabei nicht vergessen, auch nach vorne zu schauen. Wie klischeehaft das auch klingt: Der Start in eine neue Lebensphase birgt viele Veränderungen, davon sind nicht alle gut. Letztlich habe ich aber nicht nur Freunde verloren, sondern auch welche dazu gewonnen.

Total
0
Shares
Ähnliche Beiträge
Mehr lesen

Machtfaktor Hochschulranking

Die beste Hochschule wolle man nicht küren, sagen die Verantwortlichen des CHE-Hochschulrankings. Doch was sonst? Von einer Rangliste, die eigentlich keine sein will.
VON Joshua Müller
Mehr lesen

Zwischen Wahn und Wahrheit

Wir glauben an das, was wir kennen und misstrauen dem, was wir nicht kennen und woran wir nicht glauben. Gibt es eine Wahrheit, die man zu verschweigen versucht? Campus38 berichtet von Misstrauen, Verschwörungen, dessen Theorien und Umgang damit.
VON Leon Friedrich
Mehr lesen

Obsession Film  

Wenn man einen Blick in Frederiks Zimmer wirft, scheint es, als wäre man in einem Museum für Film und Comicgeschichte. Dem ist aber nicht so. Der Raum gehört einem 23-Jährigen, der die Bezeichnung Nerd als ein wahres Kompliment sieht.
VON Leonie Winger