Numerus clausus: Was Studis wissen sollten

Der Numerus clausus macht Studienplatzbewerbern häufig einen Strich durch die Rechnung. Dürfen Hochschulen es sich im Vergabeverfahren so einfach machen? Campus38 wirft einen Blick auf Rechtslage und Chancen für Bewerber.

Das Abitur stolz in der Tasche, die Zukunft fest im Blick und der Wunschstudiengang beschlossene Sache. Doch dann: Autsch, wieder eine Absage! Der Semesterbeginn rückt immer näher, aber es flattern nur Absagen ins Haus. Was ist da los? Frustriert will man der Sache auf den Grund gehen. Ein Blick auf die Website der Universität oder Hochschule kann den entscheidenden Hinweis liefern: Man ist am Numerus clausus (NC) gescheitert.

Sind die Bewerbungsfristen erst abgelaufen, steht man direkt mit beiden Beinen im ersten Wartesemester. Lia ging das so, nach ihrem Abitur war sie erst einmal für ein Jahr im Ausland: „Ich habe aufgrund des NCs leider keinen Studienplatz bekommen und musste mich damit auseinandersetzen, was ich in der freien Zeit machen werde.“ Und auch Dieter wollte seinen Traum nicht aufgeben und begann eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik.

Wer seine Pläne von heute auf morgen ändern muss, fragt sich zurecht: Woher wollen die denn wissen, dass ich nicht gut managen kann? Sie sehen doch nur meine Noten, aber nicht meine Stärken! Ein Zustand, den viele junge Abiturienten nachempfinden können. Viele fordern daher eine Abschaffung des Numerus clausus. Unis und Hochschulen scheuen jedoch den hohen Verwaltungsaufwand, andere Auswahlkriterien zu berücksichtigen, die weiterreichende Qualifikationen von Bewerbern ebenfalls in den Fokus rücken. Das Armdrücken zwischen öffentlichem Interesse und Verwaltungsapparat ist eröffnet.

Problem“ und Segen: Jeder darf seinen Beruf frei wählen

Der auf Hochschulrecht spezialisierte Rechtsanwalt Reinhard Karasek erklärt gegenüber Campus38, warum der NC immer wieder zu Diskussionen in der Öffentlichkeit führt und auch das Verfassungsgericht dauerhaft beschäftigt: „Der Numerus clausus in der aktuellen Ausgestaltung als Hürde in Auswahlverfahren von Universitäten und Hochschulen verstößt insofern gegen das Grundgesetz, als dass er dem entgegensteht, was Artikel 12 Absatz 1, besagt: Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“

Der Numerus clausus ist eine Hürde, die festlegt, bis zu welchem Notendurchschnitt jemand für einen bestimmten Studiengang zugelassen wird oder nicht. Er ist also nicht für jeden Studiengang gleich und kann auch je nach Hochschule variieren. Eine harte Grenze: Denn wer den NC bereits um 0,1 verfehlt, fliegt aus dem Bewerbungsverfahren um einen Studienplatz und erhält eine Absage. Also eine Entscheidung zwischen Ja und Nein.

 

Besonders technische Universitäten wie in Clausthal-Zellerfeld verzeichnen viele Studienabbrecher. Greift das Auswahlkriterium Eignungstest besser als der Numerus clausus?

Neben Abiturienten gibt es seit einiger Zeit eine weitere Gruppe von Bewerbern, die ebenfalls Studienplätze für sich beansprucht: Menschen ohne Abitur. Hierfür gibt es drei wesentliche Gründe: „Immer mehr Menschen haben das Bedürfnis nach akademischer Bildung. Seit 2009 können laut des Beschlusses der Kultusministerkonferenz auch Bewerber ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife ein Studium aufnehmen, was zu erheblich erleichterten Zugangsbedingungen geführt hat. Diese Information gelangt mehr und mehr in die Öffentlichkeit bis auf die lokale Ebene, wodurch sehr viele Menschen auf diesen attraktiven Bildungsweg aufmerksam geworden sind“, erklärt Sigrun Nickel, Leiterin der Hochschulforschung am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. An dieser Stelle eröffnet sich somit eine Vielzahl von Berufsfeldern für einen weiteren Kreis an Bewerbern.

Aber damit ist der Topf noch nicht voll. Hinzu kommen auch noch die Studienplatzbewerbungen aus Ländern der Europäischen Union, die den Bewerbungen der deutschen Bewerber gleichgestellt sind. Eine Tatsache, die wenigen bekannt ist, wie Rechtsanwalt Jürgen Hägele informiert.

Festgehalten werden kann: Der Staat steht vor einer immensen Herausforderung. „In Deutschland gibt es den Grundsatz der maximalen Kapazitätsausschöpfung. Hierdurch verpflichtet sich der Staat, so viel wie möglich auszubilden. Wer einen bestimmten Beruf ergreifen möchte, hat einen Anspruch darauf, einen entsprechenden Ausbildungsplatz zu bekommen. Einen Anspruch auf einen bestimmten Ausbildungs- beziehungsweise Studienort gibt es jedoch nicht“, berichtet Reinhard Karasek. Wer die Möglichkeit hat, kann sich diesen Umstand zunutze machen und seine Chancen auf einen Studienplatz erhöhen, indem er sich bundesweit bewirbt. Karasek fügt hinzu: „Der Staat muss dafür sorgen, dass er gemäß den Berufswünschen von Schulabsolventen entsprechende Ausbildungs- und Studienplätze zur Verfügung stellt.“

Kann es zu fairen Lösungen kommen?


Betrachtet man die aktuelle Lage, scheinen praktikable Lösungen noch in weiter Ferne zu liegen. „Heutzutage wird der NC aufrechterhalten, weil er ein relativ einfaches und schnell zu handhabendes Auswahlkriterium darstellt, um Bewerberströme zu kanalisieren“, sagt Sigrun Nickel, „denn für die Hochschulen würde die Abschaffung enorme Arbeit bedeuten.“ Und auch Jürgen Hägele, auf Studienplatzklagen spezialisiert, berichtet: „Grundsätzlich ist die Fixierung auf die Abiturnote sehr stark und es wird zu wenig Wert auf andere Auswahlverfahren gelegt. Es gibt beispielsweise vereinzelt immer noch Hochschulen, die keine anderen Kriterien wie eine einschlägige Berufsausbildung oder Tests heranziehen.“ Auswahlverfahren und die Anwendung einzelner Auswahlkriterien müssten Hägeles Ansicht nach im Grunde per Gesetz geregelt werden und nicht von Unis und Hochschulen frei bestimmbar sein. An dieser Stelle sei die Verfassungskonformität infrage gestellt. Denn ohne gesetzliche Grundlage hätte ein Auswahlverfahren keine ausreichende Legitimierung für einen Eingriff in das Grundrecht der Berufsfreiheit aus Grundgesetz-Artikel 12.

Aufklären über neue Wege, wie Eignung und Qualifikation von Bewerbern in den Fokus gerückt werden können, kann Cort-Denis Hachmeister, Senior Expert am CHE mit Schwerpunkt Hochschulzugang. Die vom Hochschulrahmengesetz und den einzelnen Landesgesetzen bereitgestellten Möglichkeiten zur Vergabe von zulassungsbeschränkten Studienplätzen sind tatsächlich vielfältig: „Die Abiturnote, die besondere Gewichtung von Einzelfachnoten, das Ergebnis eines fachspezifischen Studierfähigkeitstests, das Ergebnis von Auswahlgesprächen und die Berücksichtigung der Art und Qualifikation der Berufserfahrung zum Beispiel in Form von Bonuspunkten.“ Auch das Anrechnen von Wartesemestern, wie im Fall von Dieter, lässt Bewerbern die Chance, auch im Nachhinein noch ihren Traum vom Studium zu verwirklichen. Eine weitere Möglichkeit sieht Sigrun Nickel in der Kombination des NC mit anderen Auswahlverfahren wie zum Beispiel der Anrechnung einer Berufsausbildung oder Berufserfahrung im Fachgebiet. Dies würde, so Nickel, für „eine höhere Durchlässigkeit im Auswahlsystem der Hochschulen sorgen und damit die Eignung von Studienplatzbewerbern deutlich mehr in den Fokus rücken.“

Wert des Abiturs darf nicht gemindert werden


Alles scheint nun erst einmal plausibel zu klingen. Doch Hachmeister spricht eine Tatsache an, die nicht außer Acht gelassen werden darf: „Wenn die Abiturnote am Ende zu wenig miteinbezogen werden würde, weil der NC beispielsweise als Zulassungsbeschränkung wegfällt, dann könnte man sich ein gutes Abitur am Ende auch sparen. Dann sind die Noten nichts mehr wert.“ Bei einer so drastischen Veränderung kann bei Schülern die Motivation für einen guten Abschluss auf der Strecke bleiben. Auch zu bedenken gelte, dass man eine Beschränkung der Plätze an den Hochschulen nicht wird abschaffen können, wie Hachmeister weiter ausführt. Die Betreuung der Studierenden an der Hochschule würde darunter leiden und in den Räumlichkeiten stünden nicht genügend Sitzplätze zur Verfügung, um alle Studierenden aufnehmen zu können.

Es bleibt ein Für und Wider um die Abschaffung des NC – in der Gesellschaft, unter Betroffenen und dem Gesetzgeber. Ob aus den vorhandenen Möglichkeiten faire Lösungen entstehen können, um Abiturienten, Menschen ohne Abitur und EU-Mitbewerbern gleichermaßen Chancen auf einen Studienplatz zu bieten, wird sich noch zeigen. Für Lia und Dieter ist das Gerangel um einen Studienplatz beendet. Beide studieren im ersten Semester an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter Tourismusmanagement beziehungsweise Transport- und Logistikmanagement. Nicht aufzugeben hat sich am Ende für beide gelohnt.

Wer nach dem Schulabschluss keinen Studienplatz bekommt, kann entweder warten oder einen alternativen Weg einschlagen. Lia und Dieter beschreiben im Interview ihren Weg zum Studium an der Ostfalia.

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