“Ohne Druck bewegt sich nichts”

Seit zweieinhalb Jahren gibt es die Frauenquote in Deutschland schon. Campus38 hat die Schwergewichte der Salzgitteraner Industrie befragt. Was hat sich hier seit der Einführung getan?

In der erfolgreichen Ärzte-Serie Grey’s Anatomy ist es Meredith Grey, die nicht nur leitende Oberärztin der Allgemeinchirurgie des Hospitals ist, sondern zudem noch im Vorstand des Klinikums sitzt und Mutter dreier Kinder ist. Oder aber Samantha Jones aus Sex and the City, die als PR-Beraterin ihre eigene Agentur führt. Erfolgreiche Frauen – gibt es sie nur in der Scheinwelt von Filmen und Serien? Seit 2016 gilt in Deutschland die Frauenquote. Diese besagt, dass es einen Anteil von 30 Prozent Frauen in den neu zu besetzenden Aufsichtsratspositionen in börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen geben muss. Die anderen Firmen stehen in der Pflicht, sich eigene Ziele zu setzen. Seit Einführung der Frauenquote hat sich einiges getan. Große Unternehmen wie die Lufthansa oder Adidas arbeiten an einer neuen Führungskultur.

Justizministerin Katarina Barley (SPD), in der vergangenen Legislaturperiode Familienministerin, fordert eine Frauenquote auf Vorstandsebene: „Wir haben gesehen, dass nur die feste Quote wirkt. In den Aufsichtsräten, wo wir eine solche Regelung durchgesetzt haben, haben die Frauen deutlich aufgeholt. In den Vorständen, wo es keine verbindlichen Vorgaben gibt, ist aber fast gar nichts passiert. Gerade mal sechs Prozent der Vorstände sind weiblich.“ Das geht so nicht weiter, sagt sie: „Ich habe kein Problem mit einer verpflichtenden Frauenquote auch für Unternehmensvorstände. Wie genau die dann ausgestaltet ist und mit welchen Sanktionsmechanismen versehen, müssen wir prüfen.”

Die Frauenquote ist auch unter Studierenden ein umstrittenes Thema. Zwei von ihnen erläutern in einem Radioduell ihre persönliche Meinung zur Regelung.

Maria Mämecke, stellvertretende Vorsitzende der Frauen-Union CDU Salzgitter, spricht sich ebenfalls für eine Frauenquote aus: „Chancen für Frauen aufgrund der Frauenquote gibt es auf jeden Fall. Frauen muss man allerdings erstmal die Chance geben. Dann werden sie sich auch beweisen.“ Geben Unternehmen unserer Region Frauen eine Chance? Campus38 hat Unternehmen der sogenannten Big Three aus der Industriebranche in Salzgitter genauer unter die Lupe genommen.

Salzgitter AG: Kein definiertes Ziel der Frauenquote
Bei der Salzgitter AG, Stahltechnologie- und Technologie-Konzern, liegt der Anteil der weiblichen Führungskräfte bei 13,6 Prozent, der allgemeine Frauenanteil liegt bei 12,6 Prozent (Stand Anfang 2017). Ein definiertes Ziel für die Frauenquote gebe es hier nicht: „Es sollen die Positionen mit den am besten geeigneten Kandidaten beziehungsweise Kandidatinnen besetzt werden. Auswahlkriterium für Stellenbesetzung ist die Leistung und somit Eignung unabhängig vom Geschlecht“, erklärt Linda Bittner, Senior-Referentin des Konzerns. Weiter informiert sie: „Um Frauen zu ermutigen und im Unternehmen sichtbarer zu machen, gibt es ein Mentoring-Programm für Frauen. Um Frauenzu unterstützen, Klarheit darüber zu gewinnen, ob sie eine Führungsposition anstreben, gibt es das Orientierungsprogramm ‚Karrierewege für Frauen‘.“ Auf die Frage, ob die Frauenquote in dem Unternehmen großgeschrieben wird, gibt es seitens Bittners keine Reaktion.

Volkswagen Salzgitter: Wo sind die Frauen?
Auch im Volkswagenwerk Salzgitter-Beddingen, das Motorenleitwerk der Volkswagen AG, werden speziell Programme für Frauen angeboten, um sie im Unternehmen sichtbarer zu machen. Hier steht allerdings ein viel tieferes Problem im Vordergrund. Stella Pechmann, Standortkommunikation VW Salzgitter, erläutert: „Der Frauenanteil hier im Werk beträgt weniger als 20 Prozent. Das empfinden wir als zu gering. Das Ziel ist, den Frauenanteil auf allen Ebenen zu steigern, nicht nur in den Führungspositionen.“ Bereits 2011 habe die Volkswagen AG im Rahmen einer freiwilligen Selbstverpflichtung Ziele zur nachhaltigen Steigerung der Frauenquote vorgelegt, wie es seitens des Konzerns heißt. Seitdem ist eine kontinuierliche Steigerung der Frauenquote zu erkennen. „Bei den neuen Auszubildenden im Werk Salzgitter liegt der Anteil der Frauen jedes Jahr bei rund 30 Prozent“, erläutert Pechmann. Auch bei den Hochschulabsolventinnen in den vom Konzern benötigten Fachrichtungen, werden 30 Prozent eingestellt und weiterentwickelt. „Bei der Einstellung berücksichtigen wir den Anteil der Absolventinnen in den jeweiligen Studiengängen. Entsprechend müssen rund 10 Prozent der eingestellten Absolventen der Studiengänge Maschinenbau oder Elektrotechnik Frauen sein, in den Wirtschaftswissenschaften rund 50 Prozent“, informiert der Konzern. „Gemittelt über alle für Volkswagen relevanten Studiengänge ergibt sich aus diesen Quoten das Ziel, bei der Einstellung von Hochschulabsolventen einen Frauenanteil von 30 Prozent zu erreichen.“ Ziel ist es, nach zehn Jahren Entwicklung im Unternehmen 30 Prozent Frauen ins Management zu berufen, nach weiteren fünf Jahren 30 Prozent ins obere Management.

Flaggen von Volkswagen (Quelle: Celine Wolff)

Am hiesigen Standort bieten Personalbereich und der Betriebsrat zahlreiche Programme für Frauen unterschiedlichsten Alters und Karrierestands an, um sie für die gewerblich technische Branche zu gewinnen. Ein neunmonatiges Kompass-Programm, welches an verschiedenen Standorten bei VW läuft, hilft Frauen, sich hinsichtlich einer Fach- und Führungskräftekarriere zu orientieren. Gabriele Trittel, Betriebsrätin im Volkswagenwerk Wolfsburg berichtet: „Es gibt im Volkswagen-Konzern immer noch zu wenig weibliche Führungskräfte. Und das liegt nicht etwa an der fehlenden Qualifikation der Kolleginnen, sondern an bestehenden Strukturen und verschlungenen Karrierewegen. Unsere Ziele als Betriebsrat sind klar: Wir wollen schlummernde Potenziale nicht ungenutzt lassen und mehr Frauen in Führungsverantwortung.“ Darüber hinaus bietet VW ein Mentoringprogramm an, bei dem ausgewählte Talente des Volkswagen-Konzerns mit exzellenten Leistungen, einer überdurchschnittlichen Leistungsverhaltensbewertung und konkreten Managementambitionen teilnehmen. Beim Thema der Frauenquote auf Vorstandsebene ist Pechmann hin und hergerissen: „Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Anreize geschaffen werden, die zu einem höheren Frauenanteil führen. Letztlich sollte aber immer die Person ausgewählt werden, die für die Position tatsächlich am besten geeignet ist.“


Alstom, einer der führenden Anbieter von Bahntechnik, hat sein größtes Werk in Salzgitter. Hier ist das Ziel eindeutig. „Alstom hat sich global das Ziel gesetzt, dass bis zum Jahr 2020 25 Prozent Frauen Ingenieursposten oder leitende Positionen innehaben. Dafür haben wir Schulungspläne und Entwicklungsprogramme aufgestellt“, berichtet Tanja Kampa, Pressesprecherin bei Alstom Deutschland, Schweiz und Österreich. Weiter berichtet sie: „Wir sind Unterzeichner der Charta der Vielfalt, eine Unternehmensinitiative zur Förderung von Vielfalt in Unternehmen und Institutionen.“ Ziel sei es, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das frei von Vorurteilen ist. Momentan liegt der Anteil aller beschäftigten Frauen bei Alstom Deutschland bei etwa 12 Prozent. Sind es im Mittelmanagement noch neun Prozent Frauen, liegt der Anteil der Mitarbeiterinnen im Top-Management bei rund 0,5 Prozent.

Alstom: Fahrplan Frauennetzwerk 

Alstom möchte die Bahnbranche auch für Frauen attraktiv machen: „Vielfalt kann eine zugstarke Antwort auf den allseits bekannten Fachkräftemangel sein. Vielfalt erhöht die Zufriedenheit, die Loyalität und damit die Leistungsfähigkeit von Führungskräften, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.“ Frauennetzwerke, um Frauen sichtbarer zu machen oder gar, um Frauen den Weg in Führungspositionen zu ermöglichen, gibt es in zahlreichen Unternehmen. Auch bei Alstom gibt es bereits Frauennetzwerke in vielen Ländern. In Deutschland werden momentan Pläne geschmiedet, um hier ebenfalls ein solches Netzwerk zu gründen. „Ziel des Frauennetzwerkes bei Alstom in Deutschland ist es, Frauen eine Kommunikationsplattform zu bieten. Sie können hier Vorbilder kennenlernen und sich fachlich, strategisch sowie zwischenmenschlich austauschen. Wir wollen ein besseres Arbeitsumfeld für Frauen im Unternehmen schaffen“, erklärt Kampa. Sie sieht persönlich einen Anfang in der Frauenquote auf Vorstandsebene: „Um alte Strukturen zu durchbrechen, braucht man wohl starke Anreize. Viele Unternehmen haben sich Selbstverpflichtungen zur Frauenförderung auferlegt. Ohne verbindlichen Druck bewegt sich nichts.“

Was steckt hinter einem sogenannten Frauennetzwerk? Martina Chudziak ist Vorstandsmitglied eines solchen Netzwerks und erklärt, was sich hinter Organisationen wie etwa „Frauen in die Aufsichtsräte“ verbirgt.

Hindernisse: Kultur und Historie?
„Es gibt unterschiedliche Gründe, warum es Frauen schwerer haben, Führungspositionen einzunehmen. Die meisten sind nach wie vor in Kultur und Historie begründet“, vermutet Kampa. Einen weiteren Bogen zieht Pechmann, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Hindernis, sowohl zur weiblichen als auch zur männlichen Karriere, sieht: „Arbeitszeiten von Führungskräften, Meistern oder Unterabteilungsleitern sind teilweise nicht sehr familienfreundlich. Gibt es dann keine Betreuungsmöglichkeit, muss die Karriere warten.“ Eine weitere Hürde stellt die Anzahl der Absolventinnen in den MINT-Fächern dar, wie etwa in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik. Zwar ist diese in den letzten Jahren gestiegen, jedoch gab es laut des Statistischen Bundesamts und des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit 2015 nur rund ein Viertel Absolventinnen in den Ingenieurswissenschaften. In Mathematik und den Naturwissenschaften lag der Prozentwert bei rund 39 Prozent Absolventinnen – Tendenz immerhin steigend.

In Niedersachsen liegt die Anzahl der Absolventinnen der Ingenieurswissenschaften unter dem bundesweiten Wert. Bei Mathematik und Naturwissenschaften liegen die weiblichen Abschlüsse allerdings darüber. Im Vergleich ist die Zahl der potenziellen Arbeitnehmerinnen und somit des weiblichen Führungspersonals in dieser Branche aufgrund der wenigen Hochschulabsolventinnen schließlich kleiner als in anderen Branchen, wie zum Beispiel der Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften. Die Frauenquote und die damit einhergehenden Programme für Frauen bieten jedoch Chancen, um die Ungleichgewichte in den kommenden Jahren zu entschärfen.

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