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Politik und Debatte - Obdachlosigkeit, Straße, Gesellschaft Obdachlosigkeit – ein Leben im Schatten der Gesellschaft

Trotz staatlicher Hilfen und engagierten kirchlichen Einrichtungen haben es Obdachlose schwer. Wie ist das Leben auf der Straße wirklich? Und was können wir als Außenstehende tun, um Obdachlose zu unterstützen?

Die Hand einer Obdachlosen. (Foto: Rebecca Heine)

Hannover. Vor der Sparkasse in der Fußgängerzone, mit einem Schlafsack zugedeckt, sitzen Steffi und Marco auf dem Boden. Das Paar lebt seit vier Jahren auf der Straße. Neben ihnen steht ihr „Haus“, wie sie es nennen. Ein Wagen mit all ihrem Hab und Gut. Steffi und Marco wirken glücklich, und dass, obwohl sie in den letzten Jahren viel durchgemacht haben. „Nach dem Tod meiner Tochter habe ich Zeit gebraucht, um zu trauern”, erzählt Steffi im Gespräch mit uns. So sei sie auf der Straße gelandet. Viele Obdachlose haben ähnlich schlimme Schicksalsschläge erlebt, die sie aus der Bahn geworfen haben.
Im Jahr 2018 waren in Deutschland geschätzt 41.000 Menschen obdachlos. Der Alltag der Obdachlosen ist von Drogen, Alkohol, Diebstahl, psychischen und physischen Leiden sowie Hunger gezeichnet. Doch zu den beständigen Problemen kommt bei schlechtem Wetter und vor allem im Winter noch einiges dazu. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe sind allein im Winter 2020/21 in Deutschland 23 Obdachlose durch die kalten Temperaturen gestorben.

Im Jahr 2018 waren in Deutschland geschätzt 41.000 Menschen obdachlos. Der Alltag der Obdachlosen ist von Drogen, Alkohol, Diebstahl, psychischen und physischen Leiden sowie Hunger gezeichnet. Doch zu den beständigen Problemen kommt bei schlechtem Wetter und vor allem im Winter noch einiges dazu. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe sind allein im Winter 2020/21 in Deutschland 23 Obdachlose durch die kalten Temperaturen gestorben. 
Ob Menschen obdachlos oder wohnungslos sind, ist zu unterscheiden, denn die beiden Begriffe werden häufig verwechselt oder gleichgesetzt. Ein Mensch, der in Notunterkünften lebt, bei Verwandten und Freunden unterkommen muss oder obdachlos ist, wird allgemein als wohnungslos bezeichnet. Während Wohnungslosigkeit der übergreifende Begriff ist, bezeichnet Obdachlosigkeit allein lediglich einen Teil der Wohnungslosigkeit. In einer wohnungslosen Situation befanden sich im Jahr 2018 circa 237.000 Menschen in Deutschland. Trotz der besonders beschwerenden Form von Armut und sozialer Ausgrenzung, mit der Wohnungslose leben müssen, wurden bislang noch keine bundesweiten Zahlen erhoben. Dies soll sich im nächsten Jahr ändern. Da besonders Obdachlose häufig ihren Aufenthaltsort wechseln, erweist sich ihre Zählung allerdings als schwierig. Obdachlose müssen an öffentlichen Plätzen wie Parks, Bahnhöfen, auf Baustellen oder in Parkhäusern unterkommen. „In Bahnhöfen werden sie im Regelfall rausgeschmissen“, erzählt Hans-Günter Sorge, ein Pastor aus Salzgitter, der sich schon lange mit Obdachlosigkeit beschäftigt. „Ich sah den da liegen und hab gedacht, da muss was passieren, sonst erfriert der” dachte sich Hannes Sorge, als er vor vielen Jahren im Winter vor einem Kircheneingang in Lüneburg auf einen Obdachlosen traf. Seitdem startet er regelmäßig Hilfsprojekte für bedürftige Menschen. 
Steffi und Marco gelten ebenfalls als obdachlos. Sobald es kalt wird, schlagen die beiden in der Fußgängerzone in Hannover ihr Zelt auf und übernachten darin. Obwohl das Zelten dort verboten ist, sind einige der dort ansässigen Geschäfte gnädig. Der Leiter des Apple Stores ließ die beiden vor seinem Shop auf dem Geschäftsgelände zelten und brachte ihnen sogar regelmäßig Frühstück. Solche Nettigkeiten sind Steffi und Marco leider nicht von allen Mitmenschen gewohnt.

„Die Lebensgeschichte eines jeden Obdachlosen ist individuell.“

Die Ursachen, weshalb ein Mensch obdachlos wird, sind so individuell wie der Mensch selbst. Dennoch lassen sich bei vielen Obdachlosen ähnliche Muster und Geschichten erkennen. Häufig verbinden sich mehrere Probleme miteinander, so dass die Betroffenen sich in scheinbar ausweglosen Situationen befinden. Manche werden schon im Kindesalter von ihren Eltern vernachlässigt oder wachsen neben dem Konsum von Alkohol und härteren Drogen auf. Andere verlieren ihren Job, kommen über eine Trennung nicht hinweg oder erleiden durch schlimme Erlebnisse ein Trauma.  Oftmals erscheint den Obdachlosen der Konsum von Alkohol und Drogen als der einzige Ausweg, um ihre Probleme zu verdrängen. Auch Steffi und Marcos Vergangenheit ist von Drogen geprägt. „Ich war koksabhängig, ich war schoreabhängig”, erzählt Steffi schmunzelnd. Doch das macht ihre Situation oftmals nur noch schlimmer. Ein Abdriften in Drogenabhängigkeiten oder das Auftreten psychischer Probleme können den Lebensalltag der Betroffenen zerstören. Die Miete kann nicht mehr bezahlt werden, sie kommen mit ihren Papieren nicht hinterher und kapseln sich von Freunden und Familie ab. 
Steffi und Marco haben sich immerhin noch als gegenseitige Unterstützung. Sie leben nun seit vier Jahren gemeinsam in Hannover auf der Straße. Während Steffi durch den Tod ihrer Tochter auf der Straße gelandet ist, fiel es Marco schwer, sich nach einem Gefängnisaufenthalt wieder zu sozialisieren. „Eine Beziehung, so wie wir sie haben, auf der Straße zu führen ist schwer, es bleibt vieles auf der Strecke”, meint Steffi. Auf Unternehmungen wie schick essen gehen, die für die meisten Pärchen zu einer guten Beziehung gehören, müssen die beiden verzichten. „Wenn es gut läuft, kriegen wir 20 Euro pro Nase zusammen, wenn es schlecht läuft auch mal weniger”, erzählt Steffi. Man muss nicht viel rechnen, um festzustellen, dass für besondere Unternehmungen dabei nichts übrigbleibt.

Trotz staatlicher Hilfen und engagierten kirchlichen Einrichtungen haben es Obdachlose schwer

Grundsätzlich ist jede Stadt dazu verpflichtet, ein Obdach zu stellen. Um den auf der Straße lebenden Menschen Unterstützung anzubieten, haben einige Städte außerdem Hilfsmodelle entwickelt. Diese werden vor allem im Winter und bei schlechtem Wetter genutzt. Notunterkünfte, Kältebusse oder auch Räumlichkeiten zum Essen und Aufwärmen werden angeboten, um die Bedürftigen vor den niedrigen Temperaturen zu schützen. Doch die Plätze sind oft begrenzt und können nicht allen Hilfesuchenden einen warmen Ort bieten. In Hannover gibt es ein Nachtcafé, in dem sich Obdachlose auch nachts aufhalten können. Leider ist dort der Konsum von Alkohol erlaubt, was es für Steffi und Marco unmöglich macht, sich dort aufzuhalten.  „Da darf gesoffen werden - geh ich nicht hin”, erzählt Steffi.
Auch in Salzgitter gibt es Anlaufstellen für Obdach- und Wohnungslose. In Salzgitter-Lebenstedt bietet die St. Joseph-Gemeinde eine Wärmestube an. Ein großer warmer Raum, ausgestattet mit einer langen Tafel. Hier können Bedürftige zum Frühstücken kommen, soziale Kontakte pflegen und sich aufwärmen. Allerdings musste die Wärmestube ihre Pforten wegen Corona schließen, weshalb sich die Gemeinde eine Alternative überlegt hat. Das Team konnte aufgrund der Beschränkungen kein Frühstück anbieten und entschied sich dazu, zweimal die Woche Essen auszugeben.

Die Leiterin des Teams, Elisabeth Kolb, hat vor 25 Jahren die Wärmestube mitgegründet. Sie ist seitdem ununterbrochen ehrenamtlich tätig und hilft beim Einkauf fürs Frühstück sowie dem Zusammenstellen von kostenlosen Essenstüten und verbringt gemeinsam Zeit mit den Bedürftigen. Jedes Jahr an Heiligabend organisiert sie mit ihrem Team ein Festmahl mit gemütlichem Beisammensitzen. Dadurch müssen die Obdachlosen an Weihnachten nicht allein sein und bekommen ein warmes, leckeres Essen. „Dabei werden sie meistens sehr emotional, wenn wir über ihre Familien sprechen. Da rollt dem ein oder anderen auch mal eine Träne über das Gesicht“, erinnert sich Elisabeth Kolb.
Die Wärmestube ist laut Elisabeth Kolb für viele mehr als nur Essen und heißer Kaffee. Die sozialen Kontakte, die menschliche Wärme und das Beisammensein seien den meisten viel wichtiger. Umso bedauerlicher sei es, dass sie dies gerade nur beschränkt anbieten könnten. Sie finanzieren sich lediglich über Spenden. Egal ob Konserven, Kaffee, Nudeln oder Geld – sie können alles Gebrauchen, um den Bedürftigen so viel wie möglich bieten zu können.

Auch Steffi und Marco haben Anlaufstellen, die sie unterstützen. „Berliner Allee 8, da kann man duschen und sich frisch machen - das hilft schon ungemein”, erzählt Marco von einer Beratungsstelle für Obdachlose in Hannover. Diese hilft den Obdachlosen auch bei der Beschaffung von Wohnraum, oder aber bei der Beantragung einer Postadresse. Die Postadresse sei laut Steffi wichtig um erreichbar zu sein, beispielsweise für Hartz-IV-Anträge. In den Einrichtungen bekommen die Obdachlosen eine Art Postfach, in welchem dann die ankommenden Briefe für sie gesammelt werden. Vor kurzer Zeit konnte sich Steffi glücklicherweise endlich auch eine Postadresse einrichten. Dadurch kann sie nun auch Arbeitslosengeld II beantragen, um besser über die Runden zu kommen. Allerdings hat der Antrag auf die postalische Erreichbarkeit bei Steffi durch Covid-19 und dessen Folgen ewig gedauert. Deshalb hoffen Steffi und Marco, wie auch alle anderen, auf ein baldiges Ende der Pandemie. Denn nicht nur Anträge dauern deswegen länger, auch viele Beratungs- und Anlaufstellen, wie zum Beispiel die Wärmestube oder die Beratungsstellen in Hannover sind in dieser Zeit geschlossen oder nur eingeschränkt verfügbar. 
Obdachlose schämen sich oft für ihre Situation und versuchen zu vermeiden, als obdachlos angesehen zu werden. „Die Scham ist groß und Armut versteckt sich“, meint Pastor Sorge. Genau deshalb freuen sich Betroffene, wenn man mit ihnen in ein normales Gespräch kommt, ohne dabei auf sie herabzuschauen. „Einfach das Gegenüber als Mensch erstmal anzunehmen”, empfiehlt Hans-Günter Sorge. Er selbst mache immer wieder gute Erfahrungen damit, auf Obdachlose offen zuzugehen. Manchmal gibt er ihnen Geld oder Kleidung, an anderen Tagen begleitet er sie zu Ämtern und setzt sich dort für sie ein. „Das ist das Schwierige und das Zeitintensive […], ich muss mich mit dem Menschen beschäftigen“, beschreibt Pastor Sorge den Umgang mit den Menschen der Straße. Vielen Obdachlosen hilft Geld allein in den meisten Fällen nicht weiter. Denn den meisten fällt es schwer, mit Geld umzugehen, weshalb sie es direkt wieder ausgeben. Der erste Schritt, um Betroffenen nachhaltiger zu helfen, kann laut Pastor Sorge eine einfache Unterhaltung sein.