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Politik und Debatte - Dorf, Tagebau, Abriss Runstedt – Ein tausendjähriges Dorf stirbt aus

In den 1960er-Jahren sind im Landkreis Helmstedt mehrere Dörfer dem Braunkohletagebau zum Opfer gefallen. Darunter auch das tausendjährige Dorf Runstedt. Lisbeth Minge (88), die Cousinen Elisabeth Budich (84) und Ingrid Miley (81) erzählen wie es war, ihre geliebte Heimat sterben zu sehen.

Luftaufnahme vom Dorf Runstedt im Jahr 1950. Oben links im Bild die Mühle als „Wahrzeichen“ (Foto: Privat)

14. Juni 1964. Es ist ein warmer Sommertag. In der Kirche ist Gottesdienst. Die Runstedter Gemeinde kommt wie immer sonntags zusammen, um zu singen und zu beten. Musik pfeift laut aus der hunderte von Jahren alten Orgel. Doch heute ist nichts wie immer. Die Orgel klingt anders als sonst. Es ist ein Klang der Trauer und des Abschieds. Denn dies wird der letzte Gottesdienst für Pastor Nebel und die Bewohner sein. Es war schon länger nichts mehr, wie es mal war. In der Schule nebenan ist es still geworden, keine Schüler weit und breit. Auch in der beliebten Stammkneipe „Dorfkrug“ kehrt niemand mehr ein. Es wird an diesem Sonntag nicht nur der letzte Besuch im Gotteshaus sein. Es wird das Ende der Kirchenmauern sein. Das Ende des Dorfes.
Denn nur ein paar Meter entfernt lauern riesige Kohlebagger und Abrissmaschinen, die sich bedrohend schnell dem Dorfrand nähern. Sie warten nur darauf, mit ihren gierigen Mäulern die verbliebenen Häuser, Höfe und letztendlich die heilige Kirche zu verschlucken.

Die braunen Diamanten
Im Juni 1950 feierten die Bewohner noch die 1000-Jahr-Feier des Dorfes. Elisabeth Budich ist gebürtige Runstedterin. Sie war damals 14 Jahre alt und besuchte die Feierlichkeit gemeinsam mit ihrer Cousine. Elisabeth erinnert sich an ein gelungenes Fest und erzählt von „fantastischen Themenwagen“, die wie beim Karneval von Treckern gezogen worden. „Das könnt´ so heutzutage kein Dorf mehr auf die Beine stellen!“, beteuert sie.

Knappe 20 Jahre später sind die Bewohner verschwunden, das Dorf vollkommen platt gemacht. Der Grund dafür: wertvolle Bodenschätze, die sich unter dem Dorf verbargen. Die sogenannten „braunen Diamanten“ -die Braunkohlen. Die Bewohner wussten damals von der Gefahr, dass Runstedt auf Kohle baute. Oft wurde im „Dorfkrug“ darüber getuschelt.
Braunkohle zählt neben Steinkohle, Erdöl, Gas und Wasser zu einer der wichtigsten Energieträger und wird zum größten Teil zur Elektrizitätsgewinnung genutzt. So sah sich der Landkreis Helmstedt gezwungen das Dorf abzureißen, um dort Kohle abzubauen. Der Landkreis war sich sicher:  die „volkswirtschaftliche notwendige Ausdehnung des Braunkohlen-Tagebaus“ müsse geschehen. Die damalige moderne Lebensart der Gesellschaft könne sonst nicht gewährleistet werden. Die umliegenden Dörfer Alversdorf, Alt-Büddenstedt, und Wulfersdorf aus dem Helmstedter Tagebau-Revier hatte es bereits erwischt. Der abgebaggerte Nachbarort Büddenstedt wurde ähnlich wieder aufgebaut- heute Neu-Büddenstedt. Die Runstedter hatten weniger Glück, denn entgegen allen Hoffnungen wurde das Dorf nicht wieder aufgebaut. Budich ahnte damals, dass es anders kommen würde. „Es war leider einfach nicht machbar. Runstedt hatte eine außergewöhnlich große Landwirtschaft. Es wäre unmöglich gewesen, diese Ländereien woanders wiederaufzubauen.“

„Aber wir hatten nichts Eigenes“

Im Zuge der Tagebau- Arbeiten wurden Minge, Budich, Miley und circa 900 weitere Einwohner in den Jahren 1958 bis 1968 von der Wohnungsbaugesellschaft niedersächsischer Braunkohlenwerke m.b.H. umgesiedelt. Die Wohnungsbaugesellschaft sorgte für neue Eigenheime und stellte diese vorrangig in Helmstedt, Schöningen und Esbeck bereit. So zogen die ehemaligen Runstedter in nahliegende Dörfer und Städte des Landkreises. Diejenigen, die ein Haus oder Hof in Runstedt als Eigentum besaßen, wurden von den Braunschweigischen Kohlenbergwerken (BKB) entschädigt. „Höfe, Häuser, Maschinen. Die haben wirklich alles ersetzt bekommen“, betont Lisbeth Minge. „Aber wir hatten nichts Eigenes“. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen mussten sie sich im Alleingang eine neue Bleibe suchen. 1954 zogen sie auf einen sogenannten Aussiedlungshof im Nachbarort Wolsdorf. So bezeichnet man die landwirtschaftlichen Betriebe, die etwas abgelegen von den Ortschaften liegen.  
Ingrid Miley erinnert sich daran, dass während der Abrissarbeiten Anfang der 60er-Jahre kaum noch alteingesessene Runstedter dort lebten. Sie war damals bereits mit ihrer Familie nach Helmstedt gezogen.   „Den Abriss haben wir Gott sei Dank gar nicht mehr so mitbekommen.“ In den letzten Jahren wären es die zugezogenen Flüchtlinge gewesen, die es stark miterlebt hätten. Erst einige Zeit später bei den „Runstedter Treffen“ wäre ausführlich darüber erzählt worden, wie es sich anfühlte, das Dorf sterben zu sehen.

Vergangen, aber nicht vergessen

Doch die ehemaligen Bewohner*innen lassen nicht ab. Sie wollen die vergangenen Dörfer auch heute noch durch gemeinsame Erinnerungen am Leben erhalten. Akribisch wurden damalige Zeitungsartikel, Aushänge, Karten, Fotos und sogar Briefe aufgehoben und gesammelt. In der Bücherreihe „alte und neue Geschichten von Runstedt“ wurden zahlreiche witzige und auch betrübte Anekdoten niedergeschrieben. Viele machten sich die Mühe und digitalisierten die Dokumente. Denn auch online wird an den Dörfern festgehalten, die in der Helmstedter Region dem Tagebau zum Opfer fielen. In der Facebook-Gruppe „Die ehemaligen Kohledörfer“ wird das gesammelte Material von über 550 Mitgliedern geteilt und sich vergnügt darüber ausgetauscht. So erinnern sich ehemalige Alversdorfer an den urigen Tante-Emma-Laden und ihre Rodelbahn, die Offlebener an ihren Bäcker Wächter und seinen heißgeliebten „Pummelchen-Brötchen“. Aber auch die BKB-isten von der „anderen Seite“ werden in dieser Gemeinschaft nicht vergrault und tauschen sich gerne über die Zeiten im Tagebau aus.
Seit den 1980 begegnen sich Ehemalige alljährlich zu den „Runstedter Treffen“. Hier kommen sie zum Kaffee und Kuchen zusammen, schwelgen in der alten Zeit und freuen sich, wieder an einem Fleck beisammen zu sein. Eben genau wie früher…  
Im Juli 2020 verabschiedete die Bundesregierung den Entwurf zum Kohleausstiegsgesetz. Dem Gesetz zu folge will die Regierung bis 2038 vollständig aus der Kohleverstromung aussteigen und den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben. Im Zuge dessen wurde 2020 das Schöninger Kohlekraftwerk „Buschhaus“ der Braunschweigischen Kohlenbergwerke endgültig stillgelegt.