Schacht Konrad: Verstrahlte Studenten in SZ?

Für radioaktiven Atommüll gibt es bald eine Adresse in der Region 38. Der Großteil davon soll für immer in Salzgitter eingelagert werden. Doch die Kritiker sind zuletzt leiser geworden.

Salzgitter – Im Herzen Lebenstedts ist das modern wirkende Bürogebäude des Bundesamts für Strahlenschutz nicht zu übersehen. Das Bauwerk wurde lange nach dem Entstehen des Stadtkerns neben dem Bahnhof erbaut. Erst 2002, als entschieden wurde, Deutschlands Energieprobleme nach Salzgitter zu verlegen.

Nach der Genehmigung als Endlager und fünf Jahren Planung wurden 2007 die Umbauarbeiten begonnen. Der Termin der Fertigstellung wurde seitdem schon vier Mal verschoben. Nach neuestem Stand soll in sieben Jahren begonnen werden, Atommüll einzulagern. Damit hat der Bau länger gedauert als der des BER.

Das lag nicht nur an baulichen Schwierigkeiten. Schuld waren auch die sich mehrmals ändernden Zuständigkeiten für den Bau. Erschwert wurde es noch dazu durch komplizierte Kooperationsverträge zwischen verschiedensten staatlichen Behörden und Institutionen. So war bis vor drei Jahren noch das Bundesamt für Strahlenschutz für den Schacht Konrad zuständig. Es baute ihn allerdings nicht selbst aus, sondern überließ dies der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe. Seit Ende 2017 ist nun die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) für das Atommülllager zuständig. Bei Beginn ließ sie das gesamte Vorhaben erstmal TÜV-prüfen. Dabei fand der TÜV Rheinland auch etliche uralte Verträge zum Ausbau des Schachtes, die heute längst nicht mehr ausführbar sind. Auch dadurch verschiebt sich die Fertigstellung um Jahre nach hinten.

Die Vorsitzende der BGE, Ursula Heinen-Esser, ist jetzt aber überzeugt davon, „die Ungewissheiten, die sich aus der schwierigen Konstellation in der Vergangenheit ergeben haben, in der BGE in den Griff [zu] bekommen“, wie sie beteuert.

 

Der Schacht Konrad: Zeitleiste.

Nach der Fertigstellung sollen in den alten Bergbauschacht 303.000 Kubikmeter schwach- bis mittelradioaktive Abfälle eingelagert werden. Zum Vergleich: Das ist so viel radioaktiver Abfall wie in 101 durchschnittliche Freibäder passen würde. Dennoch macht dies weniger als ein Prozent aller in Deutschland anfallenden Radioaktivität aus. Denn hochradioaktives Material gibt deutlich mehr Strahlung ab, benötigt aber viel weniger Raum. Für dieses noch gefährlichere Material hat die Bundesregierung bislang keine Lösung gefunden. Nach Salzgitter soll es nicht.

Dennoch gehen auch von geringer verstrahlten Materialien Gefahren für die Gesundheit der Menschen aus. Allerdings sind die Sicherheitsauflagen sehr hoch. Die Abfälle werden anschlags- und unfallsicher verpackt. Dann werden sie schrittweise nach Salzgitter geliefert. So sind nie bedrohlich große Mengen überirdisch in Salzgitter.

Der Großteil der radioaktiven Materialien kommt aus den Atomkraftwerken Deutschlands. Dazu zählen auch beim Rückbau verstrahlte Baumaterialien, wie zum Beispiel Beton.

Der Anteil von Atomstrom im deutschen Netz sinkt zwar, aber es sind noch immer sieben Atomkraftwerke am Netz. Das Letzte soll hierzulande in zwei Jahren abgeschaltet werden. Noch produzieren sie über 400 Tonnen verstrahlten Müll jährlich.

Bis zum Ende des Umbaus lagern die radioaktiven Materialien in Zwischenlagern. Diese sind in unscheinbaren, überirdischen Lagerhallen oder in und um Atomkraftwerke in ganz Deutschland verteilt. Vor der Eröffnung sollen sie noch in Logistiklager nahe Salzgitter gebracht werden. Im April 2020 lehnte die Stadt Braunschweig ein solches Lager in ihrem Hoheitsgebiet ab. Zur Eröffnung in sieben Jahren sollen die Abfälle dann nach Salzgitter transportiert werden.

Ursprünglich hätte das Endlager nahezu alle deutschen Abfälle dieser Art beherbergen können. Zuvor galt die Asse II in Wolfenbüttel als das erste Endlager der Welt. Seitdem etliche Probleme, wie der drohende Einsturz des Bergwerks und ein erhöhtes Krebsaufkommen der Anwohner in Asse, auftraten, soll es jetzt geräumt werden. Nun reichen Salzgitters Kapazitäten nur noch für circa die Hälfte aller Abfälle.

Kritik zum Bau gab und gibt es viel. Darunter etliche Beschwerden, Klagen und Einwendungen. Bis 1992 wurden diese angenommen, zu dem Zeitpunkt waren es insgesamt rund 290.000. Auch heute noch setzt sich im Stadtteil SZ-Bleckenstedt, in dem das Endlager entsteht, die AG Schacht Konrad aktiv dagegen ein.

Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass die Einlagerung nicht rückholbar ist. Bei der heutigen Suche nach Endlagern für hochradioaktive Stoffe ist vorgeschrieben, dass die Abfälle im Laufe von 500 Jahren nach der Einlagerung zurückgeholt werden können. Dadurch können Fehler korrigiert werden. Beim Endlager Salzgitter ist das allerdings nicht vorgesehen. Hier werden die Schächte mit den Fässern gefüllt und für immer verschlossen. Dabei wird der gesamte Raum unter Tage bis zum Erdboden mit Beton aufgefüllt, sodass sich unterirdisch keine Luft mehr befindet. Falls nun ähnliche Probleme wie im nur 20 Kilometer entfernten Versuchsendlager in Wolfenbüttel auftreten sollten, ist eine Rückholung unmöglich.

Vorerst besteht laut der AG Schacht Konrad aber auch eine Strahlengefahr durch Radon. Dieses radioaktive Gas ist von Natur aus im Gestein des Schachts. Beim Abbau kann es freigesetzt werden und schon vor der Einlagerung der Abfälle austreten. Dann gelange es durch die Abluft nach draußen. Von offizieller Seite wird jedoch an vielen Messstellen in einem 10-Kilometer-Radius um den Schacht die Radioaktivität gemessen.

Bislang ist Schacht Konrad das einzige, sich im Bau befindliche Endlager für Atommüll in ganz Deutschland. Für schwach- bis mittelradioaktive Abfälle ist auch bis auf Weiteres kein Endlager geplant. Die Endlagerkommission stellt für stärker belasteten Müll erst Endlager „zwischen 2095 und 2170 oder später“ in Aussicht. Genaue Orte für anvisierte Lager hochradioaktiver Stoffe kann die zuständige BGE noch nicht nennen.

(Quelle: Pixabay)

In den 80er Jahren wurde begonnen, nach Standorten zu suchen. Zu diesem Zeitpunkt lohnte sich der Betrieb des Schachts Konrad zur Eisenerzgewinnung wirtschaftlich immer weniger. Dann sah die Salzgitter AG eine Lösung, um den Betrieb im Schacht aufrecht zu erhalten. So begannen die ersten Untersuchungen, ob der Schacht als Endlager taugt. Orte für Endlager werden nach etlichen Kriterien bewertet. So dürfen sie zum Beispiel nicht in Erdbebengebieten gebaut werden. Bestimmte Gesteinsschichten müssen das Erdreich schützen. Da dies laut der zuständigen Behörden alles in Salzgitter gegeben scheint und der Schacht stabil und sicher sein soll, wird er nun zum Endlager umgebaut.

Die Abfälle sollen unter hohen Sicherheitsvorkehrungen eingelagert werden. Dennoch besteht immer eine Restgefahr für die Anwohner Salzgitters. So könnten aus dem Bergwerk auch bei der Einlagerung wieder radioaktiv verseuchte Gase austreten und durch die Abluft nach draußen geleitet werden. Die Wahrscheinlichkeit für eine gesundheitsgefährdende Dosis ist aber äußerst gering. Dafür sorgen die vielen Sicherheitsvorkehrungen. Die AG Schacht Konrad meint dennoch: „Die Sicherheitsstandards wurden nicht im Vorfeld erarbeitet, sondern umgekehrt, für Schacht Konrad passend gemacht.“

Bei der Anlieferung wird oft der Schienenweg gewählt. Geringe Strahlung ist dabei noch bis zu 30 Meter neben den Waggons messbar. Je nach Richtung fahren die Züge direkt an der Ostfalia Hochschule Salzgitter vorbei. Der Abstand zu den Lehrräumen beträgt dann aber immer mindestens 35 Meter. Erst nach dem Prozess der Einlagerung ist die Gefahr für immer ins Erdreich verbannt.

Der Atommüll wird nicht in die alten Schächte des Bergwerks eingelagert, sondern in neue, extra dafür erbaute Kammern. Die neuen Hohlräume sind 7×6 Meter groß und werden mit Maschendrähten und sogenannten Ankern gesichert. Das sind längliche Metallstäbe, die in die Wand gebohrt werden. In diese unterirdischen Räume werden in einigen Jahren die Container gestellt. Diese bestehen, je nach Stärke der Strahlung, aus Stahl oder Beton. In ihnen sind die bekannten gelben Atomfässer. Die Luft um die gelben Fässer wird aufgefüllt mit Beton.

Pro Arbeitsschicht dürfen maximal 17 solcher Container in den Schacht herabgelassen werden. Dadurch wird die Einlagerung viele Jahrzehnte andauern. Danach soll, so die Behörden, der Schacht für immer verschlossen sein und für eine Million Jahre die Fässer sicher beschützen. So sollen auch eventuell nachfolgende Zivilisationen unter keinen Umständen aus Versehen auf die gefährlichen Abfälle stoßen.

Über den vergrabenen Abfällen liegen dann 850 Meter Erdreich, davon sind bis zu 400 Meter eine dicke Tonschicht. Dadurch kann dann keinerlei Strahlung mehr an die Oberfläche gelangen. Auch wenn Wasser in die Kammern eindringen sollte, wie es in Wolfenbüttel der Fall ist, soll dieses in Salzgitter mindestens 300.000 Jahre von der Grube bis an die Erdoberfläche brauchen. Bis dahin ist die Strahlung so weit versiegt, dass das Wasser nicht mehr gefährlich ist.

Eine wirkliche Gefahr geht für die Ostfalia-Studierenden also nicht aus. Der Schacht Konrad in Salzgitter wird als eines der stabilsten Bauwerke der Welt konstruiert. Er soll ein Vielfaches länger halten als die Pyramiden von Gizeh. Damit wird er wohl eines der letzten Relikte unserer Zivilisation bleiben. Lebensgefährlich verstrahlt, etliche Meter unter der Erde versiegelt und hoffentlich für immer unentdeckt. Nichts auf der Welt wurde von Menschen jemals so sicher versteckt.

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