Schläge für Applaus

Regelmäßig stehen Zoos am Pranger – zuletzt der Zoo Hannover: Ein Video, in dem die Misshandlung eines Elefantenbabys zur Dressur zu sehen ist, löste einen Shitstorm aus. Doch ist die Suche nach einem Sündenbock wirklich so leicht?

Es ist dieses eine Video, das immer wieder in der Facebook-Timeline auftaucht und nicht umgangen werden kann. Auf dem Thumbnail das verpixelte Bild eines Zoowärters neben einem Elefantenjungen. Ein Klick auf das Video und zu sehen sind kurze, aneinander geschnittene Amateur-Videos, die zeigen, wie ein Pfleger des Zoo Hannovers ein Elefantenjunges wiederholt mit einem Elefantenhaken schlägt – ein Stock, versehen mit einem Metallwiderhaken. Der Elefant soll Tricks vollführen und um ihn gehorsam zu machen, malträtiert ihn der Pfleger. All das wird untermalt mit einer dramatischen Musik, welche ab und an von den Schreien des Elefanten durchbrochen wird. Außerdem hört man eine weibliche Stimme, welche einem die wichtigen Rahmenfakten mitteilt.

Das ganze Video wurde Anfang 2017 auf Facebook hochgeladen und erstellt von der Tierrechtsorganisation PETA. Es stellt den Zoo Hannover an den „Online-Pranger“ und sorgt für eine Welle an empörten Kommentaren. Etliche Shares und noch mehr Kommentare überschwemmen die sozialen Medien. Im Fadenkreuz des Hasses und der Empörung: der Zoo Hannover. Morddrohungen an den Vorstand und Boykott des Tierparks sind die Folgen. PETA leitete ein Strafverfahren gegen den Zoo Hannover ein. Der Vorwurf: Tierquälerei. Einige Monate später wird das Verfahren von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Laut der zuständigen Behörde werden „im Rahmen der durchgeführten Untersuchungen diesbezüglich bei den Elefanten weder Verletzungen noch Verstörungen oder ein Vermeidungsverhalten gegenüber den Pflegern festgestellt.“ PETA möchte nun mit neuen externen Gutachtern dafür sorgen, dass das Verfahren wieder aufgenommen wird.

Zoos stehen unter Unterhaltungsdruck

Doch wo liegt der wahre Ursprung des Problems? Ist der Zoo Hannover – stellvertretend für alle Zoos – wirklich die Wurzel allen Übels? Oder hat sich die Masse durch die dramatische und provokante Machart des Videos mitreißen lassen und wurde vom eigentlichen Kern des Problems

abgelenkt? Nicht ohne Grund spricht man von der Unterhaltungsindustrie: Reden wir von Zoos, Zirkussen und auch TV und Film, dann spricht man von einem Markt, welcher jährlich nicht unbeträchtliche Milliardensummen einspielt und für eine Vielzahl von Menschen den monatlichen Lebensunterhalt bedeutet. Genau an dieser Stelle ist die Frage angebracht, wie es dazu kommen konnte, dass dieser Markt überhaupt erst entstanden ist: Wie ist die Unterhaltung durch Tiere entstanden?

Die Grundlage für den klassischen Zirkus, wie wir ihn heute kennen, wird Mitte des 18. Jahrhunderts im früh-industrialisierten England gelegt: Die Städte wachsen um die neuen Fabriken herum. Die Arbeiter wollen am Wochenende ihre Familien unterhalten und geben die erschufteten Pennies aus. Hier gibt es die ersten Auftritte vor Publikum von sogenannten Kunstreitern, die kleine Kunststücke auf ihren Pferden vorführen, um Zuschauer zu unterhalten. Der Einsatz von exotischen und wilden Tieren wie Löwen, Affen, Elefanten und Eisbären erfolgt jedoch erst weitaus später. Diese Entwicklung ist darauf zurückzuführen, dass die Zuschauer nach immer spektakuläreren und exotischeren Shows und Kunststücken verlangen. Doch der Umgang mit gefährlicheren, exotischeren und wilderen Tieren geht einher mit einer weitaus härteren und brutaleren Dressur. Das Grundkonzept „Zirkus“entsteht also genau dadurch, dass es viele Menschen gibt, die sich diese Darbietungen angesehen haben. In Folge wurden jedoch immer größere, spektakulärere und spannendere Showelemente nachgefragt, sodass die Zirkusindustrie mit der Integration von Tierdressur in ihren Shows in großem Maße Selbsterhaltung betrieben hat.

Die Zoos müssen bei dieser Entwicklung mitziehen, um ebenfalls ihr Erhalten zu sichern und neben den Zirkussen bestehen zu können. Denn wie in jeder anderen Branche ist natürlich auch in der Unterhaltungsbranche mit Tieren ein harter Wettbewerb gegeben. Dieser Wettbewerb sorgt dafür, dass der Druck auf die einzelnen Einrichtungen, die Konsumenten zu locken, immer weiter erhöht wird – was dann in den meisten Fällen auf dem Rücken der Tiere ausgetragen wird. Ein Vorteil, den die Zoos gegenüber den Zirkussen innehaben, ist, dass Zoos im öffentlichen Diskurs sehr häufig drei weitere Hauptaufgaben neben der reinen Unterhaltung zu gesprochen werden: Bildung, Forschung, Naturschutz. Ob diese drei Hauptaufgaben den Zoos ohne weiteres zugesprochen werden können und ob diese immer einwandfrei erfüllt werden, ist schwer zu beantworten.

Erfüllt das System Zoo die Anforderungen Bildung und Schutz?

Fragt man die Tierschutzorganisation PETA so versagen die Zoos hier klar. Noch schlimmer: Ihren öffentlichen Auftrag nutzten die Zoos lediglich zur Verschleierung des kommerzialisierten Unterhaltungsangebotes. Dass Zoos zum Artenschutz beitragen, ist laut PETA-Referentin Yvonne Würz schlichtweg eine Lüge und treffe in keinster Weise zu. Die Instinkte der Tiere, welche in Gefangenschaft leben, gingen verloren und sie erlernten keinerlei wichtige Verhaltensweisen, die zum Auswildern und Überleben in der Natur nötig wären. Das Argument der Artenerhaltung steche auch nicht: Bei Zootieren handele es sich zu rund 85 Prozent um Arten, die nicht vom Aussterben bedroht seien. Bezüglich des Bildungsauftrages von Zoos argumentiert PETA, dass den Besuchern nicht gezeigt wird und auch nicht werden kann, wie die Tiere sich natürlich verhalten und agieren, da sie sich nicht in ihrem natürlichen Umfeld befinden. Den Leuten werde also ein völlig falsches Bild der Tiere gegeben.

Der Elefantenkurator und Zootierarzt des Kölner Zoos Olaf Behlert betont hingegen, dass alle auf den CDs beobachteten Eingriffe eine reine Dressur darstellen. Nicht eine Szene beinhalte Vorgänge, welche man veterinärmedizinischen Maßnahmen zuordnen könnte. In Paragraph 42 des Bundesnaturschutzgesetzes heißt es darüber hinaus: „Zoos sind dauerhafte Einrichtungen, in denen lebende Tiere wild lebender Arten zwecks Zurschaustellung während eines Zeitraumes von mindestens sieben Tagen im Jahr gehalten werden.“ Auch hier wird noch einmal deutlich, dass der Sinn von Zoos nicht in erster Linie Tierschutz, sondern viel mehr die Unterhaltung von uns Menschen ist.

Unter dem Slogan „Nur was man kennt, kann man lieben. Nur was man liebt, wird man schützen“ verteidigt sich der Zoo Hannover auf seiner Website, auf der auch 19 Kooperationen mit Artenerhaltungsprogrammen aufgelistet sind. Der Geschäftsführer des Zoos Hannover äußerte sich außerdem in einer Pressemitteilung zum konkreten „Elefanten-Fall“ mit den abschließenden Worten „Unser Ziel ist es, Menschen für Tiere zu begeistern. Wir werden auch weiterhin alles daransetzen, über die Tiere hier im Zoo und die Situation im Freiland zu informieren und dauerhaft zum Erhalt der Arten beizutragen.“ Bei einem Blick auf die Website des Zoos Hannover fällt generell sehr schnell auf, dass Artenschutz ein großes Thema zu sein scheint. So findet man etliche Rubriken wie „Artenschutz weltweit“ oder „unsere Artenschutzprojekte“. Auch andere Zoos, wie der Zoo Berlin oder der Kölner Zoo kommunizieren das Thema des Artenschutzes sehr offen und fundiert. Der Besucher erhält hier seitens der Zoos sehr viele Informationen und auch Möglichkeiten, sich an Artenschutzprogrammen zu beteiligen. Man kann also durchaus davon ausgehen, dass Zoos sich ihrem Bildungsauftrag bewusst sind und wissen, was für eine Verantwortung sie in Bezug auf die Bereitstellung von Informationen über Tiere, zu denen die Besucher sonst keinen Bezug hätten, tragen. Außerdem tragen Zoos auch einen Teil zur Forschung im Allgemeinen bei, indem sie vielen Forschern den Zugriff auf Genmaterial von Tieren ermöglichen, an die sie ansonsten niemals oder nur sehr schwer heran kommen könnten.

Konsumverhalten hinterfragen

Dass diese Hauptaufgabe von Zoos erfüllt wird, streitet PETA nicht ab, sie weisen jedoch darauf hin, dass es sich hierbei um eine sehr „egoistische beziehungsweise anthropozentrische“ Vorgehensweise handelt. Sicherlich ist der Gedanke naheliegend, dass Zoos ein ausgeprägtes und egoistisches Interesse daran haben könnten, dass die Gesellschaft daran glaubt, diese Hauptaufgaben zu erfüllen. Es geht darum, ihre Existenz zu rechtfertigen und das Image von Zoos in der Öffentlichkeit zu verbessern. Jedoch mindert der Gedanke, dass die Zoos dies aus egoistischen Beweggründen tun, nicht die Tatsache, dass sie informieren, aufklären und zur Mithilfe bewegen wollen.

Zweifellos gibt es also Tierquälerei in der Unterhaltungsbranche. Man sollte sich dennoch hüten zu meinen, man habe den einen Alleinverantwortlichen dafür ausgemacht in der Person der Betreiber der Zirkusse und Zoos. Man sollte distanziert, objektiv und vor allem informiert an die verschiedenen Einrichtungen herantreten und im zweiten Schritt ganz klar sein Konsumverhalten überdenken. In einer Umfrage des NDR sprechen sich fast zwei Drittel der Nutzer dafür aus, dass keine Tiere mehr in Zoos gehalten werden sollen. Sobald Konsumenten offenbar bewusst wird, dass Tiere für ihre Belustigung malträtiert werden, sprechen sie sich dagegen aus – zumindest wollen sie es nicht wissen. Doch was passiert, wenn man in solch einer direkten und konkreten Form mitgeteilt bekommt, was man mit seinem Geld unterstützt, wie es beim PETA-Video der Fall war, lässt eine interessante Beobachtung zu: Die Leute suchen ganz schnell einen Sündenbock, hinter dessen „Schuld“ sie sich verstecken können. Dabei wäre es ungleich sinnvoller zu hinterfragen, wie man mit seinem eigenen Konsumverhalten dazu beigetragen hat, dass dieses Video überhaupt erst entstanden ist: Denn wenn niemand applaudierte, wenn ein Elefant Männchen macht, wäre auch keine quälende Dressur nötig.

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