Ständige Vernetzung bis zum Burnout

Digital Natives kommen automatisch besser mit der digitalen Welt klar? Ein Trugschluss, findet Felix Gieraths. Ein Plädoyer fürs Zelten und Lesen statt Social Media und YouTube, um einem Burnout durch ständige Erreichbarkeit vorzubeugen.

Wer kennt das nicht? Auf der Arbeit: Das Handy klingelt und hunderte E-Mails überfluten das Postfach. Alles muss erledigt werden. Auf dem Weg nach Hause: Hunderte Werbeinhalte, die einen förmlich bombardieren, ob man nun möchte oder nicht. Dann noch schnell zwei, drei Freunden per WhatsApp antworten und vielleicht noch ein paar Anrufe tätigen, die nicht warten können. Zu Hause angekommen schnell in ein paar bequemere Klamotten wechseln, das Smartphone beiseite und an den Computer, den Fernseher oder das Radio angeschmissen und den Haushalt machen. Das Smartphone klingelt und man sprintet nahezu hin, um nachzuschauen, wer geschrieben hat. War doch nicht so wichtig und zurück zu den Haushaltstätigkeiten. Man liegt im Bett und will schlafen – ach komm, noch ein, zwei Blicke in meine Social Media-Seiten. Das Handy vibriert und reißt mich aus dem Schlaf. Wichtige Mitteilung der Arbeit oder doch nur ein Freund, der selbst noch mit Smartphone in der Hand im Bett liegt?

Eine Lawine an Informationen und Reizen begleitet unseren Alltag mittlerweile und wir nehmen es hin, auch wenn es unserer Gesundheit schadet. Wir nehmen die Arbeit mit nach Hause und sind permanent erreichbar für alle möglichen Leute, ohne zu hinterfragen, ob das so sein sollte oder ob man das ganze eventuell doch selber regulieren muss. Wir setzen uns permanent Stress aus und konsumieren alle möglichen Informationen, ob sie uns nun tatsächlich interessieren oder einfach eingetrichtert werden durch Dauerbeschallung. Man ist gestresst, obwohl man doch eigentlich entspannt sein sollte. Man empfindet Erschöpfung, obwohl man sich doch eigentlich erholen sollte für den nächsten Tag. Und ehe man sich versieht – Burnout.

Neue Generation kommt besser klar? Trugschluss!

Die digitalen Medien sind Kern meines Alltags geworden in den letzten Jahren. Doch die anfangs euphorische Nutzung klang bei Zeiten ab und ich war genervt davon, dass ich zu jederzeit verknüpft war mit den verschiedensten Personen, ob ich nun wollte oder nicht und tausenden anderen medialen Inhalten. Der neueste Filmtrailer, neue Videos von abonnierten YouTubern, Werbemails von Unternehmen, die meine Daten irgendwo im Netz erworben haben, Anrufe von Firmen, die einem etwas verkaufen wollen und dann sogar noch die Arbeitsstelle, die einen drei Stunden nach Schichtende nochmal anruft oder gar während des Urlaubs. Das schlug mir derart auf meine Gesundheit, dass ich für mich entschieden habe, dass das so nicht weiter gehen kann. Ich bin dazu übergegangen, alles einfach mal beiseite zu legen, Zeit für mich zu nehmen und meinem Gehirn mal eine Chance zum Abkühlen zu geben.

Keine Musik, kein Fernsehen, kein Smartphone. Sämtliche Reize minimiert und die Augen zugemacht für ein paar Minuten. Anstatt direkt wieder in den digitalen Ozean zu springen, einfach mal ein Buch nehmen und den Abend ausklingen lassen. Man muss für sich selbst einen Ausgleich finden. Für mich war das zum Beispiel Zelten gehen. Alle digitalen Geräte mal für eine Woche ausschalten und sich fern halten von dem puren Reizwahnsinn. Und für mich ist dies tatsächlich ein guter Ausgleich geworden. Ich fühle mich deutlich besser, wenn ich mich ab und zu bewusst von dem Griff der digitalen Medien losreiße, auch wenn es nur für 24 Stunden ist.

Zahl der Burnout-Erkrankten verzehnfacht

„Aber neue Generationen kommen besser klar mit den ganzen Medien als Ältere!“, hört man so oft. Das ist tatsächlich ein Trugschluss. Dass das Ganze nicht gesund sein kann, haben Forscher herausgefunden und empfehlen, ab und zu sich auch mal aktiv von den digitalen Medien abgrenzen und unserem Gehirn eine wohlverdiente Pause gönnen. Noch ein Ergebnis: Jüngere Generationen stehen mehr unter Stress durch die ständige Vernetzung als ältere Generationen. Wenn man sich mal mit der Thematik auseinandersetzt, dann merkt man schnell, dass eine Steigerung von psychologischen Erkrankungen in der Bevölkerung Hand in Hand gehen mit dem wachsenden Vernetzung und permanenten Erreichbarkeit. So hat sich zum Beispiel die Anzahl der Burnout-Erkrankten seit 2004 fast verzehnfacht. Und das muss ja nun wirklich nicht sein.

Man sollte sich durchaus Zeit für sich und sein Leben nehmen und nicht alles vorschieben, nur weil man die Möglichkeit hat, erreichbar zu sein für jeden. Vor allem, da der Einfluss von digitalen Medien via Smartphone, Tablets et cetera im rasanten Wachstum ist und in den kommenden Jahren nicht abflachen wird. Also wenn uns unsere Gesundheit am Herzen liegt und wir für Freunde und Familie auch noch auf lange Sicht in einem gesunden und fröhlichen Zustand erhalten bleiben wollen, dann legt zwischendurch auch einfach mal das Smartphone beiseite und lasst Computer und Fernseher aus. Euer Gehirn wird es euch danken!

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