Stammzellspende – Die letzte Chance auf ein Leben

Alle 15 Minuten erhält in Deutschland ein/e PatientIn die Diagnose Blutkrebs. Jährlich sterben mehr als 18.000 Menschen an dieser Krankheit. Wenn die Chemotherapie nicht anschlägt, ist die letzte Hoffnung eine Stammzellspende. Den genetischen Zwilling zu finden, ist aber nicht einfach.

Ein Samstagmorgen im August 2020. Es ist 9.30 Uhr. Nathalie erhält überraschend einen Anruf mit der Information, dass sie einem leukämiekranken Menschen helfen kann. Einem Menschen, dessen Leben durch die Diagnose von dem einen auf den anderen Moment auf den Kopf gestellt wurde. Pläne geraten dann erst einmal in Vergessenheit und ab dieser Sekunde müssen die PatientInnen um ihr Leben kämpfen. Blutkrebs ist im Vergleich zu anderen Arten wie beispielsweise Lungen- oder Brustkrebs eine seltene Krebskrankheit bei Erwachsenen. Bei Kindern unter 15 Jahren hingegen gilt sie als die häufigste. Kinder, die eigentlich noch ihr ganzes Leben vor sich haben, trifft dieses Schicksal enorm. Gleichzeitig ist es ein Schicksal für die gesamte Familie.

 

Maximilian während seiner Leukämieerkrankung. (Quelle: Privat)

Ähnlich wie bei anderen Krankheiten auch, gibt es verschiedene Formen der Leukämieerkrankung. Wenn im umgangssprachlichen Gebrauch das Wort Blutkrebs genutzt wird, seien in den meisten Fällen die Formen der akuten Leukämie gemeint. „Gemeinsam ist diesen Erkrankungen, dass unreife Blutzellen im Knochenmark so verändert sind, dass sie nicht mehr normal ausreifen können. Das heißt, es werden nicht mehr genügend normale funktionsfähige Blutzellen gebildet“, erklärt Jürgen Krauter, Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie in Braunschweig. PatientInnen leiden dadurch an einer Blutarmut sowie Abwehrschwäche. Zudem haben sie zu wenig Blutplättchen im Körper. Die normalen Blutzellen fehlen – und eben dies sei lebensbedrohlich.

Auch Maximilian bekam als Jugendlicher die Diagnose Leukämie. Die Krankheit Blutkrebs kannte er bis zu diesem Zeitpunkt nur, da sein Großvater vor einigen Jahren an Altersleukämie erkrankte. Dass er selbst auch einmal die Diagnose Leukämie bekommen würde, damit hat er nie gerechnet. Wie bei vielen anderen Krankheiten und Schocknachrichten auch, konnten die damaligen Freunde von Maximilian mit seiner Diagnose nicht gut umgehen. Bis auf seine beste Freundin, wendeten sie sich von ihm ab. Doch ihm blieb nichts anderes übrig, als sich dieser Krankheit zu stellen, die zahlreichen Behandlungen auf sich zu nehmen und gegen die Leukämie zu kämpfen.

Mit der Unterstützung seiner Eltern und den Ärzten hat Maximilian es geschafft, den Krebs zu besiegen. Seine akute lymphatische Leukämie wurde damals mit einer Chemotherapie behandelt. Ohne eine Behandlung hätte sie innerhalb weniger Monate zum Tod führen können. Er hatte das große Glück, dass die Chemotherapie, bei der die Leukämiezellen durch ein bestimmtes Medikament angegriffen werden sollen, angeschlagen hat. Er wurde dadurch wieder gesund und war nicht auf die Hilfe von StammzellspenderInnen wie Nathalie angewiesen.

Dennoch sind sehr viele PatientInnen in Deutschland und auf der ganzen Welt abhängig von einer passenden Spende. Diese ist jedoch nicht einfach zu finden, da bestimmte Gewebemerkmale übereinstimmen müssen. Hierbei handelt es sich um die sogenannten HLA-Antigene, welche von den eigenen Eltern geerbt werden. Nur ein Drittel der PatientenInnen finden jedoch einen passenden Spender in der Familie. Sind die genetischen Merkmale zu unterschiedlich, muss auf eine sogenannte Fremdspende zurückgegriffen werden.

Nathalie während ihrer Stammzellspende im September 2020. (Quelle: Nathalie S.)

Bei der Suche nach passenden SpenderInnen hilft unter anderem die Deutsche Knochenmarkspenderdatei. Dabei sei das Ziel der DKMS „jedem/jeder BlutkrebspatientIn eine zweite Chance auf Leben zu geben.“ Durch Registrierungsaktionen, Aufrufe im Internet und auf Social Media versucht die Organisation, international passende StammzellspenderInnen zu finden. Und sie haben Erfolg! Über zehn Millionen Menschen sind weltweit bei der DKMS registriert. Knapp 90.000 Spenden wurden bereits vermittelt. Das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland, kurz ZKRD, führt bei Bedarf die globale Suche nach passenden StammzellspenderInnen durch. Durch ein solches Register sei die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, passende SpenderInnen zu finden, so Krauter. Trotzdem sucht jede/r zehnte PatientIn weiterhin vergeblich nach seinem/ihrem genetischen Zwilling, doch die Hoffnung auf Heilung bleibt.

Sich als StammzellspenderIn zu registrieren, ist die bewusste Entscheidung einem kranken Menschen zu helfen. Diese Entscheidung hat auch Nathalie vor einigen Jahren getroffen.

Damit die Spende gut verläuft, musste Nathalie zur Voruntersuchung in die Entnahmeklinik. Sie wurde ausführlich untersucht und auf alle Nebenwirkungen hingewiesen. Denn auch wenn es bei einer Stammzellspende darum geht, einem/einer LeukämiepatientIn das Leben zu retten, so soll niemals die Gesundheit der SpenderInnen gefährdet werden. Nur vollkommen gesunde Menschen dürfen spenden. Einige Nebenwirkungen, wie Kopf- oder Beckenschmerzen spürte Nathalie, als sie sich im Vorhinein ein Medikament spritzen musste, welches das Wachstum der Stammzellen anregt. Dies sei jedoch gut auszuhalten gewesen, erzählt sie: „Man muss einfach daran denken, was der Patient durchmachen muss, der unsere Hilfe braucht.“

Nathalie gehört zu den 80 Prozent, bei denen eine periphere Stammzellentnahme durchgeführt wurde. Durch die Leukapherese, einer speziellen Art der Blutwäsche, werden die Stammzellen aus dem Blut entnommen, erklärt Jürgen Krauter. Bei den weiteren 20 Prozent wird mit einer Punktionsnadel aus dem Beckenkamm Knochenmark entnommen. Hierbei ist eine Vollnarkose notwendig sowie ein dreitägiger Krankenhausaufenthalt üblich. Letztere Art der Spende sei jedoch heutzutage nur noch selten notwendig, so Krauter.

Nach der Spende war es Nathalies großer Wunsch, Kontakt mit ihrem Patienten aufzunehmen. Normalerweise hat sie dazu jedoch kein Recht, da ihre Stammzellspende nicht transplantiert wurde. Doch durch die Unterstützung der DKMS ist es nun möglich, dass sie anonymen Briefkontakt mit ihrem Patienten führen kann. Sie weiß noch nicht mal seinen Namen und trotzdem hilft es Nathalie zu verarbeiten, dass sie die Chance hatte, einem Patienten zu helfen.

Die DKMS unterstützt die SpenderInnen nach der Spende bei der anonymen Kontaktaufnahme, aber auch bei den Vorbereitungen sowie anderen Anliegen. „Alle haben zu jeder Zeit während der Vorbereitung und Planung sowie nach der Spende eine Ansprechperson bei der DKMS“, versichert Karin Abele, Stammzellspende-Koordinatorin bei der DKMS. Die SpenderInnen sind in dieser aufregenden und wichtigen Zeit nicht alleine.

Bisher stellt Deutschland ein wichtiges Land für die DKMS dar. Doch Leukämie kennt keine Nationalität. So ist jeder im Kampf gegen den Blutkrebs wichtig. Da die Genmerkmale weltweit jedoch unterschiedlich verteilt und Europäer sowie Nordamerikaner überrepräsentiert seien, könne es je nach Herkunft unterschiedlich schwierig sein, einen passenden Spender zu finden. „Auch die Spender in den Registern altern oder werden gegebenenfalls selber krank, sodass sie nicht mehr spenden können. Es ist deshalb wichtig, die Register durch neue Registrierungen von Spendern am Leben zu erhalten“, appelliert Krauter.

Es braucht Menschen wie Nathalie oder Maximilian, um den Blutkrebs zu besiegen. Ihr Leben wurde durch ihre Erfahrungen geprägt, sie reden offen darüber und möchten mehr Menschen auf das Thema Leukämie und Stammzellspende aufmerksam machen. Denn die Entscheidung, sich zu registrieren und seinem genetischen Zwilling zu helfen, ist für StammzellspenderInnen eine kurze Zeit im eigenen Leben. Doch mit ihrer Spende können sie einem an Leukämie erkrankten Menschen und den Angehörigen das Leben schenken.

StammzellenspenderIn werden

(Quelle: DKMS)

Über www.dkms.de ist es ganz einfach, sich von zu Hause aus als StammzellenspenderIn zu registrieren.

1. Das Registierungsset nach Hause schicken lassen.

2. Selbstständig einen Speichelabstrich aus dem Mund machen.

3. Set zurück an die DKMS schicken.

Total
0
Shares
Ähnliche Beiträge
Mehr lesen

Bis zuletzt leben können

Das Hospiz ist ein Ort, an dem man nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt in Würde leben kann. Werner Stadtler hat sich für das Hospiz Salzgitter entschieden, weil er todkrank ist. Wie geht er mit dem Tod um? Campus38 hat ihn besucht, um mehr über das Hospiz und seine Gefühle und Gedanken zu erfahren.
VON Svenja Kiehne
Mehr lesen

Lasst den Korb nicht hängen

Weltweilt spielen oder verfolgen knapp 800 Millionen Menschen Basketball. In Deutschland ist das Interesse am Basketball im Vergleich zu anderen Ländern aber eher gering. Fußball beherrscht die nationale Aufmerksamkeit und lässt Randsportarten kaum Platz, sowohl am Bildschirm als auch auf den Freiflächen.
VON Jonas Pape
Mehr lesen

Auf dem Weg zum Profi

Die Fußballakademie Wolfsburg bildet seit 2007 den Nachwuchs des VfL Wolfsburg spielerisch, aber auch pädagogisch aus. Campus38 gibt Eindrücke vom Trainingsplatz und aus den Appartements der Akademie – von einem Leben, dass sich nur um Fußball und eben nicht um Chipstüten oder Mädchen dreht.
VON Luisa Krause
Mehr lesen

„Das Café“ – Wegweiser für psychisch kranke Menschen

Psychische Erkrankungen sind noch immer ein heikles Thema in unserer Gesellschaft. „Das Café“ bietet für Betroffene einen offenen Ort für Gespräche, Aktivitäten und Veranstaltungen. Doch was ist das Besondere an dieser Art von Kontaktstelle? Campus38 hat mit Andreas Sutor, dem Leiter des Cafés, gesprochen.
VON Leonie Meyer