Stirbt der Wald?

Dem Wald in Deutschland geht es schlecht, auch im Harz. Der Blick zum Brocken wird von riesigen Flächen abgestorbener Bäume gerahmt, der Wald ist durchzogen von massiven Schäden und großen Kahlflächen. Hier waren einmal dichte, endlos weite Wälder – heute gleichen sie einem graubraunen Flickenteppich. Doch wie konnte es soweit kommen und wie geht es nun weiter?
Die Lage im Nationalpark Harz im Sommer 2019. (Foto: Sandra Winter)

Waldsterben 2.0

In den 80er Jahren war vom Waldsterben 1.0 in Folge des Sauren Regens die Rede. Heute sind die Ursachen für das Sterben der Bäume und die aktuelle Situation der Wälder weitaus komplexer. „Das sind die ersten Anzeichen des Klimawandels. Was wir jetzt erleben, ist der Auftakt zur Veränderung unserer Wälder, die sich an das veränderte Klima anpassen müssen“, erklärt Christian Ammer, Professor für Forstwissenschaften und Waldökologie an der Universität Göttingen. Die alten Baumbestände sind den wärmeren und niederschlagsarmen klimatischen Bedingungen nicht gewachsen. Dies wird besonders im Nationalpark Harz deutlich, denn im Unterschied zu den angrenzenden bewirtschafteten Wäldern der Niedersächsischen Landesforsten greift der Mensch hier nicht ein. „Der Wald im Nationalpark ist nur ein Menetekel, das uns zeigt, was auf uns zukommt. Die Lage ist dramatisch“, betont Geologe und Sprecher des Nationalparks Harz Friedhart Knolle. Er erklärt, wie dieses Waldsterben 2.0 zu verstehen ist: „Der Wald stirbt nicht. Der Wald, den wir kennen, der hier nicht mehr hingehört, stirbt.“

 

Ein menschengemachtes Problem?

Unsere Wälder sind intensiv von Menschenhand und forstwirtschaftlicher Nutzung geprägt, auch im Harz. Im Zuge des Bergbaus wurden große Teile der Harzer Urwälder gerodet und durch schnell wachsende Fichten ersetzt –  sogar weit über das natürliche Verbreitungsgebiet der im Gebirge beheimateten Fichte hinaus. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs füllten Fichten erneut die durch Reparationen und Wiederaufbau entstandenen Kahlflächen auf. Die typische Harzer Fichte galt durch ihren geraden und schnellen Wuchs jahrhundertelang als Brotbaum der Forstwirtschaft und sie prägt das Landschaftsbild des Harzes bis heute. Diese Fichten in Monokultur, die wir heute in den Harzer Wäldern sehen, haben vorangegangene Generationen gepflanzt. „Der Wald ist ein Spiegel der Bedürfnisse einer Gesellschaft, nur mit einem großen Zeitversatz“, erklärt Forstwissenschaftler Christian Ammer.

Der Borkenkäfer macht sich ans Werk

Als Sturmtief Frederike im Januar 2018 durch das Land fegte, konnte sich die nur etwa 30 Zentimeter tief unter der Erde wurzelnde Fichte an vielen Stellen kaum halten. Als flach wurzelnde Baumart ist sie in besonderem Maße anfällig für klimawandelbedingt häufiger auftretende Stürme, Dürre und Schädlinge. Die großen Mengen Sturmholz am Waldboden sorgten dafür, dass der Borkenkäfer im vergangenen Sommer ideale Bedingungen fand, um sich unter der Rinde der absterbenden Bäume zu vermehren und nicht nur alte und kranke Bäume anzugreifen, sondern auch gesunde. Die langanhaltende Trockenheit der letzten beiden Sommer legte den Bodenwasserspeicher trocken und versetzte die Bäume in Trockenstress. Während eine gesunde Fichte Harz bildet, um sich gegen den Befall durch Borkenkäfer und Schädlinge zu wehren, ist eine Fichte unter Wassermangel dem Borkenkäfer nahezu schutzlos ausgesetzt. Der winzige Käfer bohrt sich durch die Rinde geschwächter Fichten, unterbricht dort den Nährstofftransport des Baumes und bringt ihn so zum Absterben.

Jeder Baum hat seinen Schädling. Bei der Fichte ist es der Fichten-Borkenkäfer, auch Buchdrucker genannt. (Foto: Sandra Winter)

In den Niedersächsischen Landesforsten wurde in diesem Jahr aufgrund der massiven Schäden durch Borkenkäfer mancherorts die dreifache Menge Holz als üblich gefällt. Besonders viel Fichtenholz musste im Forstamt Lauterberg frühzeitig wegen Borkenkäferbefall geerntet werden. Aktuell traf es hier 255.000 Fichten im Klimaextremjahr 2019 – 78.000 waren es im Vergleich dazu 2017, einem normalen Jahr. Das befallene Holz lässt sich trotzdem verkaufen, muss allerdings schnellstmöglich aus dem Wald geschafft werden, um nicht als Brutstätte für weitere Borkenkäfergenerationen zu dienen. Dennoch bringt das Holz aktuell kaum Gewinne ein. Die Holzpreise sind aufgrund des Überangebots in den Keller gesunken, darüber hinaus sind seitens der Landesforsten erhöhte finanzielle Aufwendungen nötig, um die großen Mengen Schadholz abzutransportieren.

Wege aus der Krise

Der Wald im Harz befindet sich aktuell in einem rasanten und tiefgreifenden Prozess des Wandels, der besonders die direkt an den Nationalpark angrenzenden bewirtschafteten Wälder vor große Herausforderungen stellt. Während der Borkenkäfer im Nationalpark nicht bekämpft und der Wald sich selbst überlassen wird, läuft den Förstern in den Wirtschaftswäldern die Zeit davon, um ihre Wälder in klimastabile Mischwälder umzubauen. „Den einen Wunderbaum gibt es nicht.“, sagt Michael Rudolph, Sprecher der Niedersächsischen Landesforsten. Ziel ist es, den Wald in naturnahe Mischbestände umzubauen und bei der Wiederaufforstung auf eine Vielfalt an Baumarten zu setzen, die den Wald stabilisieren und eine nachhaltige Versorgung mit dem Rohstoff Holz sicherstellen sollen. Zukünftig sollen in den Harzer Wäldern vermehrt heimische Baumarten wie Buche, Bergahorn, Esche und sogar die aus Nordamerika stammende Douglasie Wurzeln schlagen.
Alte Monokulturen machen Platz für einen neuen, widerstandsfähigen Mischwald.
Der Wald stirbt nicht, sondern er verändert sich.

Dass Baumarten sich über längere Zeiträume hinweg an neue Bedingungen anpassen können, ist bekannt – wie schnell dieser Prozess vonstatten gehen könnte jedoch nicht. Wie sich Bäume verhalten, wenn es im Schnitt vier Grad wärmer ist, kann derzeit niemand sicher vorhersagen. Daher ließe sich nur vermuten, wie der Wald der Zukunft aussehen sollte, so Christian Ammer. Auch der Anbau der Fichte in Monokulturen habe zu den heutigen Problemen beigetragen. Das Hauptproblem jedoch sei der Klimawandel und die steigenden Temperaturen. Daher gelte es jetzt, nicht nur die Symptome, sondern verstärkt die Ursachen des Waldwandels anzugehen: den Klimawandel selbst.

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