Studienabbruch – Scheitern als Weg zum Erfolg

Ein Studienabbruch erfordert viel Mut, kann jedoch auch eine Chance auf einen Neubeginn darstellen. Eine Reise durch Beweggründe, Versagensängste, Berufseinstieg und mögliche Alternativen.

Bauch gegen Kopf. Verstand gegen Herz. Studium abbrechen gegen Studium durchziehen. Dieses Szenario spielte sich vor einem Jahr täglich im Leben von Katja Wagner ab und war beinahe schon so alltäglich wie der morgendliche Kaffee. Katja ist 24 Jahre alt und studiert Betriebswirtschaftslehre. Jeden Tag erzählt ihr Kopf ihr, dass Abbrechen keine Option ist und ihr Bauch, dass sie es trotzdem tun soll.

Der Gedanke an einen Studienabbruch ist immer da. Egal, ob beim Kaffeetrinken, in der Waschanlage mit dem Auto, beim Einkaufsbummel oder abends im Bett. „Besonders schlimm waren die Abende, an denen das Gedankenkarussell nicht stoppen wollte und mein Hirn sich Horrorszenarien ausmalte“, berichtet Katja. Immer wieder malt sie sich aus, was passieren würde, wenn sie ihr Studium abbricht. Immer wieder erhält sie unterschiedliche Ergebnisse und neue quälende Fragen kommen hinzu.

Eine Außenseiterin ist Katja nicht, wie eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) herausfand. 28 Prozent der Bachelorstudenten brachen ihr Studium im Jahr 2012 ab. Eine Unterscheidung zwischen Studienabbrechern und Studienfachwechslern wird nicht gemacht. Die Hochschulen könnten diese Ziffern zwar erfassen, tun es aber nicht oder nur vereinzelt. Eine gesetzliche Regelung hierzu fehlt. Sucht man im Internet nach Begriffen wie Studienabbruch oder Studienfachwechsel, erhält man unzählige Ergebnisse. In Internetforen schütten viele Studierende ihr Herz aus und berichten darüber, dass sie das Falsche studieren und gerne wechseln möchten.

Leistungsprobleme, Geldsorgen, fehlende Motivation & Co.

Die Gründe für einen Studienfachwechsel oder -abbruch sind vielfältig. Sören Isleib vom DZHW charakterisiert drei wesentliche Gründe: Leistungsprobleme, finanzielle Probleme und eine nachlassende Studienmotivation. „Diese Gründe zusammengenommen machen etwa zwei Drittel der Studienabbrüche aus“, erläutert Isleib. Thomas Nelamischkies von der Industrie- und Handelskammer Chemnitz ergänzt: „Falsche Einschätzung der Inhalte sowie Herausforderungen des Studiums führen zum Studienabbruch. Zum Teil fehlt die Selbstdisziplin, die notwendig ist, um abseits der nicht mehr vorhandenen schulischen Strukturen den Lernalltag unabhängig zu gestalten und zu bewältigen.“

Laut Björn Weiß, Coach für Studienabbrecher und Absolventen bei der Beschäftigungsförderung Göttingen, spielt fehlende Orientierung vor Studienantritt eine ebenso große Rolle, wie fehlende Motivation und Zielsetzung. Franziska Zimmermann von der Handwerkskammer Dresden gibt an, dass Leistungsprobleme und die damit verbundene Zwangsexmatrikulation ebenfalls ein Grund für einen Studienabbruch sein können. Studierende geben außerdem an, ihr Studium aufgrund eines fehlenden Praxisbezugs aufgegeben zu haben. „Sogar in Bachelorstudiengängen ist zu wenig Praxis. Viele Studierende realisieren dies erst im Studium. Andere Studierende wissen auch überhaupt nicht, was sie mit ihrem Studiengang anfangen können – treu nach dem Motto ‚erstmal studieren‘“, sagt Zimmermann. Rainer Schaar von der Handwerkskammer Aachen ergänzt: „Der Wunsch nach einer praktisch ausgerichteten Tätigkeit ist vorhanden. Studierende wollen etwas mit ihren Händen machen.“

Einfach verwählt?

Den perfekten Zeitpunkt für einen Studienabbruch gibt es nicht. Die Erfahrung von Sören Isleib zeigt jedoch, dass die meisten Studierenden in den ersten beiden Semestern abbrechen. „Sei es, weil unmittelbar in der Studieneingangsphase Leistungsschwierigkeiten sichtbar werden oder weil man mit dem Fach, der Hochschule oder dem neuen Wohnort Schwierigkeiten hat. Auch denkbar ist natürlich, dass man sein ursprüngliches Wunschfach erhält. Die Gründe können hier ganz verschieden und müssen nicht zwangsläufig leistungsbezogen sein. Man kann sich mit seinem Studiengang auch einfach verwählt haben“, erläutert Isleib.

Franziska Zimmermann liefert hierzu weitere Zahlen und zeigt auf, dass sieben Prozent der Abbrecher in ihrer Beratung im Jahr 2016 unter 20 Jahre alt sind, 44 Prozent zwischen 21 und 25 Jahren, 27 Prozent zwischen 26 und 30 Jahren sowie 22 Prozent über 31 Jahren. Der Bundesdurchschnitt liegt laut einer BiBB-Studie bei 25,6 Jahren. „Wie viele Semester sich manche Studierende durch ein Studium schleppen, bevor sie einsehen, dass dies nicht der richtige Weg ist, ist erschreckend“, so Zimmermann.

Druck von außen

„Ich wollte niemanden enttäuschen und spürte den Druck auf meinen Schultern. Wie ein Rucksack, schwer gefüllt mit Steinen. Über einen Studienabbruch nachzudenken, fühlte sich bereits wie Scheitern an. Vor allem die ältere Generation hat dafür oftmals kein Verständnis“, berichtet Max Gruber, 27 Jahre alt. Er war verzweifelt, als er nach zwei Semestern Wirtschaftsingenieurwesen feststellte, dass er das falsche Studienfach gewählt hatte und sich erste Zweifel in seinen Alltag schlichen. Studienabbruch klingt nach Scheitern. „Studierende erhalten Druck von außen durch die Eltern oder gesellschaftliche Erwartungen und Vorstellungen und fühlen sich deshalb dazu verpflichtet zu studieren“, so Björn Weiß. Auch Max befand sich in dieser Situation. „Meine Eltern sind beide Akademiker, da war es irgendwie klar, dass ich auch studiere. Mein Vater konnte die anfänglichen Zweifel nicht nachvollziehen und hat mich unter Druck gesetzt“, erzählt Max. Aus diesem Grund scheuen auch viele Studienzweifler die Konfrontation mit ihrem Umfeld, wie Jana Wünsch von der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt Leipzig berichtet: „Studienabbruch ist ein Thema, welches sehr stark schambesetzt ist und es fällt vielen schwer, darüber zu reden. Einige verheimlichen es über lange Zeit ihren Freunden und ihrer Familie. Wir erleben selten, dass Studienabbrecher unbeschwert mit dem Thema umgehen.“

Aber wie kann man mit aufkommenden Zweifeln umgehen? Björn Weiß rät: „Die Zweifel kann man sicherlich erst einmal selbst hinterfragen und mit hilfreichen Personen besprechen. Werden diese Zweifel schlimmer, spricht nichts dagegen, Angebote der Uni, beispielsweise die psychosoziale Beratungsstelle, Workshops oder Coachings aufzusuchen. Alle Berater oder Coaches unterliegen der gesetzlichen Schweigepflicht.“ Sören Isleib gibt Studienzweiflern mit auf den Weg, dass es in erster Linie wichtig sei, einen möglichen Abbruch nicht als Niederlage zu sehen, sondern schlicht als Umorientierung und Chance auf etwas, das erfüllender sei. „Zuvor sollten jedoch Vertrauenspersonen kontaktiert werden, mit denen die Schwierigkeiten, Ängste und mögliche Auswege besprochen werden können“, so Isleib.

Ein Studienabbruch ist für die meisten Studierenden sehr schwer. „Wir hatten einige Coachees, die bis zur Teilnahme am Coaching bereits eine jahrelange Leidensgeschichte hinter sich haben und über Jahre hinweg an ihrem Studium hingen, ohne sich bewegen zu können. Dies ist einerseits dem Umstand geschuldet, keine Alternative zum Studium zu haben und andererseits, sich aus verschiedensten Gründen nicht eingestehen zu können, dass es nicht klappen wird mit dem Abschluss“, berichtet Weiß.

Und Max? Er hat genau diese Ratschläge berücksichtigt und sich bei einer psychologischen Beratungsstelle für Studierende Hilfe gesucht. „Ein Studienabbruch ist keine Schande, wenn man aus seinen Fehlern lernt“, sagt er heute. Er empfiehlt unzufriedenen Studierenden mit jemandem zu sprechen, die Gründe zu analysieren und sich Unterstützung zu holen: „Keiner muss Krisen alleine überstehen, es gibt genug Ansprechpartner, die bei der Entscheidungsfindung behilflich sein können.“ Max hat mittlerweile einen zweiten Anlauf gestartet und studiert seit letztem Winter Soziologie. Seine Entscheidung, das Studienfach zu wechseln, hat er keine Sekunde bereut.

Auswirkungen auf die berufliche Laufbahn: Ciao Traumjob!

Was haben Steve Jobs, Bill Gates, Richard Gere, Barbara Schöneberger, Günther Jauch, Mark Zuckerberg, Brad Pitt und Mick Jagger gemeinsam? Richtig! Sie haben alle ihr Studium abgebrochen.

Die Angst vor Lücken im Lebenslauf ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Schneller, besser, weiter – um nur einige Charakteristika unserer Leistungsgesellschaft zu nennen. Wie man anhand dieser prominenten Studienabbrecher jedoch erkennen kann, bedeutet ein Studienabbruch nicht das berufliche Aus.

„Bereits in der Schule wurde uns erzählt, wie wichtig es ist, einen lückenlosen Lebenslauf zu haben. Je perfekter, desto besser seien die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Mit Lücken schmälert man die Chance auf einen guten Job“, erzählt Katja. Dieser Hintergedanke beschäftigte sie ständig und erschwerte die Entscheidungsphase. „Wer gesteht sich schon gerne ein, versagt zu haben?“, so Katja. Ein Studienabbruch muss jedoch kein Hinderungsgrund auf dem Weg zum Traumjob sein. „Ein Studienabbruch kann auch einen Mehrwert haben. Dieser kann Studierenden zwar sehr wehtun, ändert aber nichts daran, dass je nach Semester schon viele Scheine gesammelt wurden, Praktika absolviert oder auch private Interessen und Engagements verfolgt wurden. Der einzige Unterschied zwischen Abbrecher und Absolvent ist die bestandene Abschlussprüfung. Dies wissen auch immer mehr Arbeitgeber. Somit kann man sagen, dass die Folgen für den Studienabbrecher selber meist viel größer sind, als für den eigentlichen Berufseinstieg und beruflichen Werdegang“, berichtet Björn Weiß.

Auch Sören Isleib macht Studienabbrechern Mut: „Für den beruflichen Werdegang gibt es nicht wirklich Folgen, außer dass die Studienabbrecher im Vergleich zu den Absolventen etwas zeitverzögert auf den Arbeitsmarkt treten. Mir sind auch keine Untersuchungen bekannt, die einen Nachteil bei Bewerbungen feststellen, wenn im Lebenslauf ein Studienabbruch steht.“ Thomas Nelamischkies geht noch einen Schritt weiter: „Bedingt durch die aktuelle Arbeitsmarktlage hat ein Studienabbruch keine Folgen! Studienabbrecher sind in Zeiten der Akademisierung und der modernen beruflichen Lebensläufe der Generation Y, in der sich sogenannte Zick-Zack-Lebensläufe etablieren, keine Besonderheit und damit auch kein Nachteil mehr. Es kommt am Ende immer darauf an, wie das einzelne Unternehmen einen Studienabbruch bewertet.“

Die Praxis schließt sich dieser Meinung ebenfalls an: Personalberaterin Eva Dittmann schildert, dass es für Personaler hauptsächlich entscheidend sei, aus welchem Grund man wechseln möchte und ob dieser gut erläutert werden könne. „In jungen Jahren können durchaus falsche Entscheidungen getroffen werden. Die Zukunft vorausschauend zu planen, stellt eine Herausforderung dar – solange man zu seiner Entscheidung steht, stellt ein Studienabbruch oder -wechsel kein Hindernis dar. Wichtig ist, dass ein roter Faden bei der Lebensplanung erkennbar ist. Vier abgebrochene Studiengänge hintereinander zeugen jedoch eher von fehlendem Durchhaltevermögen“, so Dittmann. Außerdem sei entscheidend, ob man für den Job geeignet ist.

Diese Erfahrung hat auch die 23-jährige Sarah Klein gemacht. Sie hat ihr Informatik-Studium zugunsten eines BWL-Studiums aufgegeben. „Ich musste meinen Studienwechsel im Bewerbungsgespräch erklären, das war für mich jedoch kein Problem. Der Wechsel hat für mich schließlich nur Vorteile gehabt. Und mein Informatik-Wissen nützt mir jetzt auch im Job“, erzählt Sarah. Einen Job im Online-Marketing hat Sarah nach Beendigung ihres Studiums ohne Probleme gefunden. Gesammelte Praxiserfahrungen waren hierbei eine große Hilfe.

Plan B: Duale Berufsausbildung

Elena Bauer war im Bachelor für Kommunikationswissenschaften eingeschrieben. „Eigentlich wollte ich später etwas mit Medien machen“, erläutert sie ihre Wahl. Doch schon nach etwa zwei Monaten habe sie bemerkt, dass Kommunikationswissenschaften nicht das Richtige sei. Während der Vorlesungen habe sie lieber im Internet gesurft anstatt zuzuhören. „Die Themen wurden nur theoretisch behandelt. Mir hat die konkrete Umsetzung gefehlt“, erzählt sie. Der fehlende Praxisbezug sei auch der Grund für den Studienabbruch gewesen. Elena hat zunächst ein sechsmonatiges Praktikum in einer Werbeagentur gemacht und sich anschließend für eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation entschieden. „Eine Ausbildung passt viel besser zu mir. Ich kann die theoretischen Inhalte direkt in der Praxis anwenden“, erklärt sie. Ob sie den Studienabbruch bereut habe? „Keine Sekunde, ich stehe hundertprozentig hinter meiner Entscheidung und der Ausbildung.“

Für eine duale Berufsausbildung spricht laut Franziska Zimmermann vor allem der Praxisbezug vom ersten Tag an, die Möglichkeit direkt Geld zu verdienen und sehr gute Übernahmechancen nach der Ausbildung. Kein Unternehmen würde heutzutage noch aus Spaß ausbilden. Rainer Schaar ergänzt: „Es gibt auch jenseits einer akademischen Ausbildung beziehungsweise Karriere sehr gute, erfüllende und finanziell lukrative Karrierewege.“

Abbrechen oder durchziehen? Eine Musterlösung gibt es für diese Frage nicht. Jedoch gibt es viele Informations- und Beratungsangebote, die die Entscheidungsfindung erleichtern können. Besonders die duale Ausbildung stellt eine Alternative für Studienabbrecher dar und wird von den Handwerkskammern, der Industrie- und Handelskammer und der Bundesagentur für Arbeit unterstützt. Die Geschichten von Max, Sarah und Elena zeigen, dass man auch mit einer Lücke im Lebenslauf seinen Weg gehen kann und nicht als Versager abgestempelt wird.

Und Katja, was wurde aus ihr? Sie hat ihr Studium abgebrochen und sich für ein Studium der Informatik entschieden. „Es ist völlig in Ordnung, seinen Studiengang zu wechseln. Menschen irren sich eben auch mal. Solange man aus seinen Fehlern lernt und Erfahrungen sammelt, ist es okay“, sagt sie. Bauch gegen Kopf: 1 zu 0.

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