Toxic Positivity und die Notwendigkeit der Trauer

Egal was kommt, es wird gut, sowieso. Richtig? Solche oder ähnliche Botschaften bekommen wir nicht nur durch Radiosongs in den Kopf gepflanzt. In diesen Zeiten der sozialen Isolation ist die mentale Gesundheit wichtiger denn je. Ein trügerisches Phänomen nennt sich Toxic Positivity und bewirkt so ziemlich das Gegenteil von der Positivität, die sie verspricht.

Toxic Positivity beschreibt die Übergeneralisierung eines glücklichen, optimistischen Zustandes, der zur Verleugnung und Verharmlosung von menschlichen Emotionen führt. Oder kurz – emotionale Verdrängung. Nehmen wir ein Beispiel:

Unter dem Hashtag #positivity finden wir auf Instagram fast 32 Millionen Postings, die Hälfte davon bestehend aus motivierenden Zitaten: Alles passiere aus einem Grund, Glück sei eine Entscheidung und „good vibes only“. Was viele gar nicht als Problem wahrnehmen, kann sich als solches schnell entpuppen, wenn man einer gekränkten Person an der falschen Stelle mit Optimismus und Positivität begegnet. Nicht falsch verstehen: Optimismus kann ein gutes Werkzeug sein. Ich meine, „Gib niemals auf!“ klingt so herrlich motivierend. Aber manchmal muss man einsehen, dass Aufgeben sehr wohl eine sinnvolle Option sein kann, um dann neue, realistischere Ziele zu verfolgen. Wer also mittlerweile im 22. Semester versucht, seinen Abschluss in Bioingenieurwesen zu bekommen, sollte nicht unbedingt durchhalten und dranbleiben. „Unsere Ellenbogen-American-Dream-Gesellschaft suggeriert, dass du immer selbst schuld bist, wenn du scheiterst“, sagt Timur (@timurs.time auf Instagram), der Aufklärungsarbeit zu diesem und ähnlichen Themen in sozialen Medien leistet.

Negative Emotionen werden heutzutage schnell als Versagen oder Schwäche abgetan. Sind es aber nicht genau diese, die die vielfältige Palette des Menschseins vervollständigen? Die zahlreichen Facetten, mit denen das Leben kommt? Bereits die frühen Philosophen beschäftigen sich mit der Trauer und stellen fest, dass es ohne Trauer kein Glück geben kann. Ohne Tief kein Hoch.

Es ist einfach, die emotionale Abkürzung zu nehmen und sich kurzzeitig zwanghaft in eine positive Stimmung zu versetzen. Jedoch ist die Verdrängung von negativen Gefühlen gefährlich: Eine Studie von Gross und Levenson aus 1997 zeigt bereits, dass die Unterdrückung negativer Gefühle zum Abstumpfen jeglicher Emotionen führt. Gefühle geben uns notwendige Informationen und dienen als Warnsignal. Werden sie unterdrückt, entsteht ein emotionaler Stau. Wir fangen an, Gefühle falsch zu werten. Das oft so richtige „schlechte Gefühl im Bauch“ verliert an Bedeutung.

Dabei müssen wir nicht immer alles erklären. Alles herleiten. Uns nicht zum Optimismus zwingen. Wir müssen nicht in allem das Gute finden, denn nicht alles hat Gutes in sich. Positivität ist grundsätzlich ein guter Ansatz, denn genauso falsch wäre es, sich in einer ewigen negativen Gedankenschleife zu verstricken. Ziel sollte es aber sein, diese bewusst einzusetzen. Also lasst uns doch zum Menschsein zurückkehren und uns mit dem Leid ernsthaft auseinandersetzen, statt es nur mit leeren Phrasen und Heilversprechen abzufertigen.

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