Trampen 2017 – Funktioniert das noch?

Trampen ist oft nicht mehr erste Wahl, obwohl es doch die günstigste Methode zum Verreisen ist. Funktioniert Trampen heutzutage überhaupt noch? Ein Erfahrungsbericht von Tobias Bader.

Auf dem Weg zur Autobahn beginnt es zu regnen, Tropfen fallen auf das Glas meiner Brille. Ein rotes Auto mit Kennzeichen aus Baden-Württemberg biegt in die Tankstelle. Ich sehe verschwommen. Mein Schritt beschleunigt sich. „Hallo, fahren Sie zufällig Richtung Süden?“, frage ich eine junge Dame an der Zapfsäule, obwohl ich die Antwort kurz vor dem Osterwochenende zu wissen glaube. „Wäre es für Sie ok, wenn sie mich eine Weile mitnehmen?“ Nach dem Tanken steige ich in das Auto ein und schaue nun vom Beifahrersitz zu wie der Regen gegen die Windschutzscheibe prallt. Mehr als die Hälfte meiner Strecke kann ich bei der Studentin im roten Wagen mitfahren.

So einfach funktioniert trampen. Wartezeit: Null Minuten. Stress: Null Prozent. Ich empfinde trampen als ziemlich bequem und unkompliziert. Ich bin spontan und unzufrieden mit den Preisen der deutschen Bahn. Meine Wahl: Trampen als kostenlose Alternative. In Zeiten in denen ein Zugticket 120 Euro kostet um 450 Kilometer zu überbrücken, ziehe ich Konsequenzen. So reise ich nicht nur umweltfreundlich, sondern lerne neue Leute und ab und zu einen Luxuswagen kennen. Ich genieße die Freiheit, mich nicht frühzeitig um eine Fahrt kümmern zu müssen. Natürlich könnte ich mich drei Monate im Voraus bemühen, ein günstiges Zugticket zu reservieren, aber damit bin ich alles andere als spontan. Mit der Bahncard 50 kostet die Reise „nur“ noch 65 Euro. Immer noch weit mehr als null Euro wie beim Trampen.

Ist Trampen tatsächlich gefährlich?

Diese Einstellung teilen inzwischen wenige. Mit Facebook-Gruppen, Mitfahrzentralen und Fernbussen gibt es offenbar genug Alternativen zur teuren Bahn. Trampen verliert an Popularität und scheint auszusterben. Für die Erklärung dieses Phänomens stelle ich eine These auf: Die Informationsflut im Internet gepaart mit Terrornachrichten setzen sich unterbewusst in unsere Wahrnehmung fest und schaffen eine verklärte Wahrnehmung gegenüber Gefahr. Jungen Erwachsenen erscheint Trampen heute gefährlicher als es wirklich ist. So oder so gibt es keine absolute Sicherheit. Weder beim Trampen, noch bei den organisierten Mitfahrgelegenheiten. Trampen ist nicht gefährlicher als alleine nachts in der Stadt zu gehen, behauptet der Verein „Abgefahren e.V.“. Das ist der Verein, der die deutsche Autostop-Gesellschaft repräsentiert. Ihm sind keine Straftaten bekannt, die in Verbindung zum Trampen stehen.

„Als ich das erste Mal trampen gegangen bin, war ich schon ziemlich aufgeregt.“ Clemens Raiber ist Physikstudent und trampt oft zwischen Ulm und Köln, um seine Freundin zu besuchen: „Es ist schon jedes Mal ein kleines Abenteuer, weil ich weiß nie genau: Wann komme ich weg, wann komme ich an? Man erlebt einiges, was man erzählen kann. Eine Zugfahrt verläuft schon wesentlich unspektakulärer. An der Straße stehen an sich ist kein Abenteuer, aber ich finde es interessant was für Leute man kennen lernt.“

Aufs Trampen einlassen heißt Spontanität akzeptieren

Beim Trampen gibt es keine feste Ankunftszeit. Darauf muss man sich einlassen. Trampen ist ein Stück weit Lebenseinstellung. Es ist nicht für jeden geeignet. Man ist auf die Hilfsbereitschaft fremder Menschen angewiesen. Viele Menschen scheuen sich davor. Das Abgeben der Kontrolle. Ich vertraue mich fremden Menschen an. Andersherum trauen sie sich auch mir an. Das verbindet. Es ist eine Chance in der schnelllebigen Welt, interessante Menschen auf eine ganz andere Art und Weise kennen zu lernen. Viele Fahrer erzählen, dass sie in ihren jungen Jahren selbst trampten und deswegen auch eher bereit sind, andere mitzunehmen. Menschen in allen Gesellschaftsschichten: Arbeiter, Manager, Rentner, Studenten und auch Familien sind bereit, jemanden von der Straße aufzusammeln. Dabei macht man die ein oder andere ungewöhnliche Erfahrung. Als ich das erste Mal trampte, war ich alleine und aufgeregt. Ich wusste nicht, ob es funktioniert, probierte es einfach aus. Es war Januar, minus sieben Grad, Schneesturm, morgens gab es eine Unwetterwarnung. Ich kämpfte mich zu Fuß durch die drei Kilometer vom Bahnhof in Göttingen zur Autobahn. An der Tankstelle angekommen, klopfte ich den Schnee von meiner nassen Jacke und wartete bis ein Auto zum Tanken einbog. Kurz darauf saß ich neben einem 87-jährigen ehemaligen Anästhesiearzt in einer Luxuslimousine mit Massagesitzen. Wir unterhielten uns über Politik, Medizin, Unterschiede über Nord- und Süddeutschland, seinen Thermomix und Espressomaschinen. Im Stau bot er mir sein selbstgebackenes Brot und ein Ei an. Ich beobachtete das Schneegestöber auf dem beheizten Sitz im Wagen. Beim Abschied am Rastplatz spendierte mir der nette Herr einen Espresso und versuchte mir zu erklären, warum eine italienische Espressomaschine für 1200 Euro günstig ist. Nach kurzer Wartezeit am Riedener Wald, der Raststätte bei Würzburg sprach ich einen jungen Schweizer an, der mich bis zur gewünschten Autobahnausfahrt bei Aalen fuhr. Ich bin nicht nur kostenlos nach Hause gekommen, sondern auch schneller als mit dem ICE mit wunderbarer Unterhaltung.

So läuft es zwar nicht immer, aber angekommen bin ich bisher immer. Aus weiblicher Sicht klingt das vielleicht gefährlich und als junger Mann sei das ja einfach. Auf meinen Fahrten durch Deutschland habe ich einige Väter, welche Töchter in meinem Alter haben, befragt, ob sie ihnen das Trampen empfehlen würden. Alle waren durchweg skeptisch und lehnten ab. Auf der anderen Seite haben es Frauen einfacher mitgenommen zu werden. Und zwar ohne Vergewaltigungen. Das Bundeskriminalalmt veröffentlichte 1989 eine Studie, die belegt, dass für Frauen beim Trampen die Wahrscheinlichkeit vergewaltigt zu werden bei 1 zu 100.000 Mitfahrten besteht. Demnach besteht eine geringe Gefahr, auch für Frauen. Die größte Gefahr beim Trampen ist, in einem Autounfall verwickelt zu sein.

Innerhalb weniger Stunden neue Leute kennenlernen

Bei einer Fahrt in den Süden sprach ich eine Familie an, die mich kurz darauf mitnahm. Die Mutter fragte mich mit besorgtem Blick: „Das mit dem Trampen ist aber schon gefährlich, oder? Wer nimmt einen denn da so mit?“ Ich entgegnete ihr: „Na, Sie zum Beispiel!“ In den Köpfen von Sicherheitsfanatikern und Helikoptereltern kreist so manche unbegründete Sorge. Die Wahrheit ist: Per Anhalter durch Deutschland zu fahren ist weniger ein Wagnis als eine weitere Form der Fortbewegung. Schließlich wollen diejenigen, die einen mitnehmen, nur an ihr Ziel. Das stete Unbekannte suggeriert Abenteuerliches, aber im Endeffekt sind es spontane Mitfahrgelegenheiten, um von A nach B zu kommen. Für das Trampen bedarf es einer gewissen Abenteuerlust mit Chance, aber ohne Garantie auf ein aufregendes Abenteuer.

In den 60er Jahren gab es so viele Tramper, dass sich an Rastplätzen Schlangen bildeten. Damals gab es die Hippiebewegung und wenig junge Leute mit Auto, deshalb war es weitverbreitet. Heute trifft man sie kaum noch an der Straße. Tramper sind Exoten, die aus der Reihe fallen. Doch es gibt sie noch, und das ist gut so. In der Begegnung mit Fremden lernt man unterschiedlichste Charaktere im Querschnitt der Gesellschaft Deutschlands kennen. Ich lerne im Alltag zugegeben selten komplett fremde Menschen kennen. An einem Tag auf der Straße lerne ich manchmal mehr neue Leute kennen, als in vier Wochen davor. Das erweitert meinen Horizont. Ich lerne dabei, dass es viel mehr nette Menschen gibt, als ich vorerst glaubte.

An einer schneebedeckten Raststätte im Winter stand ich eine halbe Stunde, als ein Geschäftsmann im BMW zum Tanken anhielt. Mein Urteilsvermögen sagte mir: „Der wird dich sicher nicht mitnehmen.“ Ich dachte mir aber auch wie so oft „Was kann ich schon verlieren?“ und sprach ihn an. Mit grimmigem Blick an der Zapfsäule ertönte seine Antwort: „Jo, des kömma scho macha.“ Ich war überrascht und bedankte mich umgehend. Auf der durchaus bequemen Fahrt stellte sich heraus, dass er Österreicher war und sogar ein ziemlich freundlicher.

Immer eigener Intuition vertrauen

Vorurteile sind beim Trampen keine guten Reisebegleiter. Natürlich sollte man seiner eigenen Intuition vertrauen, aber in einem kurzen Gespräch stellt sich schnell heraus mit wem man es zu tun hat und kann bei Unsicherheit immer noch ablehnen. Trampen ist lernen. Lernen eine positive Einstellung zu behalten, in Situationen in denen man gerne aufgeben würde. Bei einer Fahrt in den Süden nahm mich ein netter Herr aus Fulda bis nach Kassel. Ich wusste nicht, wie weit ich mitfahren musste, um zur nächsten Raststätte zu kommen. Mein Fahrer beruhigte mich. Er kenne eine Raststätte mit Tankstelle auf dem Weg, die ideal sei. Ich habe mich auf Ihn verlassen. Ein Fehler, wie ich später merkte. Als wir dort aufkreuzten sahen wir nur eine riesige Baustelle und einen Rasthof auf der anderen Seite der Autobahn. Also fuhr er mich dorthin. Von dort sprach ich jedes Fahrzeug an. Ich blieb über zwei Stunden an diesem Ort erfolglos. Kein Auto fuhr in den Norden. Ich verlor langsam die Hoffnung. Ich sah nur noch eine Möglichkeit. Ich musste wieder in den Norden fahren, um an der Ausfahrt in Göttingen meine Fahrt von neuem zu beginnen. Ich sprach weiterhin freundlich potenzielle Fahrer an. Ich redete mir ein, positiv zu bleiben. Schließlich war meine Stimmung das Einzige, was ich in der Situation beeinflussen konnte.

Besonders schade ist es, wenn ein Ehepartner offen ist ein Tramper mitzunehmen, aber der andere nicht. Manche Geschäftsmänner haben im Vertrag stehen, dass sie keine Tramper mitnehmen dürfen. Nach stundenlangem Probieren, schaffte ich es zurück nach Göttingen. In Göttingen half mir eine Familie bis zur nächsten Raststätte. Von dort sprach ich zwei Herren in einer E-Klasse an, die bis nach Österreich fuhren. Ich jubelte innerlich. Mein One-Way-Ticket nach Hause. Ich konnte endlich durchatmen und es mir bequem machen. Nur wenn man die Nerven behält, kann man aussichtslosen Situationen entkommen.

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