Von der Kirche bis in den Swingerclub – Geschichten rund um Sex

Lust, Liebe, Leidenschaft und viel nackte Haut. Es polarisiert, es ist präsent und bewegt. Vögeln, miteinander schlafen, Geschlechtsverkehr, Liebe machen, koitieren – viele verschiedene Begriffe, die alle dasselbe bedeuten: Sex. Drei Paare, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sprechen ihre persönlichen Erlebnisse mit Sex.

Sex ist etwas, das uns im Alltag ständig begegnet. Von fast jedem auf den verschiedensten Arten und Weisen praktiziert, an jeglichen Orten und zu jeder möglichen Zeit. In der Kirche um schwiegen, im Swingerclub geliebt und in diesem Artikel genau unter die Lupe genommen. Angefangen bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die schon im Jahr 2015 in ihrer Studie zum Thema Jugendsexualität zu dem Ergebnis kam, dass jede:r dritte Jugendliche bis 17 Jahre bereits Geschlechtsverkehr hatte. Rund 34 Prozent der Befragten gaben an, dass das erste Mal nicht geplant war. Weniger als fünf Prozent hingegen wollten mit dem Sex bis zur Ehe warten.

„Sex ist das intimste, was du einem Menschen geben kannst. Es dem einen Menschen zu geben, den du aus tiefsten Herzen liebst, es diesem einen einzigen Menschen zu schenken, all das war für uns der Anreiz zu sagen: ich warte, anstatt mich vorher auszuprobieren“, erzählen Martha (29) und Daniel (30), die genau zu dieser Minderheit gehören. Sie haben sich mit dem ersten Mal besonders viel Zeit gelassen. Beide kommen aus christlichen Elternhäusern und durch diese religiöse Prägung war für sie schon immer klar: Sex wird es vor der Ehe nicht geben.

„Wie kommt es, dass so ein hübsches Mädchen wie du noch Jungfrau ist? Findest du nicht, dass diese Art zu denken veraltet ist?“

Das sind einige der Fragen, denen Martha aufgrund ihrer Überzeugung ausgesetzt war. Kopfschütteln ist Martha gewohnt, als bekennende Christin, die vor der Ehe nicht mit ihrem Partner schlafen möchte. Sie steht zu ihrem Standpunkt, doch unwohl fühlt sie sich trotzdem. Denn in einer aufgeklärten Gesellschaft ist die sexuelle Abstinenz nicht die Norm und wirft bei vielen neugierige Fragen auf. „Das war für mich manchmal echt richtig schlimm. In diesen Momenten habe ich einfach innerlich gebetet: Herr, ich steck hier noch Stunden fest. Bitte schenk mir die richtigen Worte, dass ich nicht meinen Standpunkt verleugne, sondern das sage was gerade richtig und angebracht ist.“ Gefahren und Versuchungen sind die beiden, so gut es ging, aus dem Weg gegangen. Übernachtungen fanden gar nicht erst statt.

Ist Sex der Gradmesser einer Beziehung?

Diese Frage hat sich die deutsche Partnerschaftsagentur Elite gestellt und kam dahingehend zu eindeutigen Ergebnissen. Unter den 722 befragten Teilnehmenden konnten sich nur sieben Prozent eine Beziehung ohne Sex vorstellen, unvorstellbar hingegen fanden das 44 Prozent. Wie schwer ist es also wirklich, der Versuchung zu entgehen?

„Ich meine, schwer ist es trotz allem gefallen. Wir sind auch nur Menschen mit Bedürfnissen, von daher war es schon ab und zu ein Kampf und wir sind gewissermaßen weiter gegangen, als wir uns vorgenommen hatten. Aber wir haben es auf jeden Fall geschafft, keinen Sex vor der Ehe zu haben und das war für uns das Wichtigste. Kommunikation war da von großer Bedeutung, dass man darüber redet, wo die Grenze beim anderen ist und man nicht einfach alles hinnimmt, obwohl man es gerade vielleicht gar nicht okay findet.“ Martha wuchs in einer deutsch-russischen Gemeinde auf, in der das Thema Sexualität, soweit es ging, umgangen wurde. Aufgeklärt wurde sie von ihren Freund:innen in der Schule, erzählt sie. Das Paar ist sich einig, dass dies dazu führt, dass besonders in den deutsch-russischen Gemeinden die offene Kommunikation zu dem Thema fehlt. „Da wird in der Jugend gelacht, wenn mal das Wort Penis fällt, weil wir Christen die Angewohnheit haben alle Themen, die uns unangenehm sind, unter den Teppich zu kehren.“ Mit ihren Ansichten sind Martha und Daniel in ihrem Leben häufig auf Verständnislosigkeit gestoßen. Trotz allem sind die beiden der Meinung, dass beim Thema Sex die Schattenseiten mit dessen Folgen oft in Vergessenheit geraten und über den emotionalen ,,Scherbenhaufen‘‘, welcher daraus resultieren kann, viel zu wenig gesprochen und insbesondere gewarnt wird.

Die Deutschen haben in ihrem Leben durchschnittlich 11,9 Sexpartner. Bei Frauen sind es im Schnitt 7,8 und bei den Männern 16,1. Für Martha und Daniel wahrscheinlich ein unvorstellbarer Gedanke. Für Kello (52) und June (36) hingegen überhaupt nicht. Die beiden führen seit vielen Jahren eine offene Beziehung, was bedeutet, dass sie innerhalb ihrer Beziehung auch mit anderen Menschen sexuell verkehren. Sie leben ganz nach dem Motto: Den Vogel, den man liebt, sperrt man nicht in den goldenen Käfig, sondern lässt die Tür offen. Das Paar, welches unter anderem in dem Fernsehformat Goodbye Deutschland zu sehen war, wanderte vor zwei Jahren mit ihren drei Kindern für ein freieres und selbstbestimmteres Leben nach Fuerteventura aus. Freiheit spielt in ihrer Beziehung eine sehr große Rolle, was einen der Gründe darstellt, wieso die beiden nicht verheiratet sind. „Wir glauben, dass Heiraten ein veraltetes Element des Zusammenlebens ist. Aus unserer Sicht ist das eher wie ein Tankeisen für die Hand, dass man glaubt, den Partner sicher zu haben. Ich kenne das aus eigenen Erfahrungen, dass man dann im Umgang nachlässiger wird. Häufig, weil man den Partner vermeintlich erst einmal in der Hand hat und sich ja das Leben einander versprochen hat, in guten wie in schlechten Zeiten. Wir glauben, dass das für uns keine Rolle spielt“, erzählt das Paar.

Die Scheidungsrate in Deutschland liegt momentan bei ca. 36 Prozent. Mathematisch gesehen ist das auf drei Ehen ungefähr eine Scheidung. Einer der am meisten angegebenen Gründe ist dabei die Untreue?

Doch wieso gehen Menschen fremd?

Mit dieser Frage haben sich auch die Forscher der Universität Göttingen beschäftigt. Gefragt wurden 219 Männer und Frauen, die sich bereits Untreue zugestehen mussten. 76 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen gaben an, dass unbefriedigender Sex in ihrer Beziehung der Grund ihres Fauxpas war. Viele wünschen sich etwas Neues im Bett, trauen sich aber nicht, offen mit ihren Partner:innen zu kommunizieren, was genau zur Frustration führt. Auch hinter Kello und Junes Fans verbergen sich einige, die genau mit diesem Problem zu kämpfen haben. „Wir kriegen viel Feedback, dass der Wunsch eine offene Beziehung einzugehen da ist und sie gerne andere Fantasien zu ihrer Beziehung hätten aber wissen, dass sie das nie mit ihrem Partner vereinbaren könnten.“ Bei der Frage ob sich beide vorstellen könnten, nur mit einer Person zu schlafen, reagieren das Ex Model und der ehemalige Banker ganz klar mit Nein. Gerade dieses Offene mache ja alles so spannend. Allerdings ist es wichtig zu betonen, dass eine einvernehmliche Entscheidung vorliegen muss. Besonders das ist auch Kello und June sehr wichtig. Die Kommunikation ist für sie das A und O. Sobald diese offene Kommunikation nicht mehr da wäre, würde für sie die Untreue beginnen. Sie bevorzugen es außerdem, eine dritte und vierte Person dazu zu holen, anstatt Alleingänge zu unternehmen. „Es darf nicht sein, dass einer zurücktritt, nur weil er dem anderen gerade einen Gefallen tun möchte. Es muss alles auf einer Augenhöhe sein und das ist uns das Allerwichtigste.“

Es ist wieder einer dieser Abende. Jenny (31) und Patrick (30) stehen am Eingangsbereich des Swingerclubs. Von der Bar-Theke hört man bereits Musik. Der Beat pulsiert und lädt zum Mitnicken ein. Es liegt ein Hauch von Erotik in der Luft. Verstohlene Blicke auf der Haut mit heißen Gedanken. Eine Prise Nervosität ist auch dabei. Was passiert heute und wem begegnen sie? Ein klassisches Swingerclub-Ambiente, welches Jenny und Patrick immer wieder aufs Neue begeistert. Die beiden sind nämlich passionierte Swingerbesucher. „Mit dem Swingern haben sie 2019 begonnen und sind seitdem wahrhaftige Fans. Wir machen das nicht um voneinander wegzukommen, sondern um etwas zusammen zu erleben.“ Für beide war von Anfang an klar: Sex ist weitaus mehr als Schwarz und Weiß. Während in den USA rund 15 Millionen Bürger:innen swingern, lassen sich in Deutschland dazu kaum Informationen finden. In einer Großstadt wie Hamburg oder Hannover kann man allerdings an einem klassischen Swingerclub-Abend mit 500 bis 600 Personen rechnen. „Die Leute machen einfach das, was sie oftmals daheim nicht ausleben können, was ich sehr schade finde. Die haben meist ganz andere Partner zuhause sitzen, die sie auch lieben, aber sie haben einfach nicht den Mut, aufzustehen und zu sagen: ,Hey Schatz ich liebe dich und ich stehe auf Füße’. Und das finde ich schade, dass die Welt da einfach noch nicht so offen ist.“ so Jenny. Bei einer anonymen Umfrage des deutschen Magazin Ze.tt zum Thema geheime Leidenschaften kam heraus, dass die Befragten besonders die Fantasien von Bondage, Sex in Latex oder Mommy Play als sehr reizvoll empfanden. Und genau dafür soll der Swingerclub sorgen: Dass Menschen einen Ort haben an dem sie ,gemeinsam oder allein, allerlei Fetische, Sehnsüchte und Fantasien ausleben können. Vom männerdominierten Gruppensex, Spielchen am Andreaskreuz bis hin zum Gynstuhl, auf dem eine Frau genauso ,,untersucht‘‘ wird wie auf dem Stuhl beim Gynäkologen, ist alles dabei. Auch Themenabende bringen Abwechslung und Vielfalt ins Swingerleben. Sei es ein Abend speziell für kurvige Frauen, einer, an schwarze Männer im Mittelpunkt stehen oder ein Abend an dem es rund um Dreier geht – hier wird jeder fündig.

Mommy Play

Der Begriff Mommy Dom kommt aus der BDSM-Szene (Bondage & Discipline)  und stellt eine Sex-Rolle dar.  Die Mommy Dom genießt hier die Kontrollfunktion, welche sie in verschriftlichen Regeln, ausgesuchten Klamotten oder grundsätzlichen Entscheidungen gegenüber den Dominierten ausübt. Genannt werden die dominierten auch ,,Baby Girls‘‘ oder ,,Baby Boys‘‘. Die Mommy Dom kümmert sich in diesem Rollenspiel also wie eine Mutter, ist aber trotzdem bestimmt wie dominante Partner:innen in BDSM.

Ein Interview mit der Sexual- und Paartherapeutin Diana Schaper

Diana Schaper beschäftigt sich in ihrer Praxis überwiegend mit Streitigkeiten und Sexuellen Differenzen in Paar- und Liebesbeziehungen. Als eine der wenigen in ihrer Branche, kommuniziert sie ganz offen die Rubrik „Dreiecksbeziehungen auf ihr Website.“

Frau Schaper, wie wahrscheinlich ist es, dass wirklich beide Partner:innen einer offenen Beziehung oder Swingerclub-Besuchen zu stimmen?

„Das kann auf jeden Fall passieren, dass einer es mehr will als der andere, was aber direkt schon sehr ungünstig ist. Genauso gut kann es aber auch passieren, dass derjenige der zuerst nicht überzeugt war, Gefallen daran findet. Häufiger geschieht jedoch das Gegenteil. Der eine Partner bemerkt, dass er es doch nicht kann.“  

Von „Ich habe gar keinen Sex“ bis zu „Ich habe viel Sex, auch mit anderen Menschen“. Welche Vor- und Nachgeile können diese drei Beziehungsmodelle mit sich bringen? 

„Bei den einen, die erstmal gar nicht miteinander schlafen, wird die Sexualität zu sehr überhöht und bekommt mehr Bedeutung, als sie eigentlich haben sollte. Das andere Extrem sieht es als etwas Normales an: Ob man Karten spielt, redet oder vögelt ist im Endeffekt das gleiche. Dort ist es dann zu unwichtig. Ich glaube, dass es ein intimer Bereich ist, wo eine Öffnung gegen über allen möglichen Leuten heikel sein kann. Die Frage ist hier: Wie wichtig ist Sexualität? Ich denke, Sex ist ein wichtiger Bestandteil. Man sollte ihn nicht überhöhen aber auch nicht zu unwichtig nehmen. “

Und welches Paar glauben sie hat auf Dauer das meiste Potential glücklich zu werden?

Wenn glücklich hier heißt, sich nicht scheiden zu lassen, würde ich sagen das Paar was kein Sex vor der Ehe hat. Aufgrund des moralischen Überbaus würden die sich nicht voneinander scheiden lassen. Wenn man wirklich vom Glück spricht, wahrscheinlich das Paar was offen lebt und offen kommuniziert. Dass man nachhause kommt und offen sagen kann: ,,Hey ich habe gestern eine schöne Frau getroffen und der Sex war toll.‘‘

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