Was Béi Chéz Heinz aus der Corona-Krise macht

Die gesamte Eventbranche steht aufgrund der Corona-Krise still. Auch das Veranstaltungszentrum Béi Chéz Heinz in Hannover Linden muss um seine Zukunft bangen. Es gilt den Live-Club solange zu finanzieren, bis er seine Türen wieder öffnen kann. Dabei sind den Ideen der Betreiber keine Grenzen gesetzt.

Von außen lässt nur ein buntes Schild erahnen, dass sich hier das Béi Chéz Heinz befindet. Das alternative Veranstaltungszentrum, in dem einst Konzerte und Events stattfanden, sieht verlassen aus. Der Hof hinter dem schweren Holztor ist leer. Eine Treppe führt vom Hof hinunter zu einer schweren Brandschutztür. Dahinter befindet sich das Béi Chéz Heinz. Vor Beginn der Pandemie, tummelten sich hier die Leute aus fast ganz Hannover, testeten ihr Wissen beim Table-Quiz oder besuchten ein Live-Konzert. Im Sommer dann oben auf dem Hof. Soweit kam es dieses Jahr nicht, denn am 13. März 2020 fand das letzte Konzert statt, die Aftershowparty musste bereits abgesagt werden.                      

Seit dem Beschluss der Maßnahmen sind nun neun Monate vergangen. Neun kräftezehrende Monate mit einem Ziel: Genug Geld bekommen, um nicht für immer schließen zu müssen. Jürgen Grambeck, Geschäftsführer des Béi Chéz Heinz, entwickelt eigene Ideen und setzt gleichzeitig auf die kreativen Einfälle seiner Mitarbeiter.

Die erste Idee war weniger gewinnbringend, jedoch längst überfällig: die gewonnene Zeit zum Renovieren nutzen. Es wurde gespachtelt, repariert, gereinigt und neu aufgebaut. Auszubildende, die normalerweise mit Bands gesprochen und Abläufe organisierten, lernten mit der Bohrmaschine umzugehen. „In dieser Zeit war uns noch allen nicht so klar, wie lange wir eigentlich geschlossen bleiben werden“, erinnert sich Vanessa Vogt, Auszubildende im zweiten Lehrjahr. „Es war am Anfang noch irgendwie lustig, wie wir da alle als Handwerker durch den Laden gelaufen sind. Eine Zeit lang durften wir dann wieder aufmachen, auch wenn es nur Sitzveranstaltungen waren. Das Hygienekonzept musste eingehalten werden. Es war schön, wieder Leute im Laden zu haben und ein kleiner Hoffnungsschimmer. Mit den bisherigen Lösungen sind sie gut über die Runden gekommen und werden sie werden auch in Zukunft positiv an die Sache rangehen, sagt Grambeck.

Dann kamen die neuen Regelungen und das Béi Chéz Heinz musste wieder schließen. Als klar wurde, dass die Schließung diesmal andauern würde, mussten neue Ideen her. Diese wurden wieder vom gesamten Team entwickelt. Zum Team gehören Jürgen Grambeck (Geschäftsführer), Stefan Henningsen (Vereinsvorsitzender) und Karl Zorn, der fest angestellt ist.  Dazu kommen drei Azubis aus jedem Lehrjahr. Vanessa Vogt hat vor einem Jahr im Béi Chéz Heinz angefangen. Als sie die Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau begann, war alles noch ganz normal. Was das bedeutet und welche Aufgaben sie als Auszubildende vor der Krise bewältigt hat, erzählt sie selbst.

 

Unter dem Motto #SangundKlanglos rief die Aktionsgemeinschaft #AlarmstufeRot dazu auf, Solidarität zu zeigen. Gekleidet in Rot protestierten am 9. September vergangenen Jahres rund 15.000 Menschen in Berlin und hofften auf ein Gespräch mit der Regierung. Gemeinsam wollen sie ein größeres Bewusstsein für die Not einer gesamten Branche schaffen. #AlarmstufeRot ist ein Kollektiv aus den einflussreichsten Initiativen und Verbänden der deutschen Veranstaltungswirtschaft. Zusammen planen sie Events und Kundgebungen. Außerdem stellen sie klare Forderungen an die Regierung. Dabei geht es vor allem ums Geld. Bisherige Hilfspakete reichen bei Weitem nicht aus und unterstützen die Betriebe, wenn überhaupt, nur kurzzeitig.

Die Forderungen der Protestbewegung sind lang. (Quelle Abbildung: Alina Vogt)

Die Interessengemeinschaft der Veranstaltungswirtschaft (IGVW) erstellte mit dem FAMAB Kommunikationsverband e.V. eine umfassende Meta-Studie, in der die Bedeutung der Veranstaltungsbranche, für die Wirtschaft, deutlich wird. Die Veranstaltungs- und Eventbranche ist laut Studie der sechstgrößte Wirtschaftszweig und bringt dem Staat einen Umsatz von rund 130 Milliarden Euro im Jahr – erwirtschaftet von nahezu 1,5 Millionen Menschen. Für die gesamte Branche ist es kaum nachvollziehbar, dass Hilfspakete so gering ausfallen und so schleppend ausgezahlt werden. „Man muss sich das wie einen großen Pott mit Geld vorstellen. Es ist klar, dass nicht jeder etwas davon abhaben kann und es herrscht Windhundverfahren“, erzählt Vanessa. Kleinere Betriebe, die sich von Anfang an nicht über Wasser halten konnten, erschöpfen den Pott und größere Betriebe wie das Béi Chéz Heinz haben nun Probleme, an das Geld zu kommen

Das Warten auf die Hilfsgelder kann sich zudem kaum ein Veranstalter leisten. So muss auch das Béi Chéz Heinz umplanen und weiterhin auf gewinnbringende Einfälle setzen. Vanessa erzählt, welche Ideen das Team Anfang 2020 entwickelt hat und wie sie sich nach neun Monaten Ausnahmezustand fühlt.

Die Corona-Krise ist noch nicht überstanden. Noch müssen die Mitarbeiter die Köpfe zusammenstecken, Ideen entwickeln, ein wenig weiter durchhalten und vor allem eins: die Hoffnung nicht verlieren. Denn neben finanziellen Schwierigkeiten und dem Chaos, erfährt die Branche einen Zusammenhalt, der sie gemeinsam stärker macht. Das Gefühl, bei etwas Großem dabei zu sein, gebe Vanessa Halt. Die anlaufenden Impfungen lassen hoffen.

„Ich weiß, dass es noch dauern wird, bis die ganzen Impfungen durch sind“, erzählt Vanessa. „Aber wir haben es jetzt schon so weit geschafft, den Rest packen wir auch noch. Vielleicht sitzen wir diesen Sommer schon oben auf dem Hof, irgendeine coole Band spielt und die Leute tanzen ausgelassen. Einfach unbeschwert durchs Leben gehen. Ich glaube, dieses Gefühl braucht jeder von uns. Und wie bei so vielen Sachen liegt es an uns. Wir müssen jetzt alle zusammenhalten, mal ganz abgesehen von der Eventbranche. Für die Zukunft von uns allen.“

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