Was taugen Persönlichkeitstests?

Wir sind die Generation, die auf der Suche nach Antworten ist. Wir hinterfragen. Wir suchen nach Lösungen. Persönlichkeitstests sollen Antworten liefern. Doch wie viel Persönlichkeit steckt in solchen Verfahren?

Leises Getuschel. Die Stifte werden abgelegt und gleich wieder aufgenommen. Blätter werden wild umgedreht. Die große Frage: „Was soll ich denn hier bloß antworten?“, schallt über die Tische hinweg. Hier ein Häkchen, dort ein Häkchen. Leere und fragende Gesichter, wohin das Auge reicht. Die Blätter werden abgegeben. Erleichterung… Erregte Gespräche nehmen ihren Lauf. Typische Situation beim Schultest? Fehlanzeige! Stichwort: Persönlichkeitstests. Hierbei werden keine Noten verteilt, sondern Persönlichkeiten.

Wer schwelgt nicht auch noch in Nostalgie, wenn er an die kleinen Psychotests in der BRAVO zurückdenkt? Auf dem Pausenhof, bei Pyjamapartys oder beim gemütlichen Filmeabend mit Freunden – Persönlichkeitstests waren überall der absolute Renner. Mit ein paar Fragen hat man innerhalb weniger Minuten angeblich erfahren, welchem Star man am ähnlichsten ist. Eben noch Selena Gomez gehört, in der nächsten Sekunde wie sie sein. Ein Traum wird wahr!

Damals war es kinderleicht, den Psychotest im Magazin auszutricksen und das Ergebnis so zu verfälschen. Je häufiger der Test durchgeführt wurde, desto einfacher war er zu durchschauen. Ein Image, mit dem Persönlichkeitstests wohl immer noch zu kämpfen haben.

Sozial erwünschte Antworten

Bei solchen Psycho-Schnelltests gibt es tatsächlich „eine Vielzahl an Möglichkeiten, Antworten zu verfälschen“, sagt Nina Ruck vom Klinikum Braunschweig.

Die Option der Manipulierbarkeit sei vor allem der Selbstbeurteilung geschuldet. So treten häufig Phänomene, wie die soziale Erwünschtheit auf, die bei der Beantwortung von Persönlichkeitsfragebögen oder anderen Selbsteinschätzungsverfahren regelmäßig auftritt. Personen antworten demzufolge nicht wahrheitsgemäß, sondern geben Antworten, die sozial gebilligt und erwünscht sind. Wenn Probanden beispielsweise wissen was die Fragen bezwecken, werden sie so antworten, wie es gut ankommt, so Beate Muschalla, Psychotherapeutin und Psychologieprofessorin an der TU Braunschweig.

Mittlerweile ist die Liste der Persönlichkeitstests endlos. Mit ein paar Klicks erfährt man, welchem Seriencharakter und welcher Hunderasse man am ähnlichsten ist, oder welchem Haus man in Hog- warts angehören würde (ohne sprechenden Hut?). Von Tests wie diesen über 16 Persönlichkeiten bis hin zu professionellen Verfahren. Die reinste Qual der Wahl! So sollen Persönlichkeitstests heute tat- sächlich in der Lage sein, uns zu durchschauen – nicht mehr umgekehrt.

„Sehr häufig kommt die Reaktion, dass es erschreckend zutreffend ist – wie ein Spiegel“, sagt Anton Lapin. Als Personaler und Bewerbungscoach arbeitet er tagtäglich mit Persönlichkeitstests. Solche diagnostischen Verfahren sollen Unternehmen angesichts hoher Personalbesetzungskosten helfen, das Risiko einer Fehlbesetzung zu reduzieren. Das Versprechen: eine erste Sicherheit, dass der Bewerber mit dem Anforderungsprofil übereinstimmt. Zudem dauere die Einarbeitung der Mitarbeiter nicht so lange und Aufgaben werden schneller und effektiver umgesetzt. Doch auch für Bewerber seien Persönlichkeitstests von Vorteil. Denn vielen Menschen sei gar nicht bewusst, wo ihre Stärken liegen und können diese somit nicht argumentativ in Bewerbungsgesprächen darlegen. Solche Tests geben erste Hinweise, „welche Stärken der Mensch hat und welche Berufsbilder dazu passen“, so der Personaler und Bewerbungscoach. Auf diese Weise erfahren Bewerber, welches Karrierepotential in ihnen steckt und die Chancen für einen passenden Job steigen. „Denn wenn der Job nun mal Spaß macht […], wird der Mensch eher die Tendenz dazu haben, Überstunden zu machen, eine Extrameile zu gehen, sich selbst weiterzubilden.“ Faktoren, die für eine erfolgreiche und menschliche Zusammenarbeit entscheidend seien.

Der Selbstdarstellungsdrang befeuert den Trend

Doch auch privat erleben Persönlichkeitstests ein wahres Comeback – mit großer Euphorie auch jenseits des Kinderzimmers. Insbesondere „die Generation, die jetzt gerade in der Bewerbungsphase ist – die Menschen, die viele Dinge hinterfragen, die sich selbst auch mehr hinterfragen als die Generation noch vor 30 oder 40 Jahren“, nutzen Persönlichkeitstests häufiger denn je, erklärt Anton Lapin. Sie sind hungrig – haben Appetit auf Wissen. Aber warum sind wir überhaupt so wild darauf, uns selbst kennenzulernen? Unsere Persönlichkeit ergründen zu lassen?

Wie wurde ich zu dem, was ich bin? Warum verhalte ich mich in manchen Situationen so und nicht anders? Wir fragen uns, warum es manchen Menschen einfach fällt, auf andere zuzugehen – anderen hingegen so schwer. Persönlichkeitstests sollen Antworten auf genau diese Fragen liefern, indem sie komplexe Konstrukte anhand von Kategorien vereinfachen. Frau Muschalla zufolge helfen Persönlichkeitstests dabei, uns selbst und andere besser zu verstehen. Es sei spannend, sich selbst oder andere, anhand von Persönlichkeitsdimensionen einzuordnen. Die Psychotherapeutin und Professorin der TU Braunschweig sieht die Blütezeit solcher Tests unter anderem darin begründet, dass sich manche Menschen gern selbst darstellen, „möglichst günstig und extravagant“. Dies wollen sie dann anhand der Testergebnisse fundieren.

Im privaten Kontext ist dafür derzeit der 16-Persönlichkeiten-Test besonders beliebt. Ob in Instagramstories oder Blogbeiträgen – dieser Test hat es der wissenshungrigen Generation besonders angetan. Neugierig geworden? Wie genau dieser Test abläuft, ist im Infokasten genauer beschrieben.

Kritiker werfen diesem jedoch Unzuverlässigkeit vor. Die Popularität sei dem sogenannten Barnum- Effekt geschuldet. Demzufolge neigen Menschen dazu, vage und allgemeingültige Aussagen auf sich selbst zu beziehen und als wahrheitsgemäße Beschreibung anzunehmen.

 

Schwarze Schafe erkennen

Natürlich gibt es schwarze Schafe, allerdings stimmen viele Aussagen tatsächlich, sowohl mit dem eigenen Empfinden, als auch mit Aussagen von Freunden, überein. Die Bestätigung dieser Beschreibungen durch Freunde bewahrheitet in einigen Fällen somit zusätzlich das Zutreffen dieser Beschreibungen.

Der 16-Persönlichkeiten-Test

Der 16-Persönlichkeiten-Test basiert auf dem Persönlichkeitsmodell des Myers-Briggs-Typindikators, bei dem 185 Aussagen anhand einer 5er-Skala bewertet werden. Daraus entstehen 16 Kombinationsmöglichkeiten, die die Persönlichkeit anhand von vier Dimensionen beschreiben. So entstehen Buchstabenkombinationen wie INTJ-A oder ENFP-A – Kombinationen von Extremausprägungen der zugrunde liegenden Dimensionen. Diese Buchstabensalate sind letztendlich nur Bezeichnungen für die Persönlichkeitstypen Architekt und Aktivist. Wer sich durch diese beachtliche Zahl von Aussagen durchgeklickt hat, erhält nun eine seitenlange Auswertung.

Die Wissenschaft steht solchen Verfahren jedoch, aufgrund fehlender theoretischer Strenge skeptisch gegenüber. Doch was macht einen Persönlichkeitstest seriös und aussagekräftig? Ein seriöser Persönlichkeitstest steht stets auf solider wissenschaftlicher Basis und berücksichtigt die Gütekriterien Reliabilität, Validität und Objektivität der empirischen Forschung, sagt Frau Ruck. Seien diese Faktoren nicht gegeben, so handelt es sich nicht um einen vertrauenswürdigen und messbaren Test, findet sie. Die Seriosität ist oft jedoch auch durch die dahinterstehende Institution zu erkennen. Eine Forschungseinrichtung oder Universität wird beispielsweise auf wissenschaftliche Standards achten.

In der Psychologie wird daher, laut Frau Ruck, vor allem auf das sogenannte Big-Five-Persönlichkeitsmodell zurückgegriffen, das fünf grundlegende Persönlichkeitsdimensionen postuliert. Die Auswertung fällt hier deutlich knapper aus als beim 16-Persönlichkeiten-Test, liefert allerdings konkrete Werte und bezieht andere Teilnehmer für einen Vergleich mit ein. Mehr dazu im Infokasten.

Der Big-Five-Test

Beim Big-Five-Test werden menschliche Eigenschaften mittels fünf Dimensionen beschrieben: Offenheit für neue Erfahrungen/Intellekt, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Anhand ei- ner 5er-Skala schätzt man sich selbst in 48 verschiedenen Situationen ein. Zusätzlich zur eigenen Einschätzung kann eine weitere Person bewertet werden, um genauere Ergebnisse zu erhalten.

Man erhält eine relativ knappe Auswertung zu den fünf Dimensionen. Kleine Skalen zeigen zusätzlich den Perzentilwert auf, der angibt, wie viel Prozent der Teilnehmer in dieser Dimension weniger Punkte als man selbst erreicht haben.

In Bewerbungsprozessen findet häufig das AECdisc-Modell Verwendung, so Lapin. Es erfasst vor allem die Stärken und Motive der Bewerber. Zudem sei es wissenschaftlich fundiert und habe einen Mehr- wert. Bisher nutzen nur wenig Unternehmen Tests wie diese – möglicherweise aufgrund monetärer Dinge oder Unwissenheit. Nichtsdestotrotz ist Anton Lapin „überzeugt davon, dass es für Unternehmen und Unternehmer hilfreich ist, mit Persönlichkeitstests zu arbeiten“. So geben sie sich selbst und dem Bewerber die Chance, eine gute Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Was den Wahrheitsgehalt dieser Tests anbelangt, scheinen sich Psychologen einig zu sein. Wie viel eigene Persönlichkeit sich jedoch tatsächlich in Persönlichkeitstests verbirgt, kommt auf den Einzelfall an. Wer bei der Bearbeitung solcher Verfahren viel nachdenkt und nicht intuitiv handelt, frisiert das eigene Ergebnis tendenziell. Wer Tests wie diese allerdings gewissenhaft und intuitiv ehrlich bearbeitet, erhält ein Ergebnis, das dem eigenen Ich verdächtig nahekommt. „Voraussetzung ist: man ist bereit, sich mit sich selbst zu befassen“, so Anton Lapin. Stimmen Freunde oder Familie diesem zusätzlich zu, scheint der Persönlichkeitstest genau ins Schwarze zu treffen. Genauer gesagt: Es steckt genau so viel Persönlichkeit in diesen Tests wie man bereit ist, zu offenbaren!

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